Fotostrecke

"Tatort" aus Bremen: Der Feind heißt Biotech

Foto: ARD

"Tatort" über Ökoterroristen Mein Vater, das Gentechnikmonster

Ökoterroristen drohen, das Bremer Trinkwasser zu vergiften - aus Protest gegen ein böses Biotech-Unternehmen. Der "Tatort" als Kapitalismuskritik mit hohem Leichenfaktor.

Die "Tagesschau" gerät ins Visier von Gewalttätern, schon wieder. Nach der fiktiven Geiselnahme der echten Redaktion durch fiktive tschetschenische Terroristen im Hamburg-"Tatort" mit Til Schweiger Anfang Januar haben es in der neuen Bremer Episode nun militante Ökoaktivisten auf die 20-Uhr-Instanz abgesehen. Die ARD, die sich des Markenwerts der Sendung bewusst ist, inszeniert solche Angriffe auf die "Tagesschau" auch immer als Angriff auf die freiheitliche demokratische Grundordnung, kleiner geht es nicht.

Nennen wir es kluges Krawallmanagement: Die eigene Nachrichtensendung wird beworben und gleichzeitig der Politfaktor des Krimis nach vorne geholt.

Der ist bei den Bremer "Tatorten" traditionell sowieso hoch. Diesmal geht es um Ökoterroristen, die androhen, das Trinkwasser mit genau jenem Pestizid zu versetzen, mit dem ein Bremer Biotech-Konzern in Afrika Millionen macht. In Mali sind an dem Mittel bereits viele Menschen gestorben, nun will man, so die Logik der Bio-Kombattanten, das Sterben aus der Dritten Welt in die Erste bringen, weil es sonst ja niemand zur Kenntnis nehmen würde. Und der Höhepunkt dieser Terrorkampagne soll das digitale Kapern der Primetime-News sein.

Die ganz große Politshow

Cyberterrorismus über Laptops und Twitter-Accounts, hektische Krisentalks mit Anspielungen auf de Maizières "Ein Teil der Antworten würde die Bevölkerung verunsichern"-Gruselrhetorik, zu Mördern mutierte Weltverbesserer: Hier wird die ganz große Politshow aufgeführt.

Die kleine Senderanstalt Radio Bremen bohrt ja gerne die dicksten Bretter, man scheut sich nicht, auch heikle Themen anzupacken. Durch die von Sabine Postel gespielte Inga Lürsen, der einzigen "Tatort"-Ermittlerin mit explizit linker Vergangenheit, findet man oft eine ergiebige Perspektive auf politische Stoffe: Einerseits muss Lürsen vor den immer komplexeren Konflikten auf der Welt alte Gewissheiten über Bord werfen, dann bekommt der Bremer "Tatort" etwas Selbstzerfleischendes. So zum Beispiel in dem Fall über Verbrechen rund um die Windenergiebranche; da war der Zuschauer am Ende so zermürbt, dass er sich das goldene Zeitalter des Atomstroms zurückwünschte.

Andererseits werden bei der Ex-Sponti-Braut die alten Widerstandsreflexe reanimiert, wenn sie irgendwo Ungerechtigkeit wittert, dann nimmt der Krimi schon mal richtig Fahrt auf. Etwa als sie vor fünf Jahren unter Frontex-Polizisten ermittelte, die von ihrem Einsatz im Mittelmeer zurückgekommen waren. Das war ein fast schon prophetischer Krimi, der einen Diskurs über Flucht und Abschottung vorwegnahm, der erst viel später in der breiten Öffentlichkeit geführt wurde.

Panoptikum gefühlsvereister Profis

Auch die aktuelle Folge greift ein Thema auf, das die globale Ordnung der Zukunft bestimmen wird: Es geht um genmanipulierte Nahrungsmittel und welch verheerende Folgen - Schädlingsbefall, Pestizide-Einsatz, Menschenopfer - sie auslösen. Folgen, an denen eben Biotechnologieunternehmen wie das im Film verdienen.

Regie führte Florian Baxmeyer, der Hausregisseur des Bremer "Tatorts", das Buch schrieb Christian Jeltsch; die beiden zeichneten auch für die Frontex-Folge verantwortlich. Allerdings können sie in ihrem neuen "Tatort" nicht die gleiche Dringlichkeit entwickeln.

Baxmeyer inszeniert das Katastrophenszenario zwar mit kunstvoll entfesselten Kamerafahrten, und Jeltsch hat den hastig einberufenen Krisenstab als wunderbares Panoptikum gefühlsvereister Profis angelegt. Es fehlt aber eine verbindliche Dramaturgie: Das mögliche Massensterben in der Stadt lässt einen seltsam unberührt, und der Antrieb der Ökoterroristen ist letztendlich nur ein ungelöster Vater-Tochter-Konflikt. Er (Manfred Zapatka) hat sich an die Gentechnikmonster verkauft und das Kind vernachlässigt, sie (Friederike Becht) findet im Ökoterrorismus ein Ventil, um Rache an dem Alten zu nehmen. Da schnurrt der globale Konflikt auf Rührstückformat.

Und die Ermittler wirken streckenweise seltsam teilnahmslos. Kommissar Stedefreund (Oliver Mommsen) hechtet hier zwar ein weiteres Mal durch die Stadt, als würde er Kilometergeld bekommen, echte Aufmerksamkeit bringt er allerdings nur für die tolle Figur seiner neuen Kollegin auf, die BKA-Spezialistin Linda Selb (Luise Wolfram), eine brillante Denkerin, die allerdings so ihre Probleme mit anderen Menschen hat. In einer der stärkeren Szenen hält sie Stedefreund für einen Verdächtigen, überwältigt ihn und setzt sich auf ihn drauf. Der genießt die Unterwerfung sichtlich, sie sagt mit Roboterstimme: "Sex? Später, wenn alles vorbei ist."

Der Satz beschreibt ganz gut das Problem dieses "Tatorts", der als Politthriller keine Stimulanz auslässt, ohne wirklich zu zünden. Spannung? Später, wenn alles vorbei ist.

Bewertung: 5 von 10

"Tatort: Der hundertste Affe", Montag, 20.15 Uhr, ARD

Fotostrecke

Fotostrecke: Alle "Tatort"-Teams im Überblick

Foto: Martin Rottenkolber / WDR
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.