Kieler "Tatort" über Islamistin Mein Kopftuch, meine Waffe

Unter Salafisten: Der Kieler "Tatort" folgt einer jungen Deutschen auf ihrem Weg in den religiösen Fundamentalismus - leider geht dem Film auf halber Strecke die Luft aus.

NDR/ Christine Schroeder

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Probelauf mit Verschleierung: Die junge deutsche Frau, die gerade dabei ist, zum Islam zu konvertieren, zieht durch die Einkaufsstraßen Kiels, und durch den Schlitz des Nikab registriert sie bei den Menschen Befremden, Misstrauen und offenen Hass. Eine Ablehnung, die wiederum die junge Frau in ihrer Abneigung gegen die westliche Konsumwelt bestätigt. Im Laufe der Filmhandlung sagt sie einmal stolz: "Eure Farben sind nicht meine Farben."

Selbstversuche mit Vollverschleierung haben momentan Konjunktur. Für RTL-Reportagen werden junge Probandinnen in Burkas gesteckt, auf dass sie danach, glücklich schwitzend, dass der Spuk vorbei ist, Auskunft geben über die voll krasse Schleier-Erfahrung. Zeitungen schicken ihre besten Reporterinnen los, um ein bisschen einfühlsamer im Egoexperiment über das Weltempfinden unter der Verhüllung zu sinnieren. Ich fühl mich so Burka.

Der neue Kieler "Tatort" über eine Siebzehnjährige, die zum Spielball salafistischer Kräfte wird, die auch vor Mord nicht zurückschrecken, nimmt nun ebenfalls den Emotionalisierungseffekt der Religionsausübung ins Visier. Der Nikab wird hier zum pubertären Requisit, das der jungen Frau hilft, ihr Fremdsein in der Welt zum Ausdruck zu bringen. Mein Schleier, meine Waffe.

Dieser Erzählansatz geht im neuen "Tatort" so lange auf, wie er ganz dicht an der Hauptfigur bleibt. In das Porträt der deutschen Konvertitin sind unterschiedliche reale Beispiele eingegangen; einmal wird auf den Fall der Hannoveranerin Safia S. angespielt, die einem Bundespolizisten ein Messer in den Hals rammte.

Religiös verbrämte Selbstverletzung

Regisseur Raymond Ley arbeitet stets mit klaren Bezügen zu realen Ereignissen und Personen, wie kaum ein anderer hat er in den vergangenen Jahren das Format des Dokudramas ausgelotet. Vor drei Jahren rekonstruierte er in dem Bundeswehrfilm "Eine mörderische Entscheidung" die Bombardierung zweier Tanklaster in Kunduz, bei der mindestens 100 Menschen starben. Für Aufsehen sorgte auch seine Beate-Zschäpe-Annäherung "Letzte Ausfahrt Gera", wo er Anfang des Jahres die NSU-Frau bei einem Besuch bei der Oma zeigte. Zuvor hatte Ley in einem Dokudrama anhand von Buchzitaten das Leben von Anne Frank in ihrem Versteck dargestellt.

Vom Holocaust-Opfer zur Islamistin: Die Rolle der deutschen Konvertitin im "Tatort" besetzte Regisseur Ley mit Mala Emde, die unter seiner Regie auch schon Anne Frank verkörperte. Die Szenen mit ihr sind stark. Wenn sie (leider zu arg penetrant eingesetzter arabischer Musik) verhüllt durch Kiel streift, der Blick voller Ekel, dann wird der Hass auf die Welt manifest. Hier tobt ein Krieg unterm Kopftuch - den die Protagonistin allerdings vor allem gegen sich selbst führt. Eine religiös verbrämte Selbstverletzung.

DER SPIEGEL

Doch leider funktioniert kaum eine Szene, mit der das Szenario in den Bereich der Familienpsychologie oder der Gesellschaftspolitik erweitert wird. (Drehbuch: Charlotte I. Pehlivani, Drehbuchbearbeitung: Hannah und Raymond Ley) Die Dialoge mit der Mutter sind extrem hölzern, der Dreh Richtung Verfassungsschutz wirkt konstruiert. Am Anfang haben Kommissar Borowski (Axel Milberg) und Kollegin Brandt (Sibel Kekilli) nur den Mord an einer Mitschülerin der Konvertitin aufzuklären, am Ende geht es um Kompetenzrangeleien mit dem Verfassungsschutz.

Denn die junge Deutsche wird in einer Salafisten-Gemeinde aufgenommen, die in dem Verdacht steht, Kontakte mit dem IS zu unterhalten und bei der von der Konkurrenzbehörde (verkörpert von einem etwas zu lässigen Jürgen Prochnow) Mittelsmänner und Mittelsfrauen eingeschleust wurden. Eine von ihnen wird später auch noch ermordet.

Die Rolle des Verfassungsschutzes bleibt in der Gemengelage nur Behauptung, die Radikalisierung der jungen Deutschen zur glühenden Salafistin gerät aus dem Fokus, die Aufklärung des ersten Mords erscheint wie angeklebt. Ein Themenkrimi, der irgendwann unter seinen großen Ambitionen zusammenklappt.

Bewertung: 5 von 10 Punkten


"Tatort: Borowski und das verlorene Mädchen", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

Zum Autor
Saima Altunkaya
Christian Buß ist Kulturredakteur bei SPIEGEL ONLINE mit Schwerpunkt Medien und Gesellschaft. Seine Kollegen denken, er hat eine Macke, weil er nicht nur gefeierte US-Serien schaut, sondern auch jeden "Tatort". Doch der TV-Krimi ist nun mal mehr als ein Täterrätsel - er öffnet ihm ein Fenster in die bundesrepublikanische Wirklichkeit.

