»Tatort« über Selbstoptimierung bei Musikern Mord ich oder träum ich?

Ehrgeizexzess: Im München-»Tatort« manipuliert eine junge Geigerin ihre eigenen Träume, um besser zu werden – und glaubt schließlich, eine Konkurrentin erstochen zu haben.
Marina Eeden (Jara Bihler) bei einem Auftritt mit großem Orchester: Der Traum von der großen Karriere

Marina Eeden (Jara Bihler) bei einem Auftritt mit großem Orchester: Der Traum von der großen Karriere

Foto: Hendrik Heiden / Hendrik Heiden / BR

Ritalintabletten werden wie Smarties konsumiert, auf den Toiletten wechseln beutelweise Benzodiazepine die Besitzerin. Raufkommen, runterkommen, das gibt den Rhythmus dieses »Tatorts« vor, der im Milieu von jungen Leistungskräften aus dem Musik- und Sportbereich angesiedelt ist.

Angehende Stargeigerinnen versuchen, über den Pillenmix die Konzentration zu steigern, angehende Turn-Asse manipulieren durch chemische Unterstützung ihre Körper so, wie es in die Taktung der Wettbewerbe passt. Die Kommissare – das kennt man aus anderen Leistungssportler-Krimis – können angesichts des Selbstoptimierungswahns nur routiniert den Kopf schütteln.

Leitmayr (Udo Wachtveitl) und Batic (Miroslav Nemec) mit der mutmaßlichen Mörderin Marina: Vernehmung auf dem Dach des Gasteigs

Leitmayr (Udo Wachtveitl) und Batic (Miroslav Nemec) mit der mutmaßlichen Mörderin Marina: Vernehmung auf dem Dach des Gasteigs

Foto: Hendrik Heiden / Hendrik Heiden / BR

Doch dieser München-»Tatort« fügt dem etwas abgehangenen Genre des Sportkrimis eine spektakuläre neue Komponente hinzu: Die ehrgeizigen jungen Menschen begeben sich in Schlaflabore, um in selbst gesteuerten Träumen an ihren Skills zu arbeiten. Die Musikerinnen wollen auf diese Weise neue Bereiche ihrer Virtuosität ergründen, die Sportler ihr räumliches Bewusstsein perfektionieren.

Blutspuren auf dem Dach

Auch die Geigerin Marina Eeden (Jara Bihler), die kurz vor einer ganz großen Karriere steht, hat in solchen Klarträumen an ihrer Leistungsfähigkeit geschraubt. Nun scheint sie Probleme damit zu haben, Traum und Wirklichkeit auseinanderhalten zu können. Sie glaubt, dass sie auf dem Dach des Münchner Kulturzentrums Gasteig ihre Freundin mit einer Glasscherbe erstochen hat, kann sich an die näheren Umstände aber nicht erinnern.

Die beiden jungen Frauen waren Freundinnen und Konkurrentinnen; beide buhlten um die Stelle der stellvertretenden Konzertmeisterin im Symphonieorchester und hatten etwas mit dem gleichen Leistungsturner. Als die Kommissare Leitmayr (Udo Wachtveitl) und Batic (Miroslav Nemec) der Sache nachgehen, finden sie tatsächlich Blutspuren auf dem Dach, das mutmaßliche Opfer ist aber verschwunden.

Und noch ein »Tatort«, in dem munter die Erzählebenen unter- und übereinandergeschoben werden: Wer schon über den Literaturkrimi aus Frankfurt am letzten Sonntag stöhnte, in dem das Ermittlerteam über die Exegese eines Romans den Fall knacken musste, wird auch an der Münchner Episode wenig Freude haben. Wer es aber kniffelig und kunstsinnig mag, wird bestens bedient.

Arbeit und Schlaf werden eins

Das Drehbuch stammt wie schon das zu dem HR-Fall von Johanna Thalmann, die gemeinsam mit ihrem Co-Autor Moritz Binder dem Ehrgeizexzess ihrer jungen Heldinnen über die Realitätsbrechungen einige erstaunliche Facetten abgewinnt. Regisseur Boris Kunz, der zuvor die virtuos fabulierte Aufschneiderserie »Hindafing« mit entwickelt hat, lässt die Grenzen zwischen Traum und Wirklichkeit verschmelzen. Das Münchner Rundfunkorchester spielt dazu einen eigens komponierten, aufwühlenden Score.

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Kommissar-Karussell: Alle »Tatort«-Teams im Überblick

Foto: SWR/Daniel Dornhöfer

Zwar gibt es die unvermeidlichen »Tatort«-Telekolleg-Momente; etwa wenn die Ermittler auf einmal mit eigenen Träumen konfrontiert werden und sich diese von einer Schlafforscherin erklären lassen. Und die Nebenfiguren bleiben ziemlich blass. Aber es ist schon beachtlich, wie es den drei einer neuen Generation von »Tatort«-Schöpfern zugehörigen Filmschaffenden gelingt, Selbstausbeutung und Sehnsucht ihrer jungen Musikerin darzustellen: Lebt Marina ihren Traum, oder vergeigt sie ihr Leben?

Dabei stößt »Dreams« zu einem dringlichen Thema vor, das der Kunsttheoretiker Jonathan Crary bereits vor einigen Jahren in seinem Buch »24/7« beschrieben hat: In einer durchökonomisierten Daueralarmgesellschaft, bei der die Grenzen zwischen Arbeit, Freizeit und Regeneration längst aufgelöst sind, ist das selbstgenügsame Schlummern und das ziellose Träumen den Verlierern vorbehalten.

»Unter dem Bett sitzt der Zwack und beißt den Faulen die Finger ab«, so sagte die Mutter einer der Geigerinnen immer zu ihrer kleinen Tochter, wenn die lieber ins Bett wollte als üben. So findet der Münchner »Tatort« mit seinen Akkord-Träumerinnen starke Figuren für die Gegenwartsdiagnose: Der Schlaf als letzter Safe Space vor der Leistungsgesellschaft ist abgeschafft.

Bewertung: 8 von 10 Punkten

»Tatort: Dreams«, Sonntag, 20.15 Uhr, Das Erste

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