Fragwürdiger "Tatort"-Abschied von Flückiger Journalisten, Politiker, Waffenhändler - alles Schweine!

Alle Journalisten lügen, alle Politiker sind korrupt: Der letzte "Tatort" aus Luzern befeuert die Verschwörungstheorien, die er zu entlarven vorgibt. Dieses fatale Finale hat Flückiger nicht verdient.

Daniel Winkler/ SRF

Von


Der Journalist, so will es ein ungeschriebenes "Tatort"-Gesetz, ist der natürliche Feind des Ermittlers. Er lungert am Leichenfundort rum, um aus dem Tod Kapital zu schlagen. Er hängt auf Pressekonferenzen ab, um mit unnötigen und hinterhältigen Fragen die Aufklärung zu erschweren. Gerne kaut er dabei ein Sandwich, seine Visage ist meist verkrümelt und unrasiert. Er ist eine Kreatur, die man schon von Weitem riecht.

Auch Stefan Gubser nimmt bei seinem letzten "Tatort" als Luzerner Ermittler Reto Flückiger Witterung mit der verhassten Spezies auf: Nachdem ihn ein aufdringlicher Typ auf einem Dampfer mit unangenehmen Fragen konfrontiert und ihm dabei eine Videokamera ins Gesicht gehalten hat, kombiniert Flückiger vor der Kollegin Liz Ritschard (Delia Mayer): "Das ist ein arroganter Klugscheißer! Ein typischer Journalist!"

Auf dem Dampfer hatte sich zuvor die sogenannte Elite Luzerns zu einem Gala-Dinner getroffen - Politiker mit fragwürdigen Verbindungen zur Waffenindustrie und Medienleute mit fragwürdigen Verbindungen zu eben diesen Politikern. Unbekannte entfachten einen Brand an Bord, der Kapitän des Dampfers starb an einem Herzinfarkt, ein Kantonsrat ging im Chaos über Bord.

Fotostrecke

7  Bilder
Letzter Luzern-"Tatort": Ein unwürdiges Ende

Flückiger war selbst anwesend auf dem Schiff, nun nimmt er leicht verrußt und stante pede Ermittlungen in Sachen Mord auf. Und als ihn der verdächtig schnell auf der Bildfläche erschienene Medienfatzke mit der Videokamera belästigt, wird dem Kommissar schnell klar, dass dieser etwas mit dem Fall zu tun haben muss.

WikiLeaks trifft Breitbart News

Der Mann trägt den unsympathischen Namen Frédéric Roux, sieht aus und tritt auf wie der Aktionskünstler Philipp Ruch vom Zentrum für Politische Schönheit und leitet ein Portal, das Veritas News"heißt. Offensichtlich hatte ihn vorab jemand über die Aktion informiert. Als Flückiger ihn deshalb später in die Zange nimmt, kommt es zu folgendem Dialog:

Roux: "Sie kennen ja WikiLeaks. Wir funktionieren genauso. In den meisten Fällen wissen wir gar nicht, wer uns mit Informationen versorgt."

Flückiger: "Und dann veröffentlicht ihr einfach weiter Blödsinn, gießt einfach weiter Öl ins Feuer und hetzt die Leute auf!"

Roux (grinst fies): "Ja, genau, bei uns ist das eben ein bisschen anders als bei den Mainstream-Medien. Mir ist völlig egal, wer was schreibt oder wer unsere Quelle ist. Wichtig ist nur die Information."

Und eben an dieser Stelle erweitert der in vielfacher Weise fragwürdige "Tatort" das in der Krimireihe handelsübliche Bild des Kadaverjournalisten um einen perfiden Aspekt: Er ist nicht nur Profiteur des Bösen, sondern gleich auch dessen Treiber.

Dabei vermischen die Filmemacher sämtliche gegenwärtige Ausformungen neuer digitaler Medien: Zum einen erinnert Veritas News an die Enthüllungsplattform WikiLeaks, zum anderen an rechtspopulistische Portale wie Breitbart News. Rechts, links, liberal, hier gerät alles durcheinander - wer soll sich da noch auskennen. Auf diese Weise wird dem Zuschauer suggeriert, er sei den manipulierten Nachrichten genauso hilflos ausgeliefert wie den massiven Seilschaften zwischen Politik und Wirtschaft. Der perfekte Nährboden für Rechtspopulisten.

Dies ist die letzte Folge mit dem Luzerner Ermittlerteam Flückiger und Ritschard, die zukünftigen Schweizer "Tatorte" spielen ab 2020 in Zürich. "Der Elefant im Raum" (Buch: Felix Benesch und Mats Frey, Regie: Tom Gerber) sollte wohl ein besonders düsterer Abschied werden; es ist leider ein besonders dummdreister geworden.

Den haben Flückiger und Ritschard wirklich nicht verdient, denn obwohl Kritiken und Quoten in den letzten acht Jahren oft schlecht waren, gab es doch ausgesprochen moderne und innovative Fälle mit den beiden. Schon 2012 lief ein starker "Tatort" über Intersexualität, im vergangenen Jahr präsentierte man eine Folge, die in einer einzigen Einstellung aufgenommen worden war und sich dabei noch klug den Schweizer Verstrickungen in den Holocaust näherte.

Von solcher Eleganz und Präzision ist das Flückiger-Finale nun denkbar weit entfernt. Journalisten, Politiker, Waffenhändler - hier sind alle gleichermaßen Schweine und alle irgendwie miteinander verbandelt. Ein "Tatort", der die Verschwörungstheorien befeuert, die er zu entlarven vorgibt. Und, das ist das Fatale, ein gefundenes Fressen für alle, die der Demokratie überdrüssig sind.

Bewertung: 1 von 10 Punkten


"Tatort: Der Elefant im Raum", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

insgesamt 32 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Tingletangle 25.10.2019
1. Ich hab die Folge zwar nicht gesehen...
....aber der ganze Artikel klingt wie das laute Aufheulen eines heftig getroffenen Hundes. Anscheinen hat da jemand einen empfindlichen Nerv getroffen.
angst+money 25.10.2019
2.
Sie halten die Zuschauer für so einfach gestrickt, dass sie so einem Blödsinn auf dem Leim gehen? Da haben Sie wohl recht...
krusewitz 25.10.2019
3. Zustimmung
Zitat von Tingletangle....aber der ganze Artikel klingt wie das laute Aufheulen eines heftig getroffenen Hundes. Anscheinen hat da jemand einen empfindlichen Nerv getroffen.
Das war auch mein erster Gedanke. Alleine eine Wertung von 1/10 lässt darauf schließen. Die Folge daraus ist das man sich zur Verifikation diesen Tatort doch mal geben sollte. Ich schaue eh meist Antizyklisch. - Schlechte Bewertung ein Blick wagen. - Hochgejubelt Finger weg.
rheinufer9365 25.10.2019
4. Eigentlich sehe ich mir seit Jahren
keinen `Tatort´mehr an, aber nach dieser ausgezeichneten Empfehlung, werde ich diesen wohl nicht verpassen. Danke für den Hinweis.
Nur eine Meinung 25.10.2019
5. Wie immer …
… voll aus dem Leben. So realistisch, das ist Deutschland. Ich freue mich immer auf den Tatort, denn nirgends sonst wird die Situation hier in diesem Land so wahrhaftig dargestellt. (Ironie off)
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.