"Tatort" über Obdachlose Asis mit Attitüde

Absturz geht auch mit Würde: Der neue Bodensee-"Tatort" taucht ins Obdachlosenmilieu hinab und verleiht den Randexistenzen starke, kluge, sogar komische Stimmen.

ARD/ Stephanie Schweigert

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Ein Baby, viele Väter, allesamt Alkoholiker. Das klingt nach fahlem Sozialreport, das ist in Wirklichkeit aber der "Tatort" mit den funkelndsten Dialogen seit geraumer Zeit. Immer wenn man im Laufe dieses Krimis aus dem Obdachlosenmilieu denkt, die Figuren sind auf dem besten Weg, zu Penner-Pappkameraden zu verkommen, hauen sie eine Zeile für die Ewigkeit raus.

Etwa diese hier, gesprochen von einem jungen Mann mit schlechter Haut, aber feinstem Pogo-Stammbaum: "Mein Vater war Punk, ich bin Punk, und wenn ich einen Sohn habe, wird der auch Punk." Starke, stolze Worte: Auf diese Weise gibt man den Abgestürzten und Abgewrackten Würde zurück.

Denn auch wenn es zuerst nicht auffällt: Die Gestalten, die in der Asi-Absteige mit dem schönen Namen "Côte d'Azur" herumhängen, ringen schon irgendwie um ihre Würde. Mögen sie auch ziemlich lächerlich aussehen in ihren rissigen Weihnachtsmannkostümen, in denen sie zur Adventszeit auf Christmärkten so tun, als ob sie für Orang-Utans sammeln, während sie doch Kleingeld fürs Besäufnis zusammenzukriegen versuchen.

Erschlagen vom Weihnachtsmann

Sie beklauen einander, sie behüten einander. Sie beschimpfen einander, sie verteidigen einander. Mittendrin in dem aufgewühlten Haufen: die schöne Hartz-IV-Empfängerin Vanessa, die in gezockten Designerklamotten hierherkommt, den Kinderwagen mit ihrem schreienden Baby in die Ecke stellt und sich mit den anderen die Lampen ausgießt.

Eines Nachts wird sie auf offenem Feld von einem Mann im Weihnachtsmannkostüm erschlagen, das Baby findet man am nächsten Morgen halb erfroren im Kinderwagen unter einem Baum. Verdächtige gibt es so viele wie potenzielle Väter: Als Klara Blum (Eva Mattes) und Kai Perlmann (Sebastian Bezzel) im "Côte d'Azur" auflaufen, nehmen alle Kerle auffällig viel Anteil an dem Schicksal des Kleinen. Jeder glaubt, er könnte der Erzeuger sein. Irgendwann stehen drei vor ihnen auf der Intensivstation, auf der das Baby liegt - wie die Heiligen Drei Könige vor dem neugeborenen Heiland.

Keine Angst, droht Kitsch, holen die Filmemacher die Keule raus. Drehbuchautor Wolfgang Stauch und Regisseur Ed Herzog haben schon einige gute Krimis zusammen gedreht, unter anderem die "Tatort"-Folge "Die schöne Mona ist tot", die vielleicht beste aus Konstanz überhaupt, in der es auch schon um Suff, Sehnsucht und verquere Formen der Liebe ging. Autor Stauch hat außerdem den starken Rostocker "Polizeiruf" aus dem Müllsammlermilieu von 2010 geschrieben.

Wie damals gelingt es ihm auch jetzt in dem Bodensee-"Tatort", den Pennern eine Stimme zu geben, mit der sie Abhängigkeiten und Grausamkeiten erklären können, ohne dass das alles zu gekünstelt wirkt. Man nehme nur den Augenblick, wo eine der Bewohnerinnen des "Côte d'Azur" einen der Männer in Weihnachtsmannkostüm anklagt, den Mord begangen zu haben: "Komm, jetzt nimm diesen Scheißbart ab, damit ich dich als Gewaltverbrecher ernst nehmen kann."

Gelegentlich übersteuern die Darsteller ihre Elendsperformance - wie sie aber als Asis mit Attitüde das komplizierte Sozialgeflecht in ihrem Clochard-Kosmos tragikomisch auf den Punkt bringen, das ist großes Dialogfernsehen.

