"Tatort"-Missgeschick aus Thüringen Würdelos in Weimar

Was ist mit dem Weimar-"Tatort" los? Zwischen "Titanic"-Laienaufführung und interner Ermittlung verpatzen Christian Ulmen und Nora Tschirner die wenigen möglichen Pointen.

Stephanie Kulbach/ MDR

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Der Dampfer säuft schon nach einer Viertelstunde ab. Da sieht man im Weimarer "Tatort", wie eine örtliche Laienspielgruppe das Finale einer Schmalspur-Musical-Version des Breitwand-Melodrams "Titanic" aufführt. Aus den Lautsprechern dröhnt Celine Dions "My Heart Will Go On", eine Pappattrappe des Unglückskahns hängt schief im Bühnenhintergrund, mit einem flatternden weißen Laken wird schwerer Seegang imitiert, die Darsteller kämpfen sich mit dramatisch rudernden Armen an die Oberfläche, dann werden sie unter dem brausenden Textil begraben.

Eine tolle Szene, albern und herzzerreißend zugleich. Leider bleibt es die einzige tolle Szene in diesem "Tatort". Sie wirkt ein bisschen wie ein Kommentar auf diesen Comedy-Krimi, der über weite Strecken ebenso schlecht getaktet und windschief zur Aufführung gebracht wird wie die Laien-"Titanic".

Am Anfang kommt Kommissar Lessing (Christian Ulmen) ins Gefängnis, weil aus seiner Dienstwaffe ein tödlicher Schuss auf einen Schrottplatzbesitzer abgegeben wurde, der des Mordes verdächtig ist. Die interne Ermittlerin, eine grantige Dame namens Kern, die noch ein private Rechnung mit dem Weimarer Revier offen hat (Nina Proll), wirft Lessing vor, Selbstjustiz begangen zu haben und steckt ihn in Untersuchungshaft, wo er bedröppelt auf die dicken Gitterstäbe starrt. Würdelos in Weimar.

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"Tatort" mit Ulmen und Tschirner: Im Schildkröten-Tempo

Als Kommissarin Dorn (Nora Tschirner) versucht, ihren Kollegen und Ehemann mit Ermittlungen auf eigene Faust rauszuhauen, gerät sie unter anderem in die bewegende "Titanic"-Aufführung. Denn es spielt dort auch die Schwägerin des verdächtigen Schrottplatzbesitzers (Katharina Marie Schubert aus dem Frankfurter Achtzigerjahre-"Tatort") mit - die unter falscher Identität eine Affäre mit dem leicht entflammbaren Schupo Lupo (Arndt Schwering-Sohnrey) hat. Einmal haucht sie ihr Liebesopfer zart an: "Wir halten doch zusammen." Darauf Lupo: "Wie Essig und Öl."

Ein großer Schlamassel

Wir können aus diesem Weimar-"Tatort" Dialoge zitieren - die Handlung aber kriegen wir beim besten Willen nicht rekonstruiert. Neben Schrottpressen und Schrotttheatern, so glauben wir uns zu erinnern, spielen auch Geisterbeschwörungen und indische Statuen eine Rolle. Es ist ein großer Schlamassel.

Bislang wurden alle "Tatorte" aus Weimar von dem Autorenteam Murmel Clausen und Andreas Pflüger geschrieben. Meisterstücke des absurden Witzes waren das oft, in der auf virtuose Weise die Krimi-Schnurre mit den großen Momenten Kulturgeschichte verbunden wurden. Da wurde in der thüringischen Stahlkocherküche auch schon mal fröhlich eine Feuerzangenbowle aufgesetzt und dabei der düstere Denker Kierkegaard zitiert. Nur selten kam es einem dabei so vor, als ob da etwas nicht zusammenpasste.

