Sadistischer "Tatort" aus München Das Leben ist ein langer, ruhiger Stuss

Endstation Karaoke-Bar: Der neue Münchner "Tatort" führt immer wieder auf die falsche Spur - ein perfides Spiel mit Genre-Klischees, das die Ermittler Batic und Leitmayr an ihre Grenzen stoßen lässt.

BR/ Hagen Keller

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So viele Zeugen, die verhört werden. So viele Körper, die gecheckt werden. So viele Mülleimer, die durchwühlt werden. Selten wurde der zähe Recherchefluss, den Ermittlerarbeit darstellen kann, so perfekt und so maliziös wie im neuen Münchner "Tatort" ins Bild gesetzt.

Ein Familienvater wurde vor den Augen seiner Frau und seines Sohnes vor einem Supermarkt niedergestochen. Obwohl es etliche Zeugen gab, ziehen sich die Untersuchungen. Als sarkastischer Kommentar zoomt die Kamera einmal auf den Kalender an der Bürowand. Der Sinnspruch darauf für den Monat Juni: "Das Gras wächst nicht schneller, wenn man dran zieht." Trotzdem ziehen und ziehen Batic (Miroslav Nemec) und Leitmayr (Udo Wachtveitl) an den wenigen Halmen, die sie zu fassen bekommen.

Zum Beispiel in der Szene, als Batic und Leitmayr mithilfe von Zeugen den Tathergang zu rekonstruieren versuchen: eine geschmeidige Schnittfolge einander komplett widersprechender Aussagen. Sagt der eine über den Täter: "Ein Kräftiger mit Bart." Sagt ein anderer: "Ein ziemlich kleiner Mann. Ein südländischer Typ, vom ganzen Bewegungsablauf, ein Heißblütiger." Sagt eine Dritte, ein bisschen verliebt klingend: "Ein Farbiger, so ein Schöner." Am Ende haben sie so viele Täterbeschreibungen wie Zeugen.

Oder die Szene in der Turnhalle, in der Leitmayr eine aus einer halben Hundertschaft zusammengestellte Soko instruiert: Es sollen Funkzellendaten von allen Männern zusammengetragen werden, die sich zur Tatzeit im Umkreis von 500 Metern vom Tatort aufgehalten haben, danach bitte dann noch Speichelproben von allen einsammeln. Voraussichtlich benötigter Zeitraum: vier Wochen, mindestens. Ein Stöhnen geht durch die halbe Hundertschaft.

Die Rippen von Herrn Schröder

Oder die Szene mit dem Rechtsmediziner. Fröhlich erklärt dieser den beiden Kommissaren mit Bezug auf die Leiche des Opfers: "Ich habe mir den Ben Schröder noch mal vorgenommen" - um dann ein Stück in Formaldehyd eingelegte Rippchen von Herrn Schröder vor die Kommissare zu stellen, mit denen er erklären will, wie sich beim Einstich Blut des verletzten Täters und Blut des Opfers verbunden haben. Großes Hallo auf dem Revier: "Wir haben einen genetischen Fingerabdruck!", freuen sich die Ermittler. Leider ein bisschen zu früh; trotz DNA bleibt der Täter unauffindbar.

"Die Wahrheit", so der Titel der neuen Episode aus München, ist ein hinterhältig gebauter "Tatort" geworden. Denn hier wird mit den genreüblichen Ermittlungschronologien gespielt; immer wenn sich ein Detail ans nächste zu fügen scheint, bricht die Beweiskette wieder zusammen. Und während sich die Kommissare immer besessener in den Fall beißen, wird dem Zuschauer eine hohe Frustrationstoleranz abverlangt, weil man beim Mitkombinieren wieder und wieder in die Sackgasse gelenkt wird. So ein Ermittlerleben ist ein langer, ruhiger Stuss.

Ausgeheckt wurde dieser geradezu sadistische Krimi von Erol Yesilkaya (Buch) und Sebastian Marka (Regie), einem jungen, smarten Filmemacherduo, das einerseits souverän Genre-Kino in Szene zu setzen versteht, diesem aber immer wieder überraschende Wendungen abringt. Den Abschieds-"Tatort" für Joachim Król inszenierten sie 2015 als formvollendeten, zitatfreudigen Home-Invasion-Thriller; dem neuen Frankfurter Team mit Margarita Broich und Wolfram Koch bauten sie danach einen ironisch gebrochenen Retro-Hardboiled-Thriller.