Bewertung: 8 von 10


"Tatort: Côte d'Azur", Sonntag, 20.15, ARD

Zum Autor
Christian Buß ist Kulturredakteur bei SPIEGEL ONLINE mit Schwerpunkt Medien und Gesellschaft. Seine Kollegen denken, er hat eine Macke, weil er nicht nur gefeierte US-Serien schaut, sondern auch jeden "Tatort". Doch der TV-Krimi ist nun mal mehr als ein Täterrätsel - er öffnet ihm ein Fenster in die bundesrepublikanische Wirklichkeit.

E-Mail: Christian_Buss@spiegel.de

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Jörgi1980 30.10.2015
1. Neben
Münster ist der Bodensee-Tatort immer sehenswert. Gleich danach kommt Wien und Kiel.
lemmy 30.10.2015
2. @Jörgi1980: Sehe ich ähnlich
Aber mir sind da doch noch mehr eingefallen: Die Lindholm aus Schleswig (oder Hannover ?) und die beiden älteren "Ehepaare" aus Köln (Schenk, Ballauf) und München (Batic, Leitmayer), sehe ich auch meist ganz gerne.
cafe-wien 30.10.2015
3. Funkelnde Dialoge? Dialogfernsehen?
Film ist Bild. Primär. Nicht Sprache, nicht Dialog. Die Konstruktion eines Drehbuchs setzt erst am Schluss, nach langwieriger Konstruktionsarbeit, nach dem Bildertreatment, dem Ganzen die Dialoge auf. Die Gestaltung von Dialogen kann man übrigens nicht erlernen, wenn man Drehbuchautor ist. Entweder, man kann sie, oder man kann sie nicht. Einen Film also wegen seiner Dialoge zu loben, offenbart die manifeste Unkenntnis des Kritikers, oder sagt implizit, das der Film kein Film, sondern ein Hörspiel ist. Ich denke, hier trifft beides zu. Ersteres aber - wie immer - stärker. Es ist ja schön, wenn sich der Drehbuchautor offenbar im Bodensatzmilieu besonders gut auskennt. Das wäre schon mal die Hoffnung auf Lebensfülle. Wenn aber Alkohol und Unterschicht die einzigen Themen sind, die er "kann", dann bin ich gespannt auf die handwerkliche Umsetzung! In dem Wort Fern-Sehen kommt "Sehen" vor, Herr Buß. Was soll denn "Dialogfernsehen" sein? Ich sag es Ihnen: Hörspiel! Ich will aber keinen Hörspiel-Tatort "sehen"! Mit dieser Charakterisierung des Bodenseetatorts könnten Sie ihn auch diskreditieren und ihm 2 von 10 Punkten geben wie dem letzten Tatort aus Stuttgart, der sicher nicht 2 Punkte verdient hat! Wenn ich mir nun zu diesem monothematischen Drehbuchautor noch die fast bewegungslose, in Diva-Attitüden sich erschöpfende Kommissarinnentrutsch vorstelle, ahne ich im Gegensatz zu Herrn Buß das Schlimmste, und bin froh, dass es diesen Tatort vom Bodensee mit dieser schlechten Darstellerin bald nicht mehr gibt.
clararu 30.10.2015
4. Das Ohr sieht mit!
@cafe-wien Ich sag's mal so: Mit 'The Jazz-Singer' wurde Film Bild plus Sprache plus Atmo plus einem Score; ich empfehle die Lektüre der Bücher von Michel Chion, der seit vielen Jahren zu diesem Thema arbeitet. Womit Sie allerdings recht haben: Dialoge schreiben ist ein rares Talent. Auch ist die Abwicklung des Bodensee-Tatorts überfällig; warum aber Frau Mattes als 'Trutsch' bezeichnet werden muss? Konstruktive Kritik sieht anders aus, aber Film kann halt nicht jeder - implizit und explizit.......
821943 31.10.2015
5. fernsehfreier Sonntagabend
Was hat das bitte mit "Würde" zu tun, wenn das offenbar schwache Drehbuch einen Typen sagen lässt, sein Vater sei bereits Punk gewesen, er sei Punk und sein Sohn werde auch ein Punk sein? Alles, was der Rezensent anführt, um uns diesen Tatort als sehenswert anzupreisen, spricht eher für einen fernsehfreien Abend.
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