Bei der Folge "Die harte Kern" (Regie: Helena Hufnagel) hat man nun das Gefühl, dass da gar nichts zusammenpasst. In Auftrag gegeben wurde der "Tatort" bei dem Autorenteam Sebastian Kutscher und Deniz Yildizir; weil man mit dessen Arbeit offensichtlich unzufrieden war, holte man kurz vor Dreh doch wieder Clausen und Pflüger dazu, sie firmieren jetzt als verantwortlich für die Dialoge.

Clausen wird erfreulicherweise auch in Zukunft für den Weimar "Tatort" schreiben - den aktuellen konnte er aber nicht retten. Die ganze Folge wirkt tragisch verstolpert, die wenigen Pointen darin werden konsequent verpatzt. Als ob die Schauspieler schon beim Lesen des Drehbuchs alle Hoffnungen aufgegeben haben.

Ganz am Anfang soll der verdächtige Schrottplatzhändler, der später erschossen wird, verhaftet werden. An einer Krücke humpelt er ganz langsam den Polizisten davon, Kommissar Lessing attestiert ihm beim Handschellenanlegen: "Sie haben ja einen Fluchtinstinkt wie eine Schildkröte." Ein Tier, das insgesamt ganz gut als Vergleich fürs trödelige Tempo und Timing in diesem "Tatort" taugt.

Bewertung: 2 von 10 Punkten


"Tatort: Die harte Kern", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

insgesamt 52 Beiträge
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peter_rot 20.09.2019
1. Die Bewertung verheißt einen amüsanten Tatortabend
Bei 2 von 10 Punkten erwartet uns also kein Psychodrama sondern eine lockere Krimipersiflage. Da freuen wir uns doch drauf.
themistokles 20.09.2019
2. Schon zig- mal gesehen
Sorry, aber alleine schon der Plot liest sich wie bereits schon zig- mal gesehen. Schuß aus der Dienstwaffe - interne Ermittlungen - das Team steht trotzdem zusammen. Ziemlich einfallslos.
GyrosPita 20.09.2019
3.
Der Tatort aus Weimar war schon immer 1 a Grütze, quasi das Münster des Ostens, nur das C. Buss aus irgendwelchen Gründen einen Narren an diesen Knallchargen gefressen hatte, während das Original-Münster von ihm in Grund und Boden geschrieben wurde. Und bei der Tschirner frag ich mich jedes mal ob die überhaupt geschnallt hat das sie nicht in einer Romantic Comedy mitspielt, und das ihr Filmpartner nicht Til Schweiger ist...
Ekkehard Grube 20.09.2019
4. "Absurder Witz"
Ich finde es insgesamt schwierig, Humor zu bewerten. Wie muss Humor beschaffen sein, um zu amüsieren? Humor zieht die Realität ins Lächerliche, insofern sind Kriterien wie z.B. Plausibilität, die für ernste Filme gelten, nicht anwendbar. Und ansonsten? Humor ist zu derb? Zu zynisch? Das eine wie das andere wird dem einen gefallen, dem anderen nicht. Ganz problematisch wird es aber angesichts der Tatsache, dass Christian Buß selbst frühere WE-Tatort-Folgen als "Meisterstücke des absurden Witzes" bezeichnet. Abgesehen einmal von der Frage, ob es eigentlich einen Witz ohne Absurdität gibt: Wenn Herr Buß absurden Humor goutiert, dann müsste doch nach seiner Beschreibung der aktuelle Tatort eine neuerliche Meisterleistung sein: Nichts passt zusammen, absurder geht es nicht. Nach dieser Vorbesprechung freue ich mich noch mehr auf den aktuellen Tatort mit dem Team aus Weimar, das mich ohnehin bisher nie enttäuscht hat.
Proggy 20.09.2019
5. Ulmen und Tschirner
Tatort Weimar, war schon immer wie eine schlechte Münster-Kopie mit Laiendarstellern. Schlechter gespielt, wird nur noch das Tatort-Gespann Tschiller und Gümer. Eigentlich schade, für das schöne Weimar.
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