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Stuttgart-"Tatort": Bootz jagt Dr. Tod

Foto: SWR/Alexander Kluge

"Tatort" über Selbstjustiz Ich bin Arzt, ich bring dich um

Unser Schmerz wird euer Schmerz: Im neuen "Tatort" verübt ein Ehepaar, dessen Tochter ermordet wurde, Selbstjustiz am Täter und setzt dabei auch dem Rest der Welt zu. Ein gefährlich schiefes Rache-Gleichnis.

Der Arzt im Haus erspart den Folterknecht. So mögen die Verantwortlichen dieses mit beschränktem Personal und ebenso beschränkter Plausibilität inszenierten "Tatort" gedacht haben: Ein Ehepaar (Robert Hunger-Bühler und Michaela Caspar), dessen Tochter einst vergewaltigt und ermordet wurde, rächt sich am Täter. Der Ehemann ist Arzt; mit seiner Frau bringt er den verurteilten Gewalttäter nach dessen Haftentlassung in ihr schönes Einzelhaus, wo sie ihn mit fachmännisch gesetzten Infusionen in den Exitus quälen.

Später findet man die Leiche des Gefolterten in einem Abfallcontainer. Kommissar Lannert (Richy Müller) erscheint vor Ort, schaut in den Container und lässt sich vom Forensiker erklären, dass der Tote vom Müllmann entdeckt wurde: "War er da schon tot?" Klar, man wird doch mal fragen dürfen; aber man darf auch so viel Verstand beim Kommissar voraussetzen, dass er sich vorzustellen vermag, dass die Kollegen das Opfer schnellstmöglich ins Krankenhaus gebracht hätten, wenn noch der kleinste Funke Leben in dessen Körper gewesen wäre.

Was ist da los im Stuttgarter "Tatort"? Über die letzten Folgen hat der Krimi an Fahrt gewonnen, die letzte über Stuttgart 21 war ein großangelegtes Gesellschaftspanorama, brutal, bissig, politisch brisant bis ins kleinste Detail. Nun folgt ein Krimi, bei dem man sich für die Sparflammen-Geistesblitze der Kommissare genauso schämt wie für die Plot-Patzer in Reihe.

Riskantes Opfer-Täter-Szenario

Kaum erfährt zum Beispiel Kommissar Lannert, dass der Vater des missbrauchten Mädchen Arzt ist, nimmt er ihn auch schon als potenziellen Rachemörder ins Visier und lässt ihn observieren. So abrupt die Handlungswendungen, so unlogisch das Ausgangsszenario: So holt am Anfang die Mutter des toten Mädchen als Sozialarbeiterin getarnt den Peiniger aus dem Gefängnis ab - obwohl der Täter sie in den langen Verhandlungen nach der Ermordung der Tochter doch etliche Male gesehen haben muss.

Drehbuchautor Holger Karsten Schmidt hat mit "Mord auf Amrum" einen Gewaltwestern mit verstörendem Witz geschrieben, Regisseur Roland Suso Richter mit seinem Terror-Thriller "Mogadischu" über die Landshut-Entführung eine psychologisch klug verdichtete Konfrontation von Entführern und Entführten gedreht. Im "Tatort" aber verfängt das Opfer-Täter-Szenario nicht.

Und das hat auch damit zu tun, dass die Filmemacher nicht die riskanten Ambivalenzen des Stoffes in den Griff bekommen. Erst sehen wir das Geschehen aus den Augen des Rächerehepaars, später sind wir emotional ganz bei Kommissar Bootz (Felix Klare). Dessen Tochter wird vom Ehepaar entführt; durch den drohenden Verlust soll er erleben, was einst die trauernden Eltern durchgemacht haben. Eine schwierige Konstruktion, weil sie, so wie sie erzählt ist, die Rächer-Hybris zumindest über Strecken legitimiert.

Besonders problematisch: Am Ende dieses Unser-Schmerz-wird-euer-Schmerz-Terrors gibt es einen unpassenden kathartischen Moment, der einen weiteren Beteiligten tot und alle anderen gereinigt zurücklässt. Zu viel Emo-Schmiere für einen Selbstjustizkrimi.

Bewertung: 2 von 10


"Tatort: Der Preis des Lebens", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

"Tatort: Der Preis des Lebens", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD