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21. Oktober 2016, 15:39 Uhr

Sadistischer "Tatort" aus München

Das Leben ist ein langer, ruhiger Stuss

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Endstation Karaoke-Bar: Der neue Münchner "Tatort" führt immer wieder auf die falsche Spur - ein perfides Spiel mit Genre-Klischees, das die Ermittler Batic und Leitmayr an ihre Grenzen stoßen lässt.

So viele Zeugen, die verhört werden. So viele Körper, die gecheckt werden. So viele Mülleimer, die durchwühlt werden. Selten wurde der zähe Recherchefluss, den Ermittlerarbeit darstellen kann, so perfekt und so maliziös wie im neuen Münchner "Tatort" ins Bild gesetzt.

Ein Familienvater wurde vor den Augen seiner Frau und seines Sohnes vor einem Supermarkt niedergestochen. Obwohl es etliche Zeugen gab, ziehen sich die Untersuchungen. Als sarkastischer Kommentar zoomt die Kamera einmal auf den Kalender an der Bürowand. Der Sinnspruch darauf für den Monat Juni: "Das Gras wächst nicht schneller, wenn man dran zieht." Trotzdem ziehen und ziehen Batic (Miroslav Nemec) und Leitmayr (Udo Wachtveitl) an den wenigen Halmen, die sie zu fassen bekommen.

Zum Beispiel in der Szene, als Batic und Leitmayr mithilfe von Zeugen den Tathergang zu rekonstruieren versuchen: eine geschmeidige Schnittfolge einander komplett widersprechender Aussagen. Sagt der eine über den Täter: "Ein Kräftiger mit Bart." Sagt ein anderer: "Ein ziemlich kleiner Mann. Ein südländischer Typ, vom ganzen Bewegungsablauf, ein Heißblütiger." Sagt eine Dritte, ein bisschen verliebt klingend: "Ein Farbiger, so ein Schöner." Am Ende haben sie so viele Täterbeschreibungen wie Zeugen.

Oder die Szene in der Turnhalle, in der Leitmayr eine aus einer halben Hundertschaft zusammengestellte Soko instruiert: Es sollen Funkzellendaten von allen Männern zusammengetragen werden, die sich zur Tatzeit im Umkreis von 500 Metern vom Tatort aufgehalten haben, danach bitte dann noch Speichelproben von allen einsammeln. Voraussichtlich benötigter Zeitraum: vier Wochen, mindestens. Ein Stöhnen geht durch die halbe Hundertschaft.

Die Rippen von Herrn Schröder

Oder die Szene mit dem Rechtsmediziner. Fröhlich erklärt dieser den beiden Kommissaren mit Bezug auf die Leiche des Opfers: "Ich habe mir den Ben Schröder noch mal vorgenommen" - um dann ein Stück in Formaldehyd eingelegte Rippchen von Herrn Schröder vor die Kommissare zu stellen, mit denen er erklären will, wie sich beim Einstich Blut des verletzten Täters und Blut des Opfers verbunden haben. Großes Hallo auf dem Revier: "Wir haben einen genetischen Fingerabdruck!", freuen sich die Ermittler. Leider ein bisschen zu früh; trotz DNA bleibt der Täter unauffindbar.

"Die Wahrheit", so der Titel der neuen Episode aus München, ist ein hinterhältig gebauter "Tatort" geworden. Denn hier wird mit den genreüblichen Ermittlungschronologien gespielt; immer wenn sich ein Detail ans nächste zu fügen scheint, bricht die Beweiskette wieder zusammen. Und während sich die Kommissare immer besessener in den Fall beißen, wird dem Zuschauer eine hohe Frustrationstoleranz abverlangt, weil man beim Mitkombinieren wieder und wieder in die Sackgasse gelenkt wird. So ein Ermittlerleben ist ein langer, ruhiger Stuss.

Ausgeheckt wurde dieser geradezu sadistische Krimi von Erol Yesilkaya (Buch) und Sebastian Marka (Regie), einem jungen, smarten Filmemacherduo, das einerseits souverän Genre-Kino in Szene zu setzen versteht, diesem aber immer wieder überraschende Wendungen abringt. Den Abschieds-"Tatort" für Joachim Król inszenierten sie 2015 als formvollendeten, zitatfreudigen Home-Invasion-Thriller; dem neuen Frankfurter Team mit Margarita Broich und Wolfram Koch bauten sie danach einen ironisch gebrochenen Retro-Hardboiled-Thriller.

Bei aller spielerischen Eleganz gibt es in den Krimis von Yesilkaya und Marka dann aber immer wieder richtig böses Angstkino. So wenden sie den neuen Münchner "Tatort" auf einmal in einen Serienkiller-Schocker und von da noch einmal zum Slasher-Movie. Eine stilistische Achterbahnfahrt, die vor allem die schon in der letzten Folge arg in Mitleidenschaft gezogenen Ermittler blass und ausgelaugt zurücklässt.

Irgendwann schaufelt Leitmayr in einer Karaokebar Erdnüsse in sich hinein und schaukelt dabei den Kopf, als leide er an Hospitalismus, während über die Gesangsanlage eine schaurige Version von Metallicas "Nothing Else Matters" jault. Ein scheußlicher, ein schöner "Tatort".

Bewertung: 8 von 10 Punkten


"Tatort: Die Wahrheit", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

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