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10. Mai 2019, 15:05 Uhr

"Tatort" aus Hessen

Das Monster im Moderator

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Können Tränen lügen? Sicher doch. "Bad Banks"-Star Barry Atsma gibt für diesen "Tatort" einen TV-Moderator und Manipulator, der seinen Stiefsohn zerhackt. Horrorkrimi, mal süffig, mal subtil.

Arme und Beine liegen in Frankfurt im Müll, der Torso taucht in Kassel auf, der Kopf muss irgendwo dazwischen zu finden sein. Deshalb kurven KommissarinJanneke (Margarita Broich) und ihr Kollege Brix (Wolfram Koch) in diesem "Tatort" durch halb Hessen. Das kopflose Opfer wird als Abiturient aus Kassel identifiziert, die Tat scheint eiskalt geplant und ausgeführt worden zu sein.

Der erste, der öffentliche starke Worte für den Täter findet, ist der Fernsehmoderator Maarten Jansen, der Stiefvater des Mordopfers. In die Kameras der vor seinem Haus versammelten Presse sagt er: "So ein Monster!"

Das Monster ist Jansen selbst. Gleich nach dem Vorspann haben wir gesehen, wie er nachts bei Gewitter den Körper des toten Stiefsohns mit der Axt zerhackt und in Mülltüten in ganz Hessen verteilt. Jansen ist ein Perfektionist, beim Leichenentsorgen ebenso wie beim Leutebespielen. In einer Szene sieht man ihn, wie er sich im Studio in einer Improvisation mit sich selbst auf das unvermeidliche Verhör mit der Kommissarin vorbereitet, in einer anderen sieht man ihn, wie er für den optimalen Tränenfluss Tropfen auf die Augen träufelt.

Die Rolle des genialen, telegenen, abgefuckten Manipulators, dem vor allem die Frauen verfallen, hätte leicht zum Klischee verkommen können - zum Glück hat sie der niederländische Schauspieler Barry Atsma übernommen.

Wir kennen ihn als Investmentbanker aus "Bad Banks", wo wir ihn mit großer Freude auf seinen Raubzügen begleiteten, auch weil er immer wieder unerwartet verletzliche Charakterfacetten hinter der Gierlappenfassade zum Vorschein brachte. Für den "Tatort" spielt er nun ebenso nuanciert, gerade in Momenten, wo er die Abhängigkeit seines Monsters vom Publikum auf den Punkt bringen muss.

Horror made in Hessen

"Das Monster von Kassel" ist ein typischer Frankfurter "Tatort". In dem TV-Revier des Hessischen Rundfunks wird oft mit den Mitteln des klassischen, metaphysischen, klirrend kalten Horrors gespielt. Die letzte Episode war ein Trip in die Welt des Micro-Tradings, inszeniert im Stil eines frühen Horrorfilms von David Cronenberg; davor war es um einen Frankfurter Banker gegangen, der sein Umfeld manipuliert und schindet wie eine Figur aus einem Roman von Bret Easton Ellis.

Frankfurter "Tatorte" sind meist formstreng, oft bildgewaltig. Auch die neue Episode von Regisseur Umut Dag - drehte zuvor die Schwarzwaldfolge zwischen Obsternte und Reichsbürgeraufmarsch - ist optisch brillant: Glutrot geht hier die Sonne über einem Rekordhitze-Kassel unter, und der langerwartete Sommerregen spült zombiefilmtauglich vergrabene Leichenreste frei.

Nur das Studio des berühmten Moderators ist piefig angesichts dessen, dass er eine solch gefeierte Persönlichkeit sein soll. Es erinnert ein bisschen ans Dritte Programm des Hessischen Rundfunks, da werden jedoch in der Regel keine Stars produziert. So wie die Kulisse wirkt auch der Plot (Buch: Stephan Brüggenthies und Andrea Heller) in einigen Momenten etwas fadenscheinig.

Aber Hauptdarsteller Atsma holt doch immer wieder das Beste aus der Rolle des aufmerksamkeitsverliebten Fernsehstars heraus. Vor allem in Situationen, in denen sein Jansen auf Kommissarin Janneke trifft, kommt es zu starken kammerspielartigen Szenen, in denen ein subtiles Abhängigkeitsverhältnis entsteht. Denn ein narzisstischer Mörder ist nun mal nichts ohne den Spiegel, in dem er sich selbst sehen kann.

Bewertung: 7 von 10 Punkten


"Tatort: Das Monster von Kassel", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

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