"Tatort"-Highlight Berlin, Stadt der Schuld

Ein Bau-Tycoon wird ermordet - zur Aufklärung tauchen die Berliner Ermittler in 75 Jahre deutsche Geschichte ein. Ein "Tatort"-Epos über das Erinnern und das Vergessen.
Topographie des Erinnerns: Kommissar Karow (Mark Waschke, l.) mit dem Enkel des Mordopfers (Leonard Scheicher) am Stelenfeld

Topographie des Erinnerns: Kommissar Karow (Mark Waschke, l.) mit dem Enkel des Mordopfers (Leonard Scheicher) am Stelenfeld

Foto:

Stefan Erhard / rbb

Mit dem Erinnern ist das so eine Sache bei der alten Dame. Das Kurzzeitgedächtnis ist kaputt, das Langzeitgedächtnis intakt. Was sie gestern im Pflegeheim zu Mittag gegessen hat, weiß sie nicht mehr, aber jedes Wort des Wanderlieds aus Kindertagen ist fest in ihrer Erinnerung verankert. Genauso wie der Blick der Mitschülerin, die sie im Alter von zehn Jahren an die Behörden verraten hat, weil die Eltern auf dem Dachboden Juden versteckt hielten. Es war der letzte Blick der Mitschülerin, bevor sie abgeführt wurde. Unvergesslich, unauslöschlich, auch über 75 Jahre später.

Die Familie der Mitschülerin kam im KZ um - wie so viele der anderen Opfer von Nazi-Deutschland. Die alte Dame listet sie alle auf, bloß niemanden vergessen, als sei das ihre letzte Aufgabe, bis die Demenz auch andere Teile ihres Gedächtnisses dahinrafft: "Sechs Millionen Juden. Zig Millionen Russen. Polen. Jugoslawen. Tschechoslowaken. Kommunisten. Sozialdemokraten. Pazifisten. Zigeuner. Homosexuelle. Behinderte." Die alte Dame betont jede Opfergruppe, als übernehme sie für deren Ermordung die persönliche Verantwortung.

Fotostrecke

Die Schuld, die bleibt

Foto:

Stefan Erhard / rbb

Dieser "Tatort" handelt von der Schuld, die nicht vergeht. In der Stadt, die nicht still steht. Das Ermittlerteam um Nina Rubin (Meret Becker) und Robert Karow (Mark Waschke) bewegt sich in der stetig wachsenden Erinnerungstopographie zwischen Stelenfeld und anderen Mahnmalen in Berlin, aber erst in den zwischenmenschlichen Konfrontationen tritt hinter der kollektiven die individuelle Schuld hervor – und wie diese eine Berliner Familie bis in die Gegenwart prägt.

Der Patriarch eines über West- und Ostberlin verstreuten Bau-Clans (Rolf Becker) wird am Morgen nach seinem 90. Geburtstag tot auf dem Balkon seiner Firma vorgefunden; um den Hals eine Tafel mit der Naziparole "Ich war zu feige, für Deutschland zu kämpfen". Der Unternehmer setzte sich Zeit seines Lebens für die Aussöhnung mit Israel ein, das große aktuelle Projekt seiner Firma ist der Bau eines Dokumentationszentrums über die Schoah in Israel. Ein Mordanschlag von Rechtsradikalen liegt nahe.

Die Vogelschiss-AfD lässt grüßen

Rechtspopulisten, Linksradikale, Mittelständler und die Frage: Wie hältst du es mit der Erinnerung? Bei ihren Ermittlungen treffen Rubin und Karow auf eine Familie, in der jedes Mitglied stellvertretend für eine Art der Schuld und der Verdrängung steht. Da ist etwa der ostdeutsche Neffe des Toten (Jörg Schüttauf), der für eine rechtspopulistische Partei namens Völkische Front kandidiert und den Holocaust als Lappalie abtut - die Vogelschiss-AfD lässt grüßen. Da ist der im alten West-Berlin aufgewachsene Sohn (Stefan Kurt), der die Erinnerungsinitiative des Vaters vor allem als einträgliche Gedenk-Unternehmung weiterführen will.

Und da ist der Enkel (Leonard Scheicher), der die braunen Parolen des einen so abstoßend findet wie die staatstragend inszenierten Shoah-Geschäftemacherei des anderen. Er sucht im linksradikalen Milieu Zuflucht.

Fotostrecke

Kommissar-Karussell: Alle »Tatort«-Teams im Überblick

Foto: Christine Schroeder / NDR

Das deutsch-deutsche Familienporträt (Regie: Lena Knauss), das die ARD am Sonntag zum 30. Jahrestag der Wiedervereinigung zeigt, hätte leicht zu einem überladenen Polit-Tableau werden können. Und tatsächlich sind einige Figuren als simple dramaturgische Funktionsträger angelegt - aber wie diese in der Interaktion ihren Umgang mit deutscher Geschichte und ihre eigene Verstrickung darin offenbaren, legt geschickt die Fallstricke in der Erinnerungsarbeit frei. Es geht hier um Schuld und wie sie vergegenwärtigt oder vergessen wird. Aber auch darum, wie sie instrumentalisiert oder bagatellisiert wird.

Drehbuchautor Christoph Darnstädt schrieb zuvor einige der Tschiller-"Tatorte" mit Til Schweiger, die ihre Themen meist mit nicht ganz so filigranem Strich einkreisten. Für den "Tatort" aber findet er Szenen, in denen er punktgenau den Wirkungsweisen des Erinnerns nachspürt.

Eben so wie in der eingangs zitierten Szene mit der alten Dame im Pflegeheim, der Witwe des Mordopfers (grandios gespielt von der 90-jährigen Katharina Matz). Das Gedächtnis funktioniert nur noch partiell, aber wenn sie glücklich im Chor mit den anderen Alten "Kein schöner Land in dieser Zeit" singt, dann kommt alles zurück aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs und der Judenverfolgung, als sie das Lied zum ersten Mal gesungen hat.

Dann kommen sie alle zurück, die Ermordeten aller Opfergruppen, von denen keine einzige und kein einziger vergessen werden darf.

Bewertung: 9 von 10 Punkten

"Tatort: Ein paar Worte nach Mitternacht", Sonntag, 20.15 Uhr, Das Erste

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.
Merkliste
Speichern Sie Ihre Lieblingsartikel in der persönlichen Merkliste, um sie später zu lesen und einfach wiederzufinden.
Jetzt anmelden
Sie haben noch kein SPIEGEL-Konto? Jetzt registrieren