»Tatort«-Abgesang auf die Hippie-Ära Sommer der Triebe

Jimi Hendrix, Johannes Brahms und tote Blumenmädchen: Kommissar Borowski sieht sich im »Tatort« mit der düsteren Seite des Summer of Love und der eigenen Vergangenheit konfrontiert.
Mina Rueffer, August Milberg als junger Klaus Borowski in der »Tatort«-Folge »Borowski und die dunkle Seite des Mondes«

Mina Rueffer, August Milberg als junger Klaus Borowski in der »Tatort«-Folge »Borowski und die dunkle Seite des Mondes«

Foto: Christine Schroeder / NDR

Im Sommer 1970 war er ja bereits vorbei, der Summer of Love. Auf der Ostseeinsel Fehmarn trafen sich am ersten Septemberwochenende die verspäteten deutschen Hippies zum verregneten »Love-and-Peace-Festival«. Jimi Hendrix spielte dort neben heute fast vergessenen Größen wie Colosseum oder Alexis Korner seinen letzten großen Auftritt, ein paar Tage später erstickte er in einem Hotelzimmer in London an seinem Erbrochenem.

Zwei Möchtegern-Blumenkinder, die es nicht mal zum Schlussakkord des Sommers der Liebe schaffen, hängen in diesem »Tatort« am 5. September an einer Tanke bei Kiel fest. Es sind ein Mädchen und ein Junge, um die 14, 15 Jahre. Er will nach Hause zurück und ruft von einer Telefonzelle aus die Eltern an, sie steigt in einen fremden VW-Bus, kommt aber nie auf Fehmarn an. Von dem Mädchen verliert sich jede Spur, die Behörden gehen von einem Mord aus.

Kommissar Borowski (Axel Milberg) inmitten seines Kollegiums: Was geschah vor über 50 Jahren?

Kommissar Borowski (Axel Milberg) inmitten seines Kollegiums: Was geschah vor über 50 Jahren?

Foto: Christine Schroeder / NDR

Über 50 Jahre später hat der Junge die Ereignisse immer noch nicht verarbeitet: Es ist der Kriminalhauptkommissar Klaus Borowski (Axel Milberg), der vielleicht nur deshalb zur Polizei gegangen ist, weil ihn das ungelöste Verbrechen nicht losgelassen hat. Nun hat er die Chance, es aufzuklären: Nach einem Sturm ist in einem Wald unweit der Tanke von damals eine Eiche umgestürzt, im Wurzelgeflecht findet man den Schädel einer Frauenleiche – die sterblichen Überreste seiner Jugendfreundin.

Aus den Untersuchungen ergeben sich Verbindungen zu anderen sogenannten Lustmorden aus der Hippie-Zeit und danach: Sommer der freien Liebe? Sommer der düsteren Triebe!

Borowski bald in Rente?

Ein legendäres, Jahrzehnte zurückliegendes Konzert und ein sexuell konnotiertes Cold-Case-Szenario – das gab es schon mal im Sonntagskrimi: Im Rostocker »Polizeiruf« ging es vor fünf Jahren um den historischen Auftritt von Bruce Springsteen in Ost-Berlin 1988, der zum Fixpunkt für einen neu eröffneten Fall wurde. Der Kieler »Tatort« geht da in der Pophistorie noch zwei Jahrzehnte weiter zurück, und dieses Aus- und Überreizen des Zeitkontextes ist ein bisschen sein Problem. Es ist zwar eine wunderbare Lösung, dass der junge Borowski von Axel Milbergs Sohn August verkörpert wird – aber streng genommen müsste die Filmfigur Borowski, wenn sie denn vor 52 Jahren 14 Jahre alt war, jetzt bereits in Rente sein, oder spätestens nach diesem Fall in Rente gehen.

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Kommissar-Karussell: Alle »Tatort«-Teams im Überblick

Foto: Thomas Kost / WDR

Aber das wäre doch auch irgendwie schade, weil die Episode dieser Konstruktionsschwäche zum Trotz noch einmal die Stärken des Kieler »Tatorts« zeigt. Psychologisch und visuell ist »Borowski und der Schatten des Mondes« (Buch: Patrick Brunken, Torsten Wenzel, Regie: Nicolai Rohde) nach einigen halbgaren Produktionen endlich wieder eine bessere Folge geworden. Highsein, Freisein ist hier nicht so das Thema, stattdessen geht es wieder mal schnurstracks und einigermaßen plausibel in die düsteren Obsessionen eines Verdächtigen hinab.

Die Flowerpower-Zeit hallt nur noch in Form von Hendrix’ verwehten »Purple Haze«-Akkorden und grobstichigen Impressionen vom verregneten Fehmarn-Festival in die Gegenwart. Befreit wurde in den Sechzigern und Siebzigern offenbar niemand so richtig – vor allem nicht die Männer von ihren aggressiven Vätern: Im Eichenwald zwischen Jagdständen und Hütten zum Ausnehmen des Wilds herrscht offenbar noch immer ein fataler archaischer Männlichkeitskult.

Einmal sehen wir den Hauptverdächtigen (Stefan Kurt) im Souterrain zwischen den Jagdutensilien seines Vaters dem Gesang in Johannes Brahms’ »Deutschem Requiem« auf dem alten Plattenspieler lauschen. Die Worte passen recht schön in die Stimmung dieses »Tatort«-Trauergesangs auf die nicht eingelösten Versprechungen der Hippie-Ära: »Das Gras ist verdorret / und die Blume abgefallen.«

Bewertung: 7 von 10 Punkten

»Tatort: Borowski und der Schatten des Mondes«, Sonntag, 20.15 Uhr, Das Erste