»Tatort« über Psychokiller Wien auf Crack

Ein Mann in Frauenkleidern, der Prostituierte tötet; eine schlaflose Ermittlerin, die Rat bei einer Dealerin sucht: Der neue Wiener »Tatort« ist ein schauriger Old-School-Thriller mit starker Optik.
Fellner (Adele Neuhauser) und Eisner (Harald Krassnitzer) mit Verdächtigem: Schlaflos in Wien

Fellner (Adele Neuhauser) und Eisner (Harald Krassnitzer) mit Verdächtigem: Schlaflos in Wien

Foto: Petro Domenigg / ORF/ ARD

Falls Sie es noch nicht wussten: Crack ist wieder im Kommen. Das behauptet in diesem »Tatort« zumindest eine Dealerin namens Wave, bei der die unter Schlaflosigkeit leidende Ermittlerin Stoff abgreifen will, um endlich runterzukommen. Der aktuelle Fall setzt der Polizistin hart zu: Es geht ein Mörder um, der Prostituierte tötet und deren kleine Söhne entführt.

Während die Ermittlerin die falschen Verdächtigen ins Visier nimmt, weiß das Publikum schon sehr schnell: Ein Mann mit Perücke und Faltenrock ist der Täter; er kettet die Jungs in verschiedenen Wohnungen an und spielt dann wenig überzeugend die Rolle der liebenden Mutter. Erschwert wird die Überführung des Mörders, da dieser selbst vom Fach zu sein scheint. Jedenfalls gibt er sich gegenüber den Ermittlern als Drogenfahnder aus und greift so in die Ermittlungen ein. Zwischendurch wirft er die in Wien angesagten Substanzen ein. Und wie wir dank Dealerin Wave wissen, ist das eben vor allem Crack.

Eisner (Harald Krassnitzer) mit Dealerin Wave (Sophie Aujesky): Crack im Angebot

Eisner (Harald Krassnitzer) mit Dealerin Wave (Sophie Aujesky): Crack im Angebot

Foto: Petro Domenigg / ORF/ ARD

Runterkommen, wie es die Kommissarin versucht, geht mit diesem Film nicht. Mit jähen und schroffen Energieschüben, wie sie, dem Vernehmen nach, der Crack-Konsum hervorruft, treibt der Thriller voran. Schlaflos in Vienna.

Rotlicht, Schwarzlicht, Bordelle, Diskotheken – Fellner (Adele Neuhauser) und Eisner (Harald Krassnitzer) treiben durch die Nacht, während der Mann in Frauenkleidern (Max Mayer) in pervertierter Fürsorge Leberkäs-Semmeln und Süßigkeiten an die Kinder verteilt. In einer Szene sehen wir, wie die Möchtegernmutter neben einem der Jungen sitzt, der ans Bett gekettet ist, und mit sanfter Stimme sagt: »Nichts ist stärker als das liebende Band einer Mutter.«

Dieser »Tatort« gibt nicht vor, das Genre des Psychokiller-Thrillers neu zu erfinden; pflichtschuldig verweist er auf naheliegende Vorbilder wie Hitchcock oder De Palma. Und auch wenn der Krimi zeitweilig die Perspektive des Mörders einnimmt, ist er keine Studie, die tief und unvorhersehbar in die Psyche des Täters eindringt. Die Motivation des Mannes bleibt nebulös, die Handlung schlingert gelegentlich. Überraschend und überwältigend ist aber der audiovisuelle Formwille, mit dem die Schöpfer ihr Old-School-Nachtstück ausbreiten.

Den Psychos auf den Fersen

Drehbuchautor Mike Majzen war an der Sky-Serie »Der Pass« beteiligt, eine smarte, bildgewaltige Alpen-Neuauflage des schwedischen Serien-Meilensteins »Die Brücke«. Regisseur Christopher Schier hat zuvor den sensationellen »Tatort« über bürgerliche Abgründe am Münchner Stadtrand in Szene gesetzt, wo er die Figuren suggestiv zwischen ungezähmter Natur und optimierten Wohnlandschaften in Szene setzte. Darin liegt jetzt auch die Kraft in Schiers neuer Folge aus Wien: wie dicht er seinen Junkies, Alkis und Psychos auf den Fersen bleibt.

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Foto: Martin Rottenkolber / WDR

Der Stimmung ist mal überreizt wie ein schlechter Drogentrip, mal wie ein somnambuler Kater, den kein Gegengift vertreibt. Die stärkste Sequenz aber ist die wohl leiseste, die wir je in einem »Tatort« gesehen haben: Nachdem etliche Versuche, ihre Schlaflosigkeit zu überwinden, fehlgeschlagen sind, kriegt Fellner von Eisner eine CD geschenkt: 78 Minuten Meeresrauschen. Fellner lehnt sich in ihren Sessel zurück und schließt tatsächlich die Augen.

Das Raffinierte: Die Sequenz ist so aufgebaut wie eine jener inzwischen formalisierten »Tatort«-Passagen, in denen die Charaktere im letzten Drittel der Handlung in geschmeidiger Schnittfolge noch einmal in ihrem Treiben zu sehen sind. Hier sind es: Fellner, die vor dem CD-Player Schäfchen zählt. Eisner, der in fahlem Lampenlicht in Akten stöbert. Einer der Jungen, der gefesselt auf dem Bett liegt. Eine Prostituierte, die an der Stange tanzt.

Normalerweise wird im »Tatort« über solche zusammenbindenden Sequenzen eine Powerballade gekübelt, hier aber hören wir nichts anderes als das Meer. Ein wunderbarer Kontrapunkt zu den Szenen im Crack-Rausch: Komm, süßer Schlaf!

Bewertung: 8 von 10 Punkten

Tatort: »Die Amme«, Sonntag, 20.15 Uhr, Das Erste

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