Furtwängler-»Tatort« über Sexualmord Rechte Vorurteile, linker Selbstbetrug

»Hier sind Frauen was wert!« Der Mord an einer Studentin führt die überforderte Kommissarin Lindholm zu Geflüchteten. Von diesem »Tatort« dürften sich alle politischen Lager brüskiert fühlen. Alle Achtung!
Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler, l.) und Anaïs Schmitz (Florence Kasumba): »Hier können Frauen euch einsperren!«

Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler, l.) und Anaïs Schmitz (Florence Kasumba): »Hier können Frauen euch einsperren!«

Foto: Christine Schroeder / NDR

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Es wird jetzt ein bisschen komplizierter, bitte bleiben Sie trotzdem dran. Dieser »Tatort« handelt von einem Sexualmord an einer jungen deutschen Frau, der die Ermittlerinnen ins Milieu von Geflüchteten führt, aber mit einer handlichen ideologischen Positionierung zu dem Themenkomplex werden Sie am Sonntag nicht ins Bett geschickt. Es geht um rechte Vorurteile, linke Projektionen und einen Feminismus, der haarscharf am Rassismus vorbeischrammt.

Sagen wir mal so: Dieser »Tatort« dürfte von so ziemlich allen Seiten angefeindet werden. In Zeiten, wo alle immerzu nur ihre weltanschauliche Peergroup bedienen wollen, verbuchen wir das mal als Pluspunkt. Um diese Bewertung zu erläutern, kommen wir nicht umhin, gegen Ende eine Passage einzufügen, die als Spoiler gelesen werden kann.

Was meint »europäisch«?

Aber erst einmal der Plot: In einem Waldstück in Göttingen wird eine Studentin misshandelt und ermordet aufgefunden. Ein älterer Zeuge glaubt zu wissen, dass die flüchtende, kaum erkennbare Person in der Nähe des Tatorts auf keinen Fall »europäisch« gewesen sei. Das Mordopfer war in der Geflüchtetenhilfe aktiv, deshalb sucht eine der Kommissarinnen den Täter unter Syrern und Afghanen, was ihr den Vorwurf des Rassismus einbringt.

Munir (Eidin Jalali) Jelena (Mala Emde) in gemütlich runtergerockter WG-Küche: Selbstzerfleischungstheater eines linken Weltbürgertums

Munir (Eidin Jalali) Jelena (Mala Emde) in gemütlich runtergerockter WG-Küche: Selbstzerfleischungstheater eines linken Weltbürgertums

Foto: Christine Schroeder / NDR

Die beiden Ermittlerinnen sind selbst uneins, in welche Richtung die Untersuchungen laufen sollen. Anaïs Schmitz (Florence Kasumba) nimmt die Fährte eines Mannes auf, der schon etliche Frauen in Göttingen bedroht hat und aufgrund eines markanten altertümlichen Dolches nur »der Wikinger« genannt wird. Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) will trotz der heißen Spur zu dem mutmaßlich deutschen Täter nicht von einer umfassenden Untersuchung unter den Geflüchteten lassen. Ist das noch rigoroser Wahrheitswille oder schon latenter Rassismus?

Auch nicht unproblematisch: Lindholm gibt in den Niederlanden eine sogenannte biogeografische Herkunftsanalyse der vorgefundenen Täter-DNA in Auftrag, obwohl das Verfahren in Deutschland verboten ist. Durch eine solche Untersuchung lässt sich herausfinden, aus welcher Region die entsprechende Person stammen könnte; zielgenaue Erkenntnisse liefert sie allerdings nicht.

Brüchige Ideale, latente Ängste

Als Lindholm sich von einer Gruppe nicht-deutscher Männer auf dem Fußballplatz nahe der Unterkunft bedroht glaubt, brüllt sie: »Hier sind Frauen was wert! Hier können Frauen euch einsperren!« Sitzt die feministische Kommissarin da dem Angstgespinst des muslimischen Mannes auf, der prinzipiell alle Frauen hasst?

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Kommissar-Karussell: Alle »Tatort«-Teams im Überblick

Foto: Martin Rottenkolber / WDR

Dieser Krimi erzählt auch von einem linksliberalen Milieu, das sich zwischen brüchigen Idealen und latenten Ängsten am eigenen Weltbild aufreibt. Das Drehbuch stammt von Daniel Nocke, Regie führte Stefan Krohmer. In etlichen ihrer mehr als ein Dutzend gemeinsamer Filme – von der Gesellschaftssatire »Sie haben Knut« über Politaktivistinnen im Skiurlaub (2003) bis zur Familienkomödie »Neu in der Familie« über eine hippe Berliner Patchworksippschaft (2016) – haben die beiden schon das Milieu der weltoffenen Linken samt dem gelegentlichen Verrat an der eigenen Haltung ins Visier genommen. Das Habitat ihrer Charaktere sind WG-Küchen und Altbauidyllen.

Alles nur Flüchtlingsfolklore?

So auch in diesem »Tatort«, bei dem es sich um den 30. Fall von Kommissarin Lindholm in 20 Jahren handelt. In einer Szene sieht man die Mitbewohnerin der ermordeten Studentin in der WG-Küche mit einem Syrer. Der junge Mann erzählt freimütig, wie er vor Deutschen oft eine Art »Flüchtlingsfolklore« zur Aufführung bringt, scharfe syrische Gerichte kocht und grausame Foltergeschichten erzählt – auf dass er seine Person mit dem Bild zur Deckung bringt, das die deutschen Helferinnen und Helfer brauchen, um Anteil an seinem Schicksal zu nehmen.

Der Film ist voll von Momenten, die subtil von Täuschung und Selbsttäuschung erzählen. Getrübt wird die Wirkung des Jubiläumskrimis allerdings dadurch, dass er schon vor mehr als zwei Jahren produziert wurde und nun vor dem Hintergrund einer sich immer schneller im Krisenmodus drehenden Welt stellenweise aus der Zeit gefallen wirkt.

Inspiriert wurde der »Tatort« – nun der mögliche Spoiler – von dem Mordfall Maria Ladenburger. Die deutsche Studentin war 2016 ermordet worden, ein Jahr später wurde der afghanische Geflüchtete Hussein K. als Täter verurteilt. Und wie alt der Film ist, sieht man auch daran, dass hier der Abzug der Bundeswehr aus Afghanistan im August 2021 in den Gesprächen der Charaktere keine Rolle spielt, obwohl es doch auch um Geflüchtete aus dieser Region geht.

Eigentlich hätte der »Tatort« wohl schon im Dezember 2021 gesendet werden sollen, aber das schien den Verantwortlichen dann wohl zu nah an dem Afghanistan-Desaster dran. Man zog jedenfalls erstmal das viel später gedrehte, völlig irre Lindenberg-Lindholm-Treffen auf den Winter 2021 vor.

Ein taktisch nachvollziehbarer Zug – aber der große Schwachpunkt des Krimis ist trotzdem augenfällig: Der mögliche afghanische Täter wirkt wie eine Schablone des Bösen, für die sich die Filmemacher genau dessen bedienen, was sie bei ihren deutschen Charakteren so scharfsinnig kritisieren – der Projektion. Als Selbstzerfleischungstheater eines linksliberalen Weltbürgertums ist dieser »Tatort« trotzdem zeitlos gut.

Bewertung: 7 von 10 Punkten

»Tatort: Die Rache an der Welt«, Sonntag, 20.15 Uhr, Das Erste

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