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"Tatort" mit Fabian Hinrichs: Knochenchaos in Franken

Foto: BR/ Hagen Keller

Anatomie-"Tatort" mit Fabian Hinrichs Fränkische Schlachtplatte

Was vom Körper übrig blieb: Im Franken-"Tatort" ermitteln die Kommissare in einem Leichenlager und dürfen echte Herzen in die Hand nehmen. Eine Krimi-Meditation auf die Endlichkeit des Menschen.

Obacht, die Poesie der Anatomie ist nicht jedermanns Sache! In diesem "Tatort" gehen allerhand menschliche Organe und Knochen von Hand zu Hand, während die beteiligten Personen in den zärtlichsten Worten die Einzigartigkeit des menschlichen Körpers bedichten. Am schönsten ist die Szene, in der die Leiterin des Anatomischen Instituts der Würzburger Universität (von morbider Eleganz wie eh und je: Sibylle Canonica) ihrem Gegenüber anhand eines Rinderfilets mit Pommes die Perfektion einer Herzklappe nahezubringen versucht.

Die Frau schnappt sich eine dünne Gurkenscheibe aus der Salatbeilage, biegt sie versonnen zwischen den langen Fingern und schwärmt: "Wenn du einmal eine echte Herzklappe in der Hand gehalten hast, und wenn du dir vorstellst, wie oft die schlägt in der Minute, in der Stunde, im Jahr, im ganzen Leben, fein wie ein Blütenblatt, dann begreifst du, was das für ein Wunderwerk ist, der menschliche Körper."

Im Moment hat die Anatomin allerdings erhebliche Probleme mit den Einzelteilen dieses Wunderwerks. Die Knochensammlung ihres Instituts ist in Unordnung geraten; wie sich herausstellt, gehört ein Schädel nicht zu dem Skelett, dem er zuvor zugeordnet war. Der Kopf passt nicht zum Körper? "Kenn ich", sagt Kommissarin Paula Ringelhahn (Dagmar Manzel), "so fühlt sich ein Kater an."

Den Toten nah, den Lebenden entrückt

Um das Puzzle zusammenzusetzen, nimmt sie sich mit dem Kollegen Felix Voss (Fabian Hinrichs) viel Zeit, durch die Anatomie zu streifen. Überall im Würzburger Institut sehen die Nürnberger Ermittler, wie Knochen gesägt, Fleischstücke vom Rumpf gelöst und Innereien gewogen werden.

Diese fränkische Schlachtplatte ist allerdings alles andere als eine Horrornummer. Eher eine Meditation auf die Endlichkeit des Menschen. Der unaufgeregte Tonfall von Max Färberböcks erstem Franken-"Tatort" vom letzten Jahr wird beibehalten. Auch wenn die Filmemacher andere sind. Drehbuchautorin Beate Langmaack hat ein paar der besten Schweriner "Polizeirufe" geschrieben, Regisseur Andreas Senn ein paar der besseren "Tatorte" mit Ulrike Folkerts gedreht. Nun setzen die beiden sanft und hintersinnig ins Bild, was vom Menschen übrig blieb. Zugegeben, der Krimi-Plot zerfällt dabei zuweilen.

Den Toten so nah, den Lebenden leicht entrückt: Ringelhahn und Voss irrlichtern durch ihre aktuellen Fälle, getrieben von dunklen Ahnungen. In einem heruntergekommenen Gasthaus hat offenbar der Wirt seine Frau erwürgt, der Mann ist weg, zurückgeblieben ist die grimmige halbwüchsige Tochter. Zugleich schlägt vor dem Polizeipräsidium auf dem Jakobsplatz eine Frau ihr Zelt auf, weil angeblich vor drei Monaten ihr Sohn verschwunden sei.

Die Kommissare sind ratlos, nach jedem Strohhalm an Wissen wird gegriffen. Einmal hält Kommissar Voss in der Nacht E.T.A. Hoffmanns "Lebensansichten des Katers Murr" in der schon sehr zerknitterten Reclam-Ausgabe in der Hand. In dem zum Teil parodistischen Werk nahm der Romantiker Hoffmann vor fast 200 Jahren die Bildungsideale seiner Zeit ins Visier. Diesen "Tatort" mit Hoffmann gelesen, das heißt: Wir zerlegen den Menschen, aber zu einem schlüssigen Ganzen kriegen wir ihn nicht zusammengesetzt.

Am Ende dieses romantischen anatomischen Reigens, bei einer Obduktion zu Schulungszwecken, wird einer Leiche ein Herz entnommen. Kommissarin Ringelhahn greift zu, strahlt übers Gesicht, staunt über das Gewicht. Aber Hand aufs Herz: Versteht sie den Menschen und was ihn durch die Stunden, Tage und Jahre pumpt deshalb auch nur einen Deut besser?

Bewertung: 7 von 10

"Tatort: Das Recht sich zu sorgen", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

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Foto: Martin Rottenkolber / WDR
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