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"Tatort" aus Franken: Große Bühne für das Verbrechen

Foto: BR/ Hendrik Heiden

Franken-"Tatort" über Wagner-Festspiele Hannibal in Bayreuth

Im Festspielhaus singt die Walküre, während ein genialischer Rächer grausame Pläne umsetzt. Der "Tatort" als Thriller-Oper - Wagner und Lecter lassen grüßen.

Das Grauen lässt sich nicht fixieren. Wann immer wir im Serienmörder-Kino einen genialischen Täter in Zwangsjacke und mit Maulkorb, in Stahlklemmen und mit Fußfesseln sehen, wissen wir: Gleich wird sein Gegenüber sterben. So war es immer, von Hannibal Lecter in "Das Schweigen der Lämmer" über den Marietta Mangler in "Con-Air" bis zum Joker in "Suicide Squad".

Im neuen Franken-"Tatort", einem Rächerkrimi mit relativ hoher Leichendichte, wird der bereits überführte Täter irgendwann in einer gekachelten unterirdischen Zelle fixiert. Der Mann ist querschnittsgelähmt, die Arme wurden mit Schnüren nach hinten gebunden, sein Rollstuhl ist an die Wand gekettet. Das Gegenüber des Vollverschnürten muss trotzdem um sein Leben fürchten.

Ein Tatort nach allen Regeln des Serienkiller-Thrills: Verantwortlich zeichnen Erol Yesilkaya (Buch) und Sebastian Marka (Regie), die regelmäßig so kunst- wie wirkungsvoll Genrekino-Elemente in die Krimireihe einpflegen. Den Münchner "Tatort" inszenierten sie einst als nihilistischen Cop-Thriller, in dem die Ermittler ihrem Job ohne jede Chance auf Auflösung nachgehen. Den Tukur-"Tatort" legten sie als Serienkiller-Tableau nach "Se7en"-Vorbild an. Und ihren Berliner "Tatort" - gedreht im laufenden Verkehr der Berlinale - verwandelten sie zu einer "Taxi Driver"-Variation über Realitätsverlust und Rachewahn.

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"Tatort" aus Franken: Große Bühne für das Verbrechen

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Die wahnhafte Gier nach Rache ist nun auch das Thema in Yesilkayas und Markas Bayreuth-"Tatort", dessen Handlung sich während der Wagner-Festspiele zuträgt. Auf der Tonspur hört man das Bayreuth Festival Orchestra die "Die Walküre" spielen, die Stadt ist im Festival-Ausnahmezustand und wird von einer Reihe in aller Öffentlichkeit ausgeführter Morde erschüttert: Jeweils zur vollen Stunde erschießt ein Anwalt (Thorsten Merten) ein Opfer, wie ferngesteuert schiebt er sich durch die Straßen.

Beim Versuch eines dritten Mordes während der "Walküre"-Aufführung im Festspielhaus kann er durch einen tödlichen Schuss gestoppt werden. Was wie Rettung auf die letzte Sekunde wirkt, ist doch in Wirklichkeit der Startschuss für den zweiten Teil eines ausgeklügelten Racheplanes.

Rächer im Rollstuhl

Denn der automatenhaft agierende Anwalt wurde offenbar von einem anderen gelenkt: Kommissarin Ringelhahn (Dagmar Menzel) und Kollege Voss (Fabian Hinrichs) müssen nicht viel recherchieren, der Drahtzieher hinter der Mordserie stellt sich quasi selbst, noch im Festspielhaus. Es ist Martin Kresser (Stephan Grossmann), ein Mann, der alles verloren hat, und dafür nun die Schuldigen zur Rechenschaft ziehen will. Kresser ist der Rächer im Rollstuhl. Ein klassisches, überhöhtes Täter-Genie, das seinen überbordenden Hass in Energie für eine opernhaft arrangierte Rache-Versuchsanordnung umwandelt.

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Fotostrecke: Alle "Tatort"-Teams im Überblick

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Die ist so ausgeklügelt, dass sich selbst die Polizei auf eine irre Forderung von ihm einlassen muss: Kresser will 15 Minuten mit dem ruchlosen Lebensmittelfabrikanten (Jürgen Tarrach) verbringen, dem er die Schuld daran gibt, dass die Schwangerschaft seiner Frau mit einer Totgeburt endete; mit Dioxin verseuchte Milch soll die Ursache gewesen sein.

Rechtsstaat und Futtermittelgesetz

Das Tolle in den Krimis von Yesilkaya und Marka ist ja, dass sie ausgerechnet in dem oft als verdruckst empfundenen Fernsehkrimi eine unaufhaltsame Mechanik des Grauens in Gang setzen - in ihrer Bayreuth-Episode klappt das nun aber leider nur bedingt. Vor dem Deal mit dem Rächer gibt es einige umständliche Einlassungen zum Rechtsstaat ("auch richtige Arschlöcher haben Rechte"), und die Ausführungen zum Paragraf 44 des Lebens- und Futtermittelgesetz anlässlich des Milch-Themenkomplexes wirken eher bremsend.

Am Ende gelingt es aber doch, mit einem geschmeidigen Geflecht aus kammerspielartigen Rückblenden und vorantreibender Täterjagd zu erklären, wie der Rächer halb Bayreuth für seinen monströsen Plan manipulieren konnte. Man darf das hier sagen ohne Spoiler-Warnung, weil die Überraschungsmomente nicht in der Frage "Wer war es?", sondern in der Frage "Wie ging das?" liegen.

Als der Rächer schließlich hochgesichert auf den Milch-Unternehmer trifft, schwärmt er: "Erstmal werde ich acht Minuten mit dir reden, danach sieben Minuten beim Sterben zuschauen und es genießen." Da wird einem bewusst, dass dieser "Tatort" trotz aller erheblichen Schwächen an der Erklär-Front doch auch ein sauber und suggestiv getaktetes Thriller-Stück ist: Nicht einen Moment zweifeln wir daran, dass der Rollstuhlfahrer allen Einschränkungen zum Trotz sein gesamtes destruktives Potential entfalten wird. Hannibal in Bayreuth.

Bewertung: 7 von 10 Punkten


"Tatort: Ein Tag wie jeder andere", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

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