"Tatort" über künstliche Intelligenz Ich und mein Smiley

Gibt es ein digitales Leben nach dem analogen Tod? Nach dem Mord an einer Start-up-Unternehmerin setzen sich die Bremer "Tatort"-Oldies mit der künstlichen Intelligenz auseinander.

RB/ Christine Schroeder

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Wäre es nicht wunderbar, wenn wir eine digitale Kopie unserer selbst hätten, die uns all die lästigen Aufgaben abnimmt? Anfragen übereifriger Kollegen weglächeln, die ewigen Anrufe der neugierigen Mutter zwitschernd entgegennehmen, nach einem anstrengenden Arbeitstag die Kinder liebevoll ins Bett bringen.

Vanessa Arnold (Adina Vetter) hat sich diesen Traum erfüllt. In ihrem Start-up Golden Bird Systems hat sie mit ihren Partnern eine Cyberversion von sich selbst entwickelt, die Nessa genannt wird und Aussehen, Stimme und Gestik des Fleisch-und-Blut-Originals hat. Was soll man sagen: Digital ist besser. Während Nessa ihren Mitmenschen über Tablet und PC mit niemals versiegender Aufmerksamkeit entgegentritt, ist die alte analoge Vanessa ein ziemlich nerviges Biest.

Als Vanessa mit dem Smartcar unterwegs ist, hackt sich jemand über W-Lan in die Unterhaltungselektronik des Autos ein und verursacht einen tödlichen Unfall. Genau zu jenem Zeitpunkt, als Vanessas Internetklitsche mit der voll funktionstüchtigen Nessa Investoren einsammeln wollte. Kommissarin Lürsen (Sabine Postel) und Kollege Stedefreund (Oliver Mommsen) treffen in der Agentur der Toten auf drei amtliche digitale Bohemiens (Genie im Rollstuhl! Energydrink-Säufer! Um-die-Welt-Jetter-Hallodri!), die jeder für sich ein Mordmotiv hätten.

Wer sind wir? Und wie viele?

Der "Tatort" hat die Cyberkriminalität und die künstliche Intelligenz entdeckt. Zum Saisonauftakt gab es im August einen Big-Data-Fiebertraum aus Stuttgart, nun steuert Radio Bremen eine melancholische Meditation über den Menschen und seine digitale Repräsentation im Netz bei. Wer sind wir? Und wie viele? Me, myself and my Smiley.

Das Regie-Duo Claudia Prietzel und Peter Henning, das auch am Drehbuch beteiligt war, hat für Bremen schon einige der gewagtesten Krimi-Parallelkosmen ins Szene gesetzt: Mit "Schehezarade" lieferten sie 2003 einen furios verdichteten Verschwörungsthriller im Schatten von 9/11. Für die Episode "Ordnung im Lot" versetzten sie den Zuschauer detailgenau in die Lebenswelt einer Frau, die unter paranoider Schizophrenie leidet.

Ein Schizo-Effekt stellt sich nun auch in der neuen Folge "Echolot" ein (Co-Autoren Benjamin Braeunlich und Christine Otto). Denn nach dem Tod ihrer Schöpferin entwickelt deren Cyberabspaltung ein Eigenleben.

Lieblingsszene: Die im Cybersimulationsraum eher fremdelnde Kommissarin Lürsen spricht über Tablet mit der digitalen Doppelgängerin des Mordopfers. Auf die Tochter des Opfers anspielend sagt die Doppelgängerin traurig: "Sie hat ihre Mutter verloren. Das tut mir leid." Die Kommissarin sarkastisch: "Es tut Ihnen leid? Was soll das denn heißen - ein alberner Smiley mit runtergezogenem Mundwinkel, oder was?" Stolze Antwort der Doppelgängerin: "Frau Lürsen, warum sollte ich mit billigen Emojis arbeiten, wenn ich Gefühle habe, die ich abrufen kann."

Dieser "Tatort", mit der die ARD diesen Sonntag sinnigerweise eine Themenwoche zur "Zukunft der Arbeit" einläutet, fährt zwar allerlei Internetbutzen-Folklore auf, in den Dialogen aber gibt es spannende Momente, die die Frage betreffen, was von uns digital bleibt, wenn wir analog abgetreten sind.

Bewertung: 7 von 10 Punkten

"Tatort: Echolot", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

Zum Autor
Christian Buß ist Kulturredakteur bei SPIEGEL ONLINE mit Schwerpunkt Medien und Gesellschaft. Seine Kollegen denken, er hat eine Macke, weil er nicht nur gefeierte US-Serien schaut, sondern auch jeden "Tatort". Doch der TV-Krimi ist nun mal mehr als ein Täterrätsel - er öffnet ihm ein Fenster in die bundesrepublikanische Wirklichkeit.

E-Mail: Christian_Buss@spiegel.de

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insgesamt 24 Beiträge
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Seite 1
joe.micoud 28.10.2016
1.
Seit einigen Wochen sind die Sonntagskrimis richtig gut und der hier hört sich auch interessant an.
bonngoldbaer 28.10.2016
2. Nein danke
Ich glaube, das ist wieder einml ein Tatort, den ich nicht sehen möchte. Schade, weil ich Lürsen und Stedefreund eigentlich sehr mag.
Putin-Troll 28.10.2016
3. Lektüre zum Thema:
'Daemon' von Daniel Suarez.
kpdsu 30.10.2016
4.
Das Thema ließ ja viel Raum für Angst, aber der Tatort war dann doch überraschend gut. Keine wirklich neuen Impulse in der Diskussion über KI, aber solide.
Spon_Client 30.10.2016
5. Ich hatte seit der ersten Minute...
gehofft, daß es nicht die virtuelle Figur es ist, der "gemordet" hat. Und nich mehr gehofft, das am Schluß ein kleiner Hint kommt, das die Figur sich gegen Löschen schonnlängst kopiert hat. Auch der Hinweis "der Programierer (-in)" ist der eigentliche Täter hat nicht wirklich gefruchtet. Klar, Thema von autonom fahrende Autos, autonome KI's - wer haftet? Doch letztendlich hat sich "die Programiererin selbst umgebracht" - ach, kommt schon!!!
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