Bei aller spielerischen Eleganz gibt es in den Krimis von Yesilkaya und Marka dann aber immer wieder richtig böses Angstkino. So wenden sie den neuen Münchner "Tatort" auf einmal in einen Serienkiller-Schocker und von da noch einmal zum Slasher-Movie. Eine stilistische Achterbahnfahrt, die vor allem die schon in der letzten Folge arg in Mitleidenschaft gezogenen Ermittler blass und ausgelaugt zurücklässt.

Irgendwann schaufelt Leitmayr in einer Karaokebar Erdnüsse in sich hinein und schaukelt dabei den Kopf, als leide er an Hospitalismus, während über die Gesangsanlage eine schaurige Version von Metallicas "Nothing Else Matters" jault. Ein scheußlicher, ein schöner "Tatort".

Bewertung: 8 von 10 Punkten


"Tatort: Die Wahrheit", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

Zum Autor
Saima Altunkaya
Christian Buß ist Kulturredakteur bei SPIEGEL ONLINE mit Schwerpunkt Medien und Gesellschaft. Seine Kollegen denken, er hat eine Macke, weil er nicht nur gefeierte US-Serien schaut, sondern auch jeden "Tatort". Doch der TV-Krimi ist nun mal mehr als ein Täterrätsel - er öffnet ihm ein Fenster in die bundesrepublikanische Wirklichkeit.

E-Mail: Christian_Buss@spiegel.de

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ice-t.polarbear 21.10.2016
1. Hinweis
Auf Twitter wird die Pressestelle der @PolizeiMuenchen diesen #Tatort am Sonntag ab 20 Uhr live kommentieren. Wird vielleicht nicht so lustig, wie die Tweets zur #Wiesnwache aber bestimmt interessant.
espet3 21.10.2016
2.
Wenn es nicht genug echte Kriminatiltät gibt, dann müssen die Süchtigen sich auch noch den Feierabend mit Ersatzstoff versüßen. Ist wohl alles eine Zeiterscheinung wie das Tätowieren.
velence 21.10.2016
3. Zwei Langweiler im Dauereinsatz
Wahre ARD-Beamte. Sie werden uns auch noch in 20 Jahren mit ihren Tatorteinsätzen langweilen. Öffentlichrechtliche Beamte eben. Ein Kotau vor dem Bayrischen Rundfunk und in der Tradition des csu-vereinnahmten Landes.
matteo51 21.10.2016
4. münchen tatort
Zitat von velenceWahre ARD-Beamte. Sie werden uns auch noch in 20 Jahren mit ihren Tatorteinsätzen langweilen. Öffentlichrechtliche Beamte eben. Ein Kotau vor dem Bayrischen Rundfunk und in der Tradition des csu-vereinnahmten Landes.
uns? äh - mich nicht, freu mich auf mein lieblingsduo:)
mad_doc 21.10.2016
5. Scheint ja mal wieder ein
Ein Tatort, in dem es n i c h t darum geht, wer mit wem vögelt und wann das Einzelkind der alleinerziehenden Kommissarin aus der Schule kommt. Und wo der Täter in neudeutscher pc immer der böse. böse Mann ist. Diesen guck ich mir mal an. Die "Münchener" haben schon einige Filme auf Weltniveau gemacht. Spontan fällt mir dieses wunderbare Märchen vom Polizisten ein, der sich unsterblich in eine Nutte verleibt. Oder die Episode, wo ein Wüstensohn und sein "Emir" zeigen, was man an Diplomatie in diesem Lande alles missbrauchen kann. Beide Filme als Sternstunde des schauspielerischen Könnens. Oder die Vergiftung einer selbstverliebten "Schönheitskönigin" durch einen Erdnusskuss. Das war doch Klasse. Und das noch im Schokoladenbad. Erstklassige Unterhaltung vor dem Hintergrund ausufernder menschlicher Eitelkeit. Nur am Ton müssen die noch arbeiten. Bayrischer Sprachbrei ist nicht für´s Ohr.
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