»Tatort« über Berlins Wohnungsmarkt Entmietung auf die brutale Tour

Bumsen gegen die Unbehaustheit, Rausschmiss für die Rendite: Der »Tatort« zeigt in drastischen Bildern die Kämpfe um den entfesselten Berliner Mietmarkt.
Karow (Mark Waschke) und Rubin (Meret Becker): Wie wird man seinen Mieter los?

Karow (Mark Waschke) und Rubin (Meret Becker): Wie wird man seinen Mieter los?

Foto: Gordon Mühle / rbb

Im Sonntagskrimi wird es zugiger, allerorten droht die Obdachlosigkeit. Der Rostocker »Polizeiruf« zeigte zuletzt, wie eine verarmte alleinerziehende Mutter für ein wenig Restwürde zu einem Rachefeldzug gegen ihren Boss und ihren Bankberater aufbrach. Der Kölner »Tatort« erzählte von einer Sozialarbeiterin, die einen Mord beging, um ihre Mieterhöhung zahlen zu können. Die Frau wollte nicht auf der Straße landen wie all die armen Schlucker, die sie in ihrer Einrichtung betreute.

Der RBB hat nun mit seinem neuen »Tatort« gleich einen ganzen Themenkrimi zu den explodierenden Mietpreisen in der Hauptstadt und der dadurch drohenden Obdachlosigkeit gedreht. Im Zentrum steht ein Wohnhaus im Wedding, das eine Immobilienverwaltung in Familienhand luxussaniert, um es an betuchtere Berliner vermieten zu können.

Matriarchin Gülay Ceylan (Özay Fecht) mit ihrem Schwiegersohn: Stück vom Kuchen des explodierenden Mietmarkts

Matriarchin Gülay Ceylan (Özay Fecht) mit ihrem Schwiegersohn: Stück vom Kuchen des explodierenden Mietmarkts

Foto: Gordon Mühle / rbb

So wie es sich dem Team um Rubin (Meret Becker) und Karow (Mark Waschke) darstellt, geht die Firma bei der Entmietung rabiat vor – die Bewohner bei ihrer Gegenwehr aber offenbar auch: Der Junior des Familienunternehmens wurde vom Balkon geschmissen und liegt mit zertrümmertem Schädel auf dem Gehweg.

Gedreht wurde der »Tatort« im Dezember vergangenen Jahres mit vielen aktuellen Bezügen, er hat über Strecken eine gute dokumentarische Anmutung: Wegen der Coronakrise wird hier viel Maske getragen, der Berliner Mietendeckel existiert noch. Das Gesetz, das die Wohnkosten in der Hauptstadt auch für Menschen mit geringem Einkommen erschwinglich halten sollte, wurde im April vom Bundesverfassungsgericht kassiert.

Deckmantel energetische Sanierung

Aber auch die noch existierende Preisbremse hindert das Familienunternehmen im Krimi nicht daran, eine knallharte Ertragssteigerung durchzusetzen. Unter dem Deckmantel einer energetischen Sanierung wird eine Luxusverschönerung vorgenommen, die zu erhöhten Mieten führt, die keiner aus der alten Bewohnerschaft bezahlen kann. Wer glaubt, Widerstand leisten zu können, dem wird vom firmeneigenen Umzugsdienst klargemacht, lieber doch schnell die Koffer zu packen. Dem Dienst steht eine Hackfresse vor, die vorher in Prostitution und Schutzgelderpressung gemacht hat.

Die Immobilienfirma im »Tatort« gehört nicht zu einem gesichtslosen Investmentfonds, sondern einer im Kiez eingesessenen türkischen Familie (stark: Özay Fecht als melancholische Matriarchin), die ihr Stück vom Kuchen des explodierenden Mietmarkts abhaben will. Und als dubiose Nebenfigur skandiert sich hier ein Hipster mit Wollmützchen, Barista-Küchlein und französischem Akzent durch den Krimi-Plot. Der junge Mann geriert sich in Influencer-Videos als sogenannter Mietrebell, besitzt in Wirklichkeit aber selbst eine teuer vermietete Eigentumswohnung. Protest muss man sich leisten können.

Die Figurenkonstellation mag in einigen Momenten polemisch verkürzt wirken. Aber sie hat den Vorteil, dass der Konflikt vor allem als örtlicher Verteilerkampf behandelt wird, bei dem es nicht mit dem bequemen Fingerzeig auf globale Finanzdynamiken getan ist. Der Krieg um die Miete tobt vor der Haustür.

Wie wollen wir wohnen?

Ausgedacht hat sich das die Drehbuchautorin Katrin Bühlig, die in ihren »Tatorten« Problemstoffe auch mal gegen den Strich bürstet. So wie zuletzt in dem Bremer »Tatort« den Notstand in der Pflege, bei dem die Figuren gegen alle Widerstände für ein würdevolles Lebensende kämpften. Der Frage »Wie wollen wir sterben?« folgt nun die Frage »Wie wollen wir wohnen?« Wohnen, sterben, das liegt in diesem Krimi über den existenziellen Ringen um die eigenen vier Wände dicht beisammen.

Fotostrecke

Kommissar-Karussell: Alle »Tatort«-Teams im Überblick

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Rolf Vennenbernd/ dpa

Bühlig beleuchtet das Thema mit einer Tiefenschärfe, die über den bloßen Sozialreport hinausgeht. Der Episodentitel »Die dritte Haut« kommt aus der Psychologie und bezeichnet den Raum, den man sich zum Leben gestaltet, als eine Art Erweiterung des eigenen Körpers. Der Entzug des Platzes zum Leben entspricht somit einem Angriff auf dieses Leben.

Die Wohnung als Mietgrab

Der niederländische Regisseur Norbert ter Hall findet für diesen Vorgang starke Bilder. Er lässt eine als reines Spekulationsobjekt angeschaffte Altbauwohnung mit der Kamera abfahren, sodass sie trotz allem Stuck und Wandschmuck wie ein toter Raum wirkt. Er zeigt die Rückstände eines Familienlebens in einer leer geräumten Wohnung, als ob er auf Gebeine in einem Grab schaut. Kalte Entmietung, kalte Wohngräber.

Mitten in diesem Winterberlin haben Rubin und Karow dann Sex miteinander, der so zweckoptimiert erscheint, als ginge es dabei wirklich nur darum, die Kälte zu vertreiben. Denn auch in Rubins Wohnung wurde vom Vermieter die Heizung abgestellt, um sie zu vertreiben. Bumsen gegen die Unbehaustheit: Das ist in diesem »Tatort« der vielleicht drastischste Dreh, um die Angst vor dem Verlust der dritten Haut in Szene zu setzen.

Bewertung: 8 von 10 Punkten.

»Tatort: Die dritte Haut«, Sonntag, 20.15, Das Erste