Köln-»Tatort« über DDR-Altlasten Was wurde aus »Porno-Peter«?

Als der Mensch zur Grabbelware wurde: Der Köln-»Tatort« beschwört die letzten Tage der DDR herauf – und wie BRD-Bonzen damals profitierten. Sarkastisch, suggestiv, aufwühlend.
Alte DDR-Verbrechen im Visier: Die Kölner Kommissare Schenk (Dietmar Bär) und Ballauf (Klaus J. Behrendt)

Alte DDR-Verbrechen im Visier: Die Kölner Kommissare Schenk (Dietmar Bär) und Ballauf (Klaus J. Behrendt)

Foto: Thomas Kost / WDR

»IM Februar«. »Der schöne Jens«. »Porno-Peter«. Dieser »Tatort« beschwört in rustikaler Stasi-Poesie alte DDR-Zeiten herauf, als westdeutsche Geschäftsleute glaubten, in Ostdeutschland für ein paar Westmark günstig Werkstoffe und Liebesnächte einstreichen zu können.

Höhepunkt der Paarungs- und Handelssaison war demnach die Messezeit in Leipzig. Die Stasi schaute dem Treiben in Sachsen nicht nur wohlwollend zu, sondern mischte zwecks Devisenbeschaffung für den klammen Staat aktiv vor Ort auch noch mit Romeo- und Julia-Spitzeln mit.

Ist einer dieser Herren vielleicht »Porno-Peter«? Hotelmanagerin Mai (Ulrike Krumbiegel) mit zwei Geschäftsleuten (Rolf Kanies, l., und Bernhard Schütz)

Ist einer dieser Herren vielleicht »Porno-Peter«? Hotelmanagerin Mai (Ulrike Krumbiegel) mit zwei Geschäftsleuten (Rolf Kanies, l., und Bernhard Schütz)

Foto: Thomas Kost / WDR

Das Erstaunliche an diesem »Tatort«: Um die letzten Tage der DDR samt den Ost-West-Liebesnächten in Leipzig ins Bewusstsein zu rufen, muss seine Handlung kaum die Stadtgrenzen Kölns verlassen. Der Krimi lässt die vergangene Ära ausschließlich durch pointierte Dialoge und eine suggestive Kameraführung vor den Augen des Publikums entstehen.

Sexdienstleistungen und Chemieunfälle

Der aktuelle Krimiplot zu den Ereignissen von ehedem ist überschaubar: Nachdem in einem Kölner Nobelhotel eine alte Dame erhängt in ihrem Zimmer aufgefunden wurde, richtet sich der Verdacht der Kommissare Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Schenk (Dietmar Bär) auf die Hotelgeschäftsführerin Bettina Mai (Ulrike Krumbiegel). Sie und die Tote waren offenbar vor der Wiedervereinigung über Ecken miteinander verbandelt gewesen: Leipzig und Bitterfeld, Stasi-Dienste und Dissidenz, Sexdienstleistungen und Chemieunfälle, das alles ist hier miteinander verbunden, ohne dass man sich diese Zusammenhänge anfänglich erklären kann.

Um die Wer-mit-wem-warum-Konstellationen nachzuzeichnen, setzen die Filmemacher auf eine waghalsige Erzählkonstruktion: Sie lassen die Hotelmanagerin Mai den Kommissar Schenk als Geisel nehmen und beide einander näherkommen. Ein besonders schwerer Fall von Stockholm-Syndrom, aber glaubhaft. Ossi Mai, zu DDR-Zeiten Stasi-IM, schlüsselt Wessi Schenk vom Beifahrersitz oder auf dem Hotelbett das libidinöse und politische Zusammenspiel von ehedem so detailreich wie trocken auf.

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Kommissar-Karussell: Alle »Tatort«-Teams im Überblick

Foto: Martin Rottenkolber / WDR

Sprache, Blicke, einige wenige farblose Fotos: Das reicht, um den historischen Kontext herzustellen. Autor Wolfgang Stauch und Regisseur Torsten C. Fischer – haben zuvor unter anderem schon für den riskanten und aufwühlenden Magdeburger »Polizeiruf« um eine transsexuelle Mordverdächtige zusammengearbeitet – vermeiden sämtliche öffentlich-rechtliche Geschichtsdidaktik. Weder gibt es hier die handelsüblichen Rückblenden ins sächselnde Stasi-Horrorregiment, noch werden traumatische Szenen aus dem Mauerstaat umständlich nachgestellt.

»Porno-Peter« soll Minister in NRW werden

Stattdessen legen die Filmemacher verstörende Verbindungen in die Gegenwart; auch ein paar kriminelle und amoralische Gestalten von damals tauchen wieder auf. Was macht »Porno-Peter« eigentlich heute? Er hat eine Karriere in der Politik hingelegt und soll Wirtschaftsminister von Nordrhein-Westfalen werden.

Im Zentrum aber steht die heutige Hotelmanagerin und frühere Prostituierte Mai, die Darstellerin Krumbiegel in einem sensationellen Balanceakt aus Sarkasmus und Sentiment über die alten Zeiten sprechen lässt. Einmal bringt ihre Figur nüchtern ihre Überlebensstrategie aus der Leipziger Zeit auf den Punkt: »Ficken fürs Vaterland«. Trocken und berührend beschwört sie in ihren Ausführungen den einstigen Ausverkauf der DDR, bei dem Menschen wortwörtlich zu Grabbelware degradiert wurden.

Die bittere Aussage dieses in vielerlei Hinsicht aufwühlenden »Tatorts«: Dass sich das Ende des realen Sozialismus zog, lag auch daran, dass er von Wodka, Westmark und wuschigen BRD-Bonzen am Laufen gehalten wurde.

Bewertung: 9 von 10 Punkten

»Tatort: Der Tod der Anderen«, Sonntag, 20.15 Uhr, Das Erste

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