Exorzisten-»Tatort« aus Wien Der Teufel steckt im Gedärm

»Du Fotze, fick dich!« Fellner und Eisner treffen auf eine junge Frau, aus der angeblich Satan spricht. Der »Tatort« als Teufelsaustreiber-Schocker alter Schule.
Die Ermittler vor satanischer Bodenmalerei, gezeichnet mit Menschenblut: Eklig und effizient

Die Ermittler vor satanischer Bodenmalerei, gezeichnet mit Menschenblut: Eklig und effizient

Foto: Hubert Mican / ORF / ARD

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Die Staffelübergabe von den Boomern zu den Millennials vollzieht sich in allen Berufen in Windeseile: Jetzt übernehmen die hippen sensiblen Milchgesichter sogar schon in einer Profession die Führung, wo früher vergrämte Knittervisagen mit Donnerstimme alte lateinische Verse raushauten – nämlich in der des Exorzismus.

In diesem »Tatort« wurde gerade ein junger Priester mit fescher Tolle von der Erzdiözese offiziell zum obersten Teufelsaustreiber von Wien bestellt. Jetzt steht er im Stephansdom und sagt: »Ich muss meinen eigenen Weg durch die Dunkelheit finden.« Nichts darf bleiben, wie es ist; nicht mal die ewige Abwehrschlacht gegen den Antichristen.

Woker Exorzismus?

Es stellen sich angesichts des Generationswechsels etliche Fragen: Gibt es eigentlich so was wie einen woken Exorzismus? Besiegt man den Teufel mit politisch korrekter Ansprache? Und wann kommt endlich die Quote im modernen Exorzismus-Management?

Kommissarin Fellner (Adele Neuhauser) mit angeblich besessener junger Frau (Maresi Riegner): »Du Fotze, fick dich!«

Kommissarin Fellner (Adele Neuhauser) mit angeblich besessener junger Frau (Maresi Riegner): »Du Fotze, fick dich!«

Foto: Hubert Mican / ORF / ARD

Der Vorgänger des Hipster-Geistlichen im »Tatort« war jedenfalls noch ein Satan-Rausprügler alter Schule. So bezeugen es Videomitschnitte, die den Oldschool-Priester dabei zeigen, wie er eine angeblich besessene junge Frau ans Bett gefesselt hält, während die ihn zu bespucken und anzugreifen versucht. Jetzt liegt der Alte mit gebrochenen Knochen tot vor einer Treppe unweit der Diözese, am Arm eine durch ein menschliches Gebiss zugefügte Wunde, in der starren Hand ein umgedrehtes Pentagramm. Und Fellner (Adele Neuhauser) und Eisner (Harald Krassnitzer) fragen sich ernsthaft: Hat der Teufel seine Hände im Spiel?

Ein Piano wie bei »Halloween«

Um zumindest die Möglichkeit von Luzifers Anwesenheit zu suggerieren, werden in diesem Okkultschocker trotz Millennial-Anspielungen dann doch nur die sattsam bekannten Grundelemente aufgefahren, mit der die Generation Boomer in den Siebziger- und Achtzigerjahren horrormäßig sozialisiert wurde: Im Score tropfen die Akkorde frostig vom Piano wie Wasser von Eiszapfen, das hat man zum ersten Mal bei John Carpenters »Halloween« gehört hat. Und die offenbar von Dämonen heimgesuchte Frau schleudert den Teufelsaustreibern mit diabolisch grunzender Stimme die vulgärsten Flüche vors hochgehaltene Kreuz, so wie man sie aus William Friedkins »Der Exorzist« kennt.

Hier richten sich diese Flüche nun auch an die fürsorgliche Kommissarin Fellner: »Du Fotze, fick dich!«

Trotz des Priester-Updates hat sich am Frauenbild also kaum was geändert, seit Linda Blair in »Der Exorzist« mit Fontänen von Erbrochenem zu kurzem Ruhm als Teufelsopferdarstellerin avancierte. Auch der – Verzeihung für das Boomer-Wording – Satansbraten im »Tatort« (gespielt von Maresi Riegner) leidet unter Brechreiz. Kein Wunder in ihrem Fall; seit sie sich im Bann der Dämonen glaubt, isst sie nur noch Hundefutter aus Dosen. Der Teufel steckt im Gedärm.

Fotostrecke

Kommissar-Karussell: Alle »Tatort«-Teams im Überblick

Foto: Martin Rottenkolber / WDR

Verantwortlich für dieses traditionsverhaftete Effektgewitter zeichnet Thomas Roth, der als einer der Hausregisseure des österreichischen »Tatorts« mal sehr raffinierte und mal sehr schlichte Oldschool-Thriller liefert. Im Vergleich zu anderen Sonntagskrimis, die von Satanisten und Exorzisten handeln, liegt Roths neuer Film nun im Mittelfeld: Im Gegensatz zu der vergurkten psychedelischen Teufelsanbeter-Sause der Stuttgarter »Tatort«-Kollegen kommt der Fall der Österreicher samt seines Make-believe-Ansatzes in seinen Mitteln recht souverän daher. Doch gelingt es nicht wie beim deutsch-polnischen »Polizeiruf«, wo das Thema Exorzismus mit dem des neuen religiösen Fundamentalismus verknüpft wurde, den Stoff irgendwie ins Jetzt zu drehen.

Als kalkulierter Horrorschocker, der auf die Bauchregion zielt, wo möglicherweise gerade der Sonntagsbraten verdaut wird, erzielt dieser »Tatort« aber seine Wirkung. Eklig, aber effizient.

Bewertung: 6 von 10 Punkten

»Tatort: Das Tor zur Hölle«, Sonntag, 20.15 Uhr, Das Erste

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