E-Mail: Christian_Buss@spiegel.de

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salamicus 05.11.2016
1. Den lasse ich aus
Schade, da freue ich mich auf Kiel und müsste mir morgen weismachen lassen, dass wir alle, also ohne Ausnahme, auch irgendwie Schuld daran tragen, dass diese jungen, verzweifelten, gedemütigten, beleidigten, nach Liebe lechzenden Menschen sich abwenden und blitzradikalisieren und so weiter und so fort et ad nauseam. Ich rieche förmlich den Plot und bin jetzt schon verstimmt. Na, die Foristen hier werden das übermorgen bestätigen oder widerlegen...
cafe-wien 05.11.2016
2. Warum?
Was soll das, ARD? Der Borowski-Tatort gehört zu den besten Tatorten, den die ARD aufzubieten hat. Es gibt lediglich eine Hand voll Tatorte und Polizeirufe 110, die sehenswert sind. Der Kieler Tatort gehörte dazu. Jetzt wird er für öde Mainstream-Propaganda kaputt gemacht. Warum? Was soll das? Wir, das zwangszahlende Publikum, werden von morgens bis abends mit Moslemflüchtlingspropaganda im ARD-Style zugedröhnt. Der Hang zur Monothematik in der ARD ist enervierend. Jetzt auch noch im Tatort. Ich - und da bin ich wahrlich nicht allein - will soetwas nicht sehen an einem Sonntagabend! Reicht die mitspielende hervorragende Kekilli nicht? Ich habe bisher JEDEN Borowski geschaut. Nun wird es zu einer Premiere kommen: Ich werde den kommenden Tatort so behandeln, wie ich die öden, auserzählten Tatorte mit Postel, Furtwängler-Burda und vor allem Folkerts behandle: Ich schaue ihn nicht! Sie, ARD, werden die Quittung per Quote bekommen! Da bin ich mir sicher. Montagmittag sind wir "schlauer", heißt: Dieser Tatort wird aufgrund Ihrer propagandistischen Grundanlage etwas kaputt machen, das wirklich nicht kaputt gemacht werden müsste: den Kieler Tatort.
apropos48 06.11.2016
3. Borowski und der stille Feind:
Ein Drehbuch über eines dieser Themen, die man in unzähligen Dokus/Talkshows um die Ohren geschlagen bekommt. Hoffe, dass es die Figur Borowski nicht kaputt macht. Den Statements von 1. Und 2. Ist nichts hinzuzufügen. Ich werde definitiv nicht einschalten.
Dramaturgenfrau 06.11.2016
4. Das Problem der öffentlich-rechtlichen Sender seit Jahren
Zitat von apropos48Ein Drehbuch über eines dieser Themen, die man in unzähligen Dokus/Talkshows um die Ohren geschlagen bekommt. Hoffe, dass es die Figur Borowski nicht kaputt macht. Den Statements von 1. Und 2. Ist nichts hinzuzufügen. Ich werde definitiv nicht einschalten.
Ich sehe das genauso wie Sie! Das Problem von ARD und ZDF ist, das wurde von café-wien schon angesprochen: der monothematische Dauerterror. Ich frage mich schon lange: Was versprechen sich diese von uns künstlich am Leben gehaltenen Sender von dieser alltäglichen, über Wochen und Monate anhaltenden Monothematisierung? Begriffe wie "Übersättigung" scheint es in den Redaktionsstuben von ARD und ZDF nicht mehr zu geben. Fakt ist: Ich schalte kaum noch das öffentlich-rechtliche TV ein, da ich weiß, dass es nur noch aus den vier Säulen der Monothematik besteht: 1. Krimis, 2. Talkshows (mit dem Thema Moslems, Flüchtlinge, Islamterror), 3. Spielshows und 4. Wiederholungen. Die Fantasielosigkeit bei den Verantwortlichen von ARD und ZDF steigt mit der jährlichen Höhe der Zwangsgebühren, die zur Zeit bei über ACHT MILLIARDEN Euro jährlich liegen. Und um die Monothematik ins Unermessliche zu steigern, werden die Themen in den genannten vier Grundsäulen von ARD und ZDF jetzt hysterisch vermischt: Moslems und Islamterror im Tatort und direkt danach Anne Will mit genau diesem Thema. Wie letzte Woche, und vorletzte Woche, und vorvorletzte Woche und eigentlich jeden Tag von morgens bis abends bei ARD und ZDF. Ich bin diesbezüglich völlig übersättigt und schalte nicht mehr ein. Adieu, ARD und ZDF! Ich kann nur alle, denen der Tatort was wert ist, zum Boykott des 999. Tatorts, heute mit Borowski, aufrufen!
macfant 06.11.2016
5. Wieder einmal...
tragen Foristen ihre Borniertheit als eigene Religion vor sich her. Wie wäre es damit: "Okay, ist jetzt nicht mein Lieblingsthema, aber entweder schaue ich es mir zur Meinungsbildung an, oder ich lasse es, halte mich dann aber auch aus der Diskussion raus - mangels Grundlage." Aber (Meinungs-)Bildung ist halt anstrengender, als die eigene Mittelmäßigkeit mit Geschrei zu übertönen.
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