"Tatort" aus Dresden Dreck, Bart, Jogginghose, fertig ist der Obdachlose

Huch, wer ist denn da in den Altkleidercontainer gefallen? Im Dresdner "Tatort" geht es um drollige Clochards und dreckige Geschäfte mit Obdachlosenheimen. Wir sind erschüttert. Über den Film.

MDR/ Gordon Mühle

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Penner in Dresden möchte man sein. In diesem "Tatort" lümmeln und lallen sich gleich drei Klischee gewordene Obdachlose durch die Stadt. Und weil die Herren einen wohlhabenden Gönner haben, fallen sie auch öfter bei einem Edelitaliener ein, wo sie sich Grappa und andere edle Tropfen ins ungewaschene Maul kippen.

Soll das witzig sein? Wir wissen es nicht. Den Hintergrund der Berberburleske bildet jedenfalls ein auf Empörung angelegtes gesellschaftspolitisches "Tatort"-Lehrstück über einen schweren Fall von sozialstaatlichem Missbrauch. Es geht um Häuser in der Innenstadt, aus denen einkommensschwache Mieter vertrieben werden, auf dass Unternehmer dort Obdachlosenunterküfte oder Flüchtlingsheime eröffnen können, in denen sie sich jedes Bett zu teuer von der Stadt bezahlen lassen.

Einer der Unternehmer, der in diesen Mechanismus verstrickt ist, wurde von einer Brücke geschmissen. Die drei Obdachlosen waren, wie sie selbst sagen, die "Security" des Toten. Ehrlich, jawoll, hicks! Die Kommissarinnen Henni Sieland (Alwara Höfels), Karin Gorniak (Karin Hanczewski) und ihr Chef Peter Michael Schnabel (Martin Brambach) werden von den wenig vertrauenswürdig wirkenden Fusselbärten über den Verlauf der Tatnacht informiert oder zumindest über ihre Sicht auf den Verlauf. Flashbacks in Schwarz-Weiß bebildern die beschwipsten Berichte.

Wille zur Relevanz, Zwang zum Gag

Public-private-Partnerschaften und Obdachlosenproblematik, Perspektivwechsel im "Rashomon"-Stil und Pennerklaumauk. Dieser "Tatort" will wichtig und kritisch sein, aber auch witzig und gewitzt. Er ist nichts davon. Dabei stammt er doch aus der Feder von "Stromberg"-Autor Ralf Husmann (Co-Autor Mika Kallwass), der die erste Folge des Dresdner "Tatort" als mit vielen originellen Einsichten ins sächsische Gemüt aufgeladene Schlagerschnurre angelegt hatte.

Gab es beim Dreh dieses "Tatort" möglicherweise Übersetzungsschwierigkeiten? Regisseur Dror Zahavi, der dieses mit einigen wenigen wirklich komischen Dialogen aufgeladene Drehbuch verfilmt hat, steht bei seinen Fernsehkrimis eher für betonierte Sozialdramabauten. "Der König der Gosse" schwankt nun zwischen Wille zur Relevanz und Zwang zum Gag, eine Haltung kann man nicht aus der Geschichte herauslesen. Dabei ist es durchaus nicht unmöglich, soziale Härten und verbalen Witz zusammenzubringen, wie letztes Jahr der Bodensee-"Tatort" mit dem schönen Titel "Côte d'Azur" bewiesen hat. Ja. man kann auch im Elend lachen. Aber eben nicht über das Elend.

Das Problem des Dresdner "Tatort": Während die beiden jungen Ermittlerinnen mit heiligem Ernst in ihrer Überforderung als alleinerziehende Mutter und als liebesbedürftige Lebenspartnerin gezeigt werden, sind die Obdachlosen zur Beömmelung freigegeben. Vor dem Hintergrund der aktuellen fremdenfeindlichen Ereignisse in Bautzen und Dresden wirkt dieser sächsische Sozialklamauk besonders bräsig. Nun können die Filmemacher nichts für die Programmierung, ein Debakel ist ihr "Tatort" aber so oder so.

Am Ende werden die armen Penner in der Dresdner Episode noch auf die Bühne eines ambitionierten Regietheatermachers geholt, wo sie im stilisierten Klagechor die authentische Staffage geben müssen. Echte Asis spielen echtes Elend, man kennt das aus dem heimischen Stadttheater, wo unter dem Vorwand der Teilhabe gesellschaftliche Randexistenzen auf die Bretter geschoben werden. Will dieser "Tatort" das vielleicht ironisch beleuchten? Wir wissen es wirklich nicht.

Bewertung: 2 von 10 Punkten


"Tatort: "Der König der Gosse", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

Zum Autor
Saima Altunkaya
Christian Buß ist Kulturredakteur bei SPIEGEL ONLINE mit Schwerpunkt Medien und Gesellschaft. Seine Kollegen denken, er hat eine Macke, weil er nicht nur gefeierte US-Serien schaut, sondern auch jeden "Tatort". Doch der TV-Krimi ist nun mal mehr als ein Täterrätsel - er öffnet ihm ein Fenster in die bundesrepublikanische Wirklichkeit.

E-Mail: Christian_Buss@spiegel.de

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insgesamt 17 Beiträge
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Seite 1
didi2212 30.09.2016
1.
Ich glaube, dass sich die Filmschaffenden immer entscheiden müssen, ob sie ein Milieu oder die Polizeibeamten authentisch oder übertrieben darstellen wollen. Die erste Version ist, wie im Münsteraner TATORT zu sehen, nicht immer die erfolgreichste und unterhaltsamste Art.
betonklotz 30.09.2016
2. Soso, der Autor hat also laut seinen Kollegen eine Macke.
Und dies, weil er nicht nur gefeierte us-amerikanische Serien sieht. Gehört freiwillige Unterwerfung unter den amerikanischen Unkulturimperialismus heute zum guten Ton?
Putin-Troll 30.09.2016
3. Ist halt so
Zitat von betonklotzUnd dies, weil er nicht nur gefeierte us-amerikanische Serien sieht. Gehört freiwillige Unterwerfung unter den amerikanischen Unkulturimperialismus heute zum guten Ton?
Die besten TV-Serien kommen nun mal (meistens) aus Amerika. Wäre schön, wenn das anders wäre, aber ich warte noch auf eine deutsche Serie, die hier auch nur ansatzweise mithalten kann. Genau andersherum sieht es aber z.B. bei Dokumentationen aus. Da kommt von drüben fast nur Schrott...
meinungssprecher 30.09.2016
4. Vielleicht doch großartig?
Nur wenige Minuten nachdem ich diesen Artikel gelesen hatte lass ich einen weiteren in meiner Fernsehzeitschrift, welcher den Tatort über alles lobt. Vorallem das Drehbuch sei demnach genial. Ich jedenfalls weiß schon, welcher Quelle ich eher vertrauen werde...
mwroer 30.09.2016
5.
Zitat von meinungssprecherNur wenige Minuten nachdem ich diesen Artikel gelesen hatte lass ich einen weiteren in meiner Fernsehzeitschrift, welcher den Tatort über alles lobt. Vorallem das Drehbuch sei demnach genial. Ich jedenfalls weiß schon, welcher Quelle ich eher vertrauen werde...
Im Normalfall - es gab 2 Ausnahmen - sind Serien und Filme die im Spiegel eine 5 / 10 oder schlechter bekommen sehenswert während die 9 / 10 Bewertungen (bis jetzt mit einer Ausnahme) einfach nur ... ja was eigentlich waren ... auf jeden Fall anspruchsvoll vermute ich. War schlecht zu sagen, ich bin meistens nach 30 Minuten eingeschlafen.
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