"Tatort" über erweiterten Suizid Ein Zombie namens Schneeflöckchen

Ein Vater will seine Familie erschießen, die Tochter überlebt. Batic und Leitmayr werden im Münchner "Tatort" mit einem unübersichtlichen Trauma-Geflecht konfrontiert. Ein Adventskrimi, bei dem keine noch so helle Kerze für Erleuchtung sorgt.

BR/ Bernd Schuller

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"Lauf, Schneeflöckchen, lauf!" Das sagte der Vater, nachdem er den Bruder und die Mutter erschossen und deren Leichen liebevoll auf dem Bett drapiert hatte. Ella, Schneeflöckchen genannt, lief dann auch wirklich, hinter ihr ertönten zwei weitere Schüsse, der Vater versuchte, sich selbst zu erschießen. Er überlebte.

15 Jahre später hat der Vater wieder überlebt. Diesmal stürmte eine maskierte Person in das Haus, erschoss die neue Frau, entführt den Sohn der neuen Frau. So stellt sich das Geschehen jedenfalls für die Polizei dar. Der Vater liegt danach auf der Intensivstation, Kommissar Batic (Miroslav Nemec) und Kollege Leitmayr (Udo Wachtveitl) suchen nun die Tochter aus erster Ehe, die mit neuer Identität in München lebt. Hat Schneeflöckchen sich am Vater gerächt?

"Einmal wirklich sterben" lautet der Titel dieses vertrackten "Tatort", der in seinem suchenden Gestus das genaue Gegenteil zur prallen Panorama-Optik des vorangegangenen Oktoberfest-Krimis darstellt. Im neuen Fall geht es für Batic und Leitmayr um zwei miteinander verknüpfte Gewaltakte, aus denen drei Leichen hervorgehen sowie drei Menschen, die überleben - und doch nicht wirklich am Leben sind. Die Familienauslöschung, die der Vater am Anfang zu unternehmen versucht, weil er seine materielle Situation für ausweglos hält, ist hier Beginn einer Kette von Traumata.

Die Filmemacher (Regie: Markus Imboden, Buch: Claus Cornelius Fischer und Dinah Marte Golch) erzählen ihr Krimi-Drama in einem komplizierten Rückblendengeflecht, es gibt keine moralische Erbauung, keine einfache Antwort. Der sogenannte erweiterte Suizid, oder genauer: der Versuch des sogenannten erweiterten Suizids, führt hier in ein Reich von Toten und Halbtoten. Zombies, wo man hinschaut.

Frau im permanenten Fluchtmodus

Nicht in Sicht ist eine Auflösung. Einzige Rettung scheint Abspaltung. Oder wie die Tochter in Bezug auf den ersten Gewaltakt sagt: "Ella hat die Sache nicht überlebt." Die junge Frau (Anna Drexler, von "Theater heute" zur besten Nachwuchsschauspielerin 2013 gekürt) nennt sich jetzt Emma, arbeitet als Tierpflegerin im Zoo bei Zebras und Elefanten und besucht abends Kampfkunstkurse für Frauen. Ella/Emma/Schneeflöckchen, eine vielfach gespaltene Persönlichkeit: Wir sehen eine Frau im permanenten Fluchtmodus, zwischengeschnitten sind Nachtimpressionen aus dem Zoo, zum Beispiel Zebras, die nervös auseinandertraben.

Diese Tastbewegung zur Versehrtheit der jungen Frau macht den Münchner "Tatort" sympathisch. Es entsteht eine Leere, die der Zuschauer aushalten muss. Es entsteht aber auch eine Leere, deren dramaturgischer Sinn sich leider nicht immer erschließt.

Die stärkste, die konkreteste Szene über den Schmerz des Überlebens steht gleich am Anfang. Batic und Leitmayr besuchen die Mutter eines jungen Polizisten, der schon vor längerer Zeit im Einsatz ums Leben gekommen ist. Die Mutter hört verbotenerweise Polizeifunk, weil sie glaubt, das bringe sie ihrem Sohn näher. Dann drangsaliert sie zärtlich die beiden nicht mehr ganz so jungen graumelierten Polizeibuben mit Wurstbroten, als wären es ihre eigenen Söhne. Batic und Leitmayr rollen mit den Augen und kauen pflichtschuldig ihr Brot.

Die Zeit heilt alle Wunden? Geteiltes Leid ist halbes Leid? Und morgen geht die Sonne wieder auf? Nicht in diesem "Tatort", bei dem man am Sonntagabend zwei