Krimi-Experimente Das waren die fünf besten "Tatorte" der Saison

Kommissar Murot mit Kettensäge, Blutsauger in Bremen, Surferpoesie aus München: Das sind unsere Top Five der jetzt zu Ende gegangenen "Tatort"-Saison.

Ulrich Tukur in der "Tatort"-Folge "Murot und das Murmeltier"
HR/ Bettina Müller

Ulrich Tukur in der "Tatort"-Folge "Murot und das Murmeltier"

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Das ist doch gar kein Krimi! Wann immer die Formatgrenzen im "Tatort" geweitet werden, gibt es danach Enttäuschung. Und Begeisterung. Denn die Krimi-Reihe ist längst nicht mehr nur Gefäß für Wer-ist-der-Täter-Rätsel mit Sozialreport-Elementen - sie bietet auch Raum für neue Formen und Ästhetiken, die an anderer Stelle des öffentlich-rechtlichen Rundfunks nicht gewagt werden.

Das fiktionale Fernsehen in Deutschland ist in der Krise, der klassische Neunzigminüter in katastrophalem Zustand. Der "Tatort" bildet da ein Gegengewicht. Auch wenn die Senderverantwortlichen immer mal wieder vor zu viel "Experimenten" warnen: Hier wagt man, wovor man auf anderen Programmplätzen kneift, vielleicht auch, weil sowieso so viele Leute zuschauen. Hier werden nicht nur die Stoffe der Gegenwart behandelt, es werden auch neue, riskante, oft den Fernsehrahmen sprengende Erzählformen ausprobiert. Das kann man Produkttäuschung nennen. Oder Risikobereitschaft.

Uns freut es jedenfalls. Die "Tatort"-Folgen des letzten Jahres, die am meisten beeindruckten, bewegten oder aufwühlten, waren jene, die die Genregrenzen weit hinter sich ließen. Sind das noch Krimis? Ja. Aber eben auch viel mehr.

Szene aus der "Tatort"-Folge "Die Musik stirbt zuletzt"
ARD

Szene aus der "Tatort"-Folge "Die Musik stirbt zuletzt"

"Die Musik stirbt zuletzt", Erstausstrahlung: 3. August 2018

Ein "Tatort", der komplett ohne Schnitt auskommt. Ein "Tatort", der direkt in ein schwarzes Kapitel der Schweizer Geschichte hinabführt: Während im Luzerner Kultur- und Kongresszentrum vor versammelter Honoratiorenschaft das Jewish Chamber Orchestra spielt, müssen die Ermittler einen Mord untersuchen, der mit der Bereicherung von Schweizer Geschäftsleuten durch Enteignungen von Juden vor und während des Zweiten Weltkriegs zusammenhängt. Der lange Atem der Geschichte: In einer einzigen tänzelnden Kamerafahrt bringt dieser in einer Einstellung gedrehte "Tatort" NS-Verbrechen, Schweizer Geschäftssinn und Künstlerschicksale zusammen. (Lesen Sie hier eine ausführliche Rezension.)

Szene aus der "Tatort"-Folge "Blut"
Radio Bremen/ Christine Schröder

Szene aus der "Tatort"-Folge "Blut"

"Blut", 28. Oktober 2018

Ein "Tatort", der am Realitäts- und Rationalitätsgebot der Reihe kratzt. Ein "Tatort", der die Ängste und Begierden der Zuschauerinnen befeuert: Eine junge Frau wurde totgebissen, ein Vater füttert seine Tochter mit Blutkonserven, die überforderten Ermittler studieren Literatur über Dracula. Diese nachtschwarze, psychologisch kluge Folge zwischen "Nosferatu" und "Twilight" lässt es bis zum Ende möglich erscheinen, dass in Bremen eine Vampirin umgeht. Ein romantizistischer Überwältigungsakt, der bei Erstausstrahlung auch junge Leute anzog. Frisches Blut für den "Tatort"! (Lesen Sie hier eine ausführliche Rezension.)

Szene aus der "Tatort"-Folge "Murot und das Murmeltier"
HR/ Bettina Müller

Szene aus der "Tatort"-Folge "Murot und das Murmeltier"

"Murot und das Murmeltier", 17. Februar 2019

Ein "Tatort, der die Zeit auf den Kopf stellt. Ein "Tatort", der blutig den Aufstand gegen die Diktatur der Routine wagt: Ulrich Tukur gerät als Kommissar Murot bei einer Geiselnahme in die Zeitschleife, erlebt bis zur Erschöpfung die immer gleichen Szenen und geht schließlich mit Kettensäge und Maschinenpistole gegen die Wiederkehr des immer Gleichen vor. "Und täglich grüßt das Murmeltier" als Krimi mit entfesselter Gewalt? Wer hätte denn geglaubt, dass so etwas aufgeht. Großes "Tatort"-Kino gegen den öffentlich-rechtlichen Wiederholungsterror. (Lesen Sie hier eine ausführliche Rezension.)

Szene aus der "Tatort"-Folge "Anne und der Tod"
Maor Waisburd/ SWR

Szene aus der "Tatort"-Folge "Anne und der Tod"

"Anne und der Tod", 19. Mai 2019

Ein "Tatort", der das Leben inmitten des Sterbens feiert. Ein "Tatort", der spielerisch die Grenzen des Pflegenotstand-Reports aufweicht: Zwei alte Männer sind gestorben, eine überforderte Altenpflegerin gerät in den Verdacht, sie ermordet zu haben. In einem klugen, vitalen, kunstvoll rhythmisierten Rückblendengeflecht wird der Fall aufgeschlüsselt. Wir sehen eine komplexe Hauptfigur, die ganz eigene Strategien des Überlegens entwickelt hat. Dieser "Tatort" zeigt den Menschen in seiner brutalen, nackten Bedürftigkeit. (Lesen Sie hier eine ausführliche Rezension.)

Szene aus der "Tatort"-Folge "Die ewige Welle"
Johann Feindt/ BR

Szene aus der "Tatort"-Folge "Die ewige Welle"

"Die ewige Welle", 26. Mai 2019

Ein "Tatort", der die Macht der Erinnerung zeigt. Ein "Tatort" darüber, was einmal war und was hätte sein können: Einer der Münchner Ermittler trifft hier einen lange vergessenen Freund, mit dem er vor 35 Jahren an der rauen Westküste Portugals gesurft und geliebt hat. In poetischen Bildern wird das freie Surfer-Leben von einst gezeigt - und mit der Gegenwart gegengeschnitten, in der alle Ideale von einst weggeschwemmt scheinen. Dieser Krimi aktiviert auf raffinierte Weise die Sehnsüchte des Publikums. (Lesen Sie hier eine ausführliche Rezension.)


PS: Nicht berücksichtigt haben wir in dieser Top-Five die beiden Münchner "Polizeiruf"-Folgen "Tatorte" und "Das Gespenst der Freiheit", die inhaltlich und ästhetisch mit den oben aufgeführten Krimis mithalten, aber eben keine "Tatort"-Produktionen sind.

insgesamt 33 Beiträge
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nisse1970 17.06.2019
1.
Waaaas? Kein Weimarer Tatort dabei?
koejens 17.06.2019
2. Fehlen welche
Ich finde diese Vorliebe für formale Experimente ehrlich gesagt etwas langweilig. Wichtiger ist doch, daß die story paßt - wenn die Umsetzung dann noch besonders ist, gut. Deswegen fehlen mir in der Liste "Der Mann, der lügt" oder "Das Nest" - beides super stories, gerade der Dresdner Fall auch sehr spannend. Aber, das ist ja ganz normal erzählt, also aus Feuilletonistensicht per se wohl nicht so interessant. Mich nerven diese Experimente auch eher, denn ziemlich oft geht das nach hinten los. Aber meist ist man schon vorgewarnt, wenn sich alle Kritiker in Lobeshymnen ergehen, wie gewagt das nun wieder ist. So war der Dominik Graf-Tatort "Aus der Tiefe der Zeit" reichlich lahm und absolut absurd.
supergrobi123 17.06.2019
3. Ach du heiliges Kanonenrohr!
Ich gucke nie Tatorte, weil ich sie schon in meiner Jugend total schlecht fand. Kürzlich ließ ich mich dann von meiner Freundin doch nochmal breitschagen und guckte diese Surfer-Folge. Herrje, war das schlecht. Dumme Story, miese Charaktere, dazu noch diese alten, völlig un-telegenen Säcke, die wohl heutzutage die Komissare mimen. Wahnsinn! Zum Fremdschämen mies. Und nun muss ich feststellen, dass es sich angeblich um einen der "besten" Tatorte der Saison handeln soll? "Klug und kunstvoll"? Liebe Community, ist das wirklich so? Sind Tatorte tatsächlich sogar noch schlechter, als ich es mir bisher immer ausgemalt habe?
Andreas J. 17.06.2019
4. Jeder denkt anders ...
... und liebt somit auch andere Tatort-Folgen. Ich mag halt klassische oder komische Krimis, die nicht zu sehr in Klamauk abgleiten. In einem klassischen Krimi muss ich als Zuschauer oder Leser bis zum Ende mitermitteln können, um dann ggf vor dem Kommissariat zu sagen, dass ist der Täter. Oder ist bekomme am Anfang den Täter quasi auf dem Tablett serviert und muss dass herausfinden, warum er es so gemacht hat und was dahinter steckt.
sekundo 17.06.2019
5. ...und wenn ich nun
sage: Nö, 5 andere "Tatorte" waren die besten der Saison - wer hat dann recht?!?
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