"Tatort"-Abgang von Devid Striesow Abschied ohne Party

Er kiffte, tanzte, rollte die Yogamatte aus. Es nützte nichts. Selbst der großartige Devid Striesow konnte nicht verhindern, dass sich die Saar-"Tatorte" an ihren Themen verhoben - so auch die letzte Folge mit ihm.

SR/ Manuela Meyer

Von


Saarbrücken und das Saarland haben für Restdeutschland ja eher eine bescheidene Strahlkraft. Partymetropole, Zukunftslabor, Integrationsmotor, all das bringt man außerhalb der Saar-Region meist nicht mit dieser zusammen. In ihr selbst wohl auch nicht.

Die Ernennung des für seine coolen und ambivalenten Männerfiguren gefeierten Schauspielers Devid Striesow zum Hauptermittler im Saar-"Tatort" im Jahr 2013 konnte da auch als Versuch gelesen werden, dem kleinen Bundesland einen modernen Anstrich zu geben. Hat nicht hingehauen.

Zu Reggae-Musik und mit Yogamatte scharwenzelte Striesow als ErmittlerJens Stellbrink in die erste Folge, in einer späteren rauchte er sich bei seinen Untersuchungen mit Gras hackedicht. Auch ein Flashmob spielte mal eine Rolle. Striesows Stellbrink begab sich für einen Fall unter Gehörlose, trank, flirtete und tanzte mit ihnen. Er ermittelte in der Start-up-Szene, wo - böse, böse! - Smart-Cars mit Big-Brother-Ausstattung entwickelt wurden.

Fotostrecke

12  Bilder
Stellbrink-"Tatort": Der letzte Tanz

Je weltoffener der Saar-"Tatort" tat, desto hinterwäldlerischer wirkte er. Die schwierigen Stoffe wurden einfach nicht ernst genommen, die Handlung ging selten auf, die Schauspieler rollten wie Automaten durch die ambitionierten Themenwelten. Stellbrink musste sich durch Fälle tänzeln und charmieren, die oft zu komplexe Stoffe behandelten für eine solch betonte Lässigkeit. Schon 2017 zog Darsteller Striesow die Reißleine und kündigte seinen Abgang an. Die Folge "Der Pakt" an diesem Sonntag ist nun seine Abschiedsvorstellung.

Schwesternparty mit Flaschendrehen und Kokain

Am Anfang wird mal wieder mächtig gefeiert im Saar-"Tatort": Auf dem Revier begießen Stellbrink und seine Kollegen, dass eine junge Beamtin aus dem Streifendienst zur Kripo hochrückt; in einem Schwesternheim wird zeitgleich bei einer anderen Party mit Flaschendrehen und Kokain der Ausbildungsalltag verschönt. Auf den einzelnen Zimmern geht es zum Teil hoch her, am Ende der Party liegt eine der jungen Frauen erwürgt auf dem Bett ihrer Zimmernachbarin. Beide haben lange blonde Haare, das Drehbuch (Michael Vershinin und Zoltan Spirandelli) legt eine Verwechslung nahe.

Die Spur führt zu der Initiative "Mediziner für Asyl", wo sich junge Ärztinnen und Pflegerinnen um sogenannte Illegale kümmern. Die Zimmernachbarin engagierte sich hier mit Leib und Seele, die später ermordete Schwesternschülerin selbst flog aus der Anlaufstelle ziemlich schnell raus, weil sie angeblich nur mit den Ärztinnen flirtete statt wirklich zu helfen.

In letzter Zeit gab es immer wieder Abschiebungen von Flüchtlingen, die zuvor Hilfe bei "Mediziner für Asyl" gesucht hatten. Wie sich herausstellt, ist ein junger koptischer Christ aus Ägypten darin verwickelt; für die Ausländerbehörde spioniert er die anderen Leidensgenossen im Flüchtlingsheim aus. Im Ansatz ist die Zerrissenheit dieser Figur sehr interessant, allerdings wird sie mit wenig Fingerspitzengefühl für die Ambivalenzen der Figur inszeniert (Regie: Zoltan Spirandelli).

Gut gemeinte Klischees - mit negativer Wirkung

Überhaupt gibt man sich wenig Mühe, den Kosmos der sogenannten Illegalen, der ja naturgemäß im Verborgenen liegt, in allen seinen Widersprüchen auszuleuchten. Die Figuren nicht deutscher Herkunft bleiben oft gut gemeinte Klischees - die dann unfreiwillig ins Negative kippen.

So ist es etwa bei der Rolle eines jungen persischen Assistenzarztes. Der hatte in der Mordnacht einen One-Night-Stand mit der Schwesternschülerin, weigert sich aber im Laufe der Untersuchungen, einen Penisabstrich von einer Ärztin abnehmen zu lassen - als ob er durch seine in deutschen Medizinerkreisen angewandte Profession nicht über solche kulturellen Prägungen erhaben sein müsste.

Für einen obligatorisch beschwipsten Saarländer "Tatort" spitzt sich das Geschehen in dieser achten und letzten Episode geradezu fatalistisch zu. Striesows Stellbrink, so viel sei verraten, sieht sich am Ende überfordert von den Dingen. Der Fall schließt mit einem tragischen Finale, das Ausscheiden von Kommissar Stellbrink wird nicht weiter thematisiert, Striesow gibt, nix wie weg hier, keine Party zum Abschied. Was hätte man auch feiern sollen.

Bewertung: 4 von 10 Punkten


"Tatort: Der Pakt", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

insgesamt 29 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
ostseewal 25.01.2019
1. Tatort, das totgerittene Pferd...
Wie schade, dass so ein altes Schlachtross von der ARD konzeptionell zerfasert wird mit 20 unterschiedlichen Teams. Die überambitionierten Drehbücher - zeitgeschichtliche Bezug mit der Brechstange - geben ihm den Rest.
fehleinschätzung 25.01.2019
2. Das ist schade
viel hängt vom Drehbuch ab. Entweder Klamauk, übertriebene Härte oder auch mal gerne kein logisches Ende. Als Zuschauer wünscht man sich einen vernünftigen Krimi, die Zeitungen sind ja voll mit Themen. Vielleicht geht es grundsätzlich auch mit weniger Budget, dann kann man sich wieder mehr auf die Story konzentrieren...
sternenguckerle 25.01.2019
3. Kein Verlust
Von allen Tatorten ist der saarländische der einzige, den ich mir seit Jahren nicht mehr anschaue. Das liegt an Stresow, das liegt an den Büchern, das liegt am fehlenden Lokalkolorit. Und das kann ich als Saarländer beurteilen.
kmgeo 25.01.2019
4. Saarland-Bashing
Im einleitenden Text werden einige Klischees zum Saarland bedient. Ich habe dort einen großen Teil meiner Jugend verbracht und fühle mit den Saarländer*innen. Machen Sie nur so weiter und tragen Sie dazu bei, dass am besten kein Eindruck dieses Landes entsteht. Den vielbesungenen Marsch durch die Institutionen haben die Saarländer umgesetzt, als noch niemand daran dachte. Die Anzahl an Politiktalenten, die dieses Land hervorgebracht hat, spricht für sich! Saarländer fahren ja heute noch ins "Reich" - nur dass sie nahe an der Macht im "Reich" sind.....
cosmo9999 25.01.2019
5. kein wunder
man brauch hier bei den ÖR nur mit Drehbüchern, mit den Thema Asyl oder Antisemitismus aufschlagen und schon erhält man ein Okay. Nur das der Zuschauer das Thema langsam leid ist. Der zwanghafte Wahn der ÖR ihren politischen Auftrag, uns alle zu Gutmenschen zu machen nur noch nervt. Ich kann schon verstehen das sich viele lieber Serien auf Netflix oder Amazon anschauen als immer den gleichen Sch... ei den ÖR.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.