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21. März 2014, 09:34 Uhr

Düsterer Köln-"Tatort"

Abstieg ins Familiengrab

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Drei Kinder verbrennen in einem Eigenheim, Schenk und Ballauf leuchten sich durch ein rußschwarzes Familiendrama. Die neue Härte steht dem zuvor so drolligen Kölner "Tatort" gut - neue Schärfe beim Schliff des Drehbuchs hätte auch nicht geschadet.

Draußen vor der Einfahrt stehen Teddybären, Kerzen und bunte Gedenktafeln, drinnen im Haus erwarten die Ermittler pechschwarze, rußverschmierte Gänge. Das Eigenheim der Reinhardts ist in Flammen aufgegangen, alle drei Kinder sind verbrannt. Im Schein der Taschenlampe ist die Hand eines toten Mädchens zu sehen. Obwohl hier ein Dutzend Profis ihren Dienst tun, sind kaum Geräusche zu hören; kein abgebrühter Forensiker bringt einen abgebrühten Spruch. Es herrscht Grabesstille.

Und die Eltern der toten Kinder? Die Mutter (Susanne Wolff) irrt mit zerzausten Haaren und aufgerissenen Augen am Rheinufer herum, schreit Richtung Wasser Unverständliches, wie sich später herausstellt, leidet sie an Amnesie. Der Vater (Ben Becker) ist schon seit zwei Jahren verschwunden. Irgendwo in Holland soll er sein, so genau weiß das keiner. Die Ermittlungen gestalten sich zäh.

Dieser "Tatort" erzählt von dem Abstieg in ein Familiengrab. Und das im wörtlichen wie übertragenen Sinn. Denn nach und nach ordnen die Kommissare Schenk (Dietmar Bär) und Ballauf (Klaus J. Behrendt) die sterblichen Reste der Reinhardts und stellen fest: Gelebt hat diese Familie schon lange nicht mehr richtig. Bereits vor zwei Jahren hat der Mann seinen Job als Flugzeugingenieur verloren, danach randalierte er auf dem Arbeitsamt, dann verlor sich seine Spur in Holland. Die Frau versuchte, den Anschein der Normalität aufrecht zu erhalten. Verbrannt ist nicht nur das Eigenheim, verbrannt ist die Existenz einer ganzen Familie.

Modergrün, leichenbraun, rußschwarz

Der Kölner "Tatort" bleibt seinem neuen düsteren Ton treu. Wie könnte er auch anders, in der letzten, wegen ihrer Brutalität erst um 22.00 Uhr ausgestrahlten Folge wurde qualvoll Assistentin Franziska aus der Handlung gemordet; ein allzu saloppes, gar fröhliches Täterrätsel im Anschluss hätte zynisch gewirkt. So, als hätte der "Tatort" kein Gedächtnis.

Also halten die Macher die Stimmung der vorherigen Folge. Und auch die Farbgebung und die Lichtsetzung (Kamera: Holly Fink) orientiert sich am Knastthriller von Anfang Januar: modergrün, leichenbraun und rußschwarz sind hier sowohl die Innen- als auch die Außenräume. Der in den vergangenen Jahren oft allzu putzige Kölner "Tatort" erhält dadurch eine neue Härte, die den alten Ermittlern gut steht.

Und doch tritt "Der Fall Reinhardt" (Buch: Dagmar Gabler, Regie: Torsten C. Fischer) schnell dramaturgisch auf der Stelle. Gegen den Gedächtnisverlust der Mutter müssen die Ermittler das Geschehen rekonstruieren, stolpern dabei in die eine oder andere Sackgasse, in die eine oder andere arg plakativ ausgelegte falsche Fährte. Die Verzweiflung der Mutter, die Wut des später auf der Bildfläche erscheinenden Vaters, beides bleibt Behauptung. Wir sehen: Hier liegt eine bürgerliche Existenz in Asche, aber erfahren nicht wirklich, wie es dazu gekommen ist. Da hätte das Drehbuch etwas mehr Schliff gebraucht.

Ein Stück harte Arbeit ist dieser "Tatort". Mit dem Schmunzeln scheint es in Köln erst einmal vorbei.


"Tatort: Der Fall Reinhardt", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

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