Stuttgart-»Tatort« über Wohnprojekt Unter Öko-Spießern

Kehrwoche mit Achtsamkeitskontrolle und Aurareinigung: Lannert und Bootz ermitteln in einem Wohnprojekt linker Schwaben. Der »Tatort« als WG-Komödie.
Wer findet dich, wenn du tot bist? – Ulrike im Gespräch mit den Kommissaren (Felix Klare, l., und Richy Müller)

Wer findet dich, wenn du tot bist? – Ulrike im Gespräch mit den Kommissaren (Felix Klare, l., und Richy Müller)

Foto: Benoit Linder / SWR

Alleinleben ist die Hölle. Zusammenleben ist der Vorhof zur Hölle. Aber auch auf dem Vorhof zur Hölle kann man es sich hübsch machen: eine bunte Lichterkette unten in der Gemeinschaftsküche, ein lustiges Gruppenfoto im Treppenhaus und über alle Stockwerke verteilt die Kuscheltiere der Kinder. In dem frisch bezogenen Wohnprojekt »Oase Ostfildern« am Stuttgarter Stadtrand setzt man aufs Miteinander, zwischenmenschliche Problemlagen erörtert man in den langen Gruppensitzungen am großen Küchentisch genauso ausführlich wie technische Fragen. Häuslebauen auf die linke Tour.

Die Kommissare Lannert (Richy Müller) und Bootz (Felix Klare) werden in diesem »Tatort« Zeugen etlicher solcher Marathonveranstaltungen. Denn im fehlerhaften Fundament des Hauses, das die Gemeinschaft zu neuesten ökologischen Standards aufschütten lassen hat, wurde die Leiche einer Frau gefunden.

Auf zum spirituellen Cleansing!

Natürlich wird in Ostfildern erst einmal das Naheliegende diskutiert: Hätte man vielleicht nicht doch auf einen industriellen Baustoff setzen sollen, weil die Leiche dann einbetoniert geblieben wäre? Und sollte man das ganze Haus jetzt nicht einem spirituellen Cleansing unterziehen, um die Aura des Wohnprojektes wieder herzustellen?

Ärger mit dem Wohnprojekt: Ex-Kandidat Stefan (Heinz-Rudolf Kunze, l.) platzt der Kragen, als Udo (Oliver Gehrs) ihn bedroht.

Ärger mit dem Wohnprojekt: Ex-Kandidat Stefan (Heinz-Rudolf Kunze, l.) platzt der Kragen, als Udo (Oliver Gehrs) ihn bedroht.

Foto: Benoit Linder / SWR

Die Kommissare verstehen nicht, weshalb sich Menschen freiwillig solche Endlossitzungen antun. Die Gruppenälteste hat aber während des Gesprächs unter vier Augen ein gutes Argument parat: »Menschen an sich sind halt schwierig und nervtötend und fehlerhaft. Aber wer das nicht will, der kann ja in so ein Reihenhaus ziehen – und sich dann am Ende wundern, wenn er stirbt und keiner vermisst ihn. Hier hat man halt die ständige Auseinandersetzung mit Leuten, die sich die Hälfte der Zeit aufführen wie egozentrische Kleinkinder. Aber die finden einen wenigstens, wenn man tot ist.«

Wider besseres Wissen zusammenwohnen

Verkündet wird diese pragmatische Lebensweisheit von Christiane Rösinger, die als Sängerin von Bands wie Lassie Singers und Britta in Liedern wie »Liebe wird oft überbewertet«  oder »Die traurigsten Menschen«  die schwierigen Seiten des Zusammenlebens mit einem ähnlich lakonischen Singsang wie ihre Filmfigur auf den Punkt brachte. Sie hier als eine Art Guru des Wider-besseres-Wissen-Zusammenwohnens auftreten zu lassen, ist eine wunderbare Idee.

Auch die Songwriterin Desiree Klaeukens (»Es ist nicht immer der Sex« ) schlägt sich als Mitbewohnerin bei den Gesprächsduellen souverän. Das ist mal echt ein echter Deutschpop-Auflauf im Schwabenland. In einer kleineren Rolle ist außerdem noch Heinz Rudolf Kunze zu sehen.

Drehbuch und Regie lagen in der Verantwortung von Dietrich Brüggemann, der mit Twentysomething-Komödien wie »3 Zimmer/Küche/Bad« bekannt wurde und für das Stuttgarter »Tatort«-Revier auch schon das sensationelle Ensemble-Stück »Stau« inszeniert hat. Brüggemanns neuer SWR-»Tatort« funktioniert nun als Weiterdrehe der klassischen WG-Komödie: Hier suchen Thirty- und Fortysomethings mit der exponentiell zum Alter ansteigenden Angespanntheit nach Gemeinsamkeiten – nur dass die Erkenntnis, dass es diese Gemeinsamkeiten wahrscheinlich gar nicht gibt, jetzt sehr viel aufreibender ist.

Fotostrecke

Kommissar-Karussell: Alle »Tatort«-Teams im Überblick

Foto: Christian Koch / SWR

Wo man früher mit vier Leuten Küchentisch saß, sind es jetzt 20. Wo man früher Diskrepanzen wegkiffte, da werden sie heute pedantisch ausgebreitet: Konfliktbewältigung als Kampfsport.

In vielerlei Hinsicht erinnert »Das ist unser Haus« (Co-Autor: Daniel Bickermann) an Anke Stellings Roman »Bodentiefe Fenster« , in dem die Autorin nachzeichnet, wie eine Gruppe von Männern und Frauen in einem Wohnprojekt an ihren hehren Idealen des Zusammenlebens zugrunde zu gehen drohen – wie der Anspruch, den sie vor sich hertragen, und der Egoismus, den sie vor sich und den anderen verbergen, unheilvoll zusammenwirken. Ein Scheitern mit Ansage, dem sich viele progressive Städter aussetzen.

In dem Stuttgarter »Tatort« kommt das in einem Seitenstrang zum Tragen, wo es um eine schwarze Ex-Wohngenossin geht, die das Weite suchte, als sie mitbekam, dass sie für die Linksspießer das Diversitätsfeigenblatt spielen sollte. Von solchen bösen, doppelbödigen Momenten gibt es in Brüggemanns Film aber einfach zu wenige. Die Figuren rasten schnell im Klischee ein, der Plot dreht irgendwann leer.

Statt mögliche Widersprüche und Fehler im eigenen Handeln gespiegelt zu sehen, darf sich das aufgeklärte öffentlich-rechtliche Publikum über die Piefigkeit der Charaktere beömmeln und erheben: Nichts gemein hat man mit diesen Öko-Spießern im fernen Schwabenland, die ihr Zusammenleben als ewige Kehrwoche mit Achtsamkeitskontrolle und Aurareinigung organisieren.

Bewertung: 6 von 10 Punkten

»Tatort: Das ist unser Haus«, Sonntag, 20.15 Uhr, Das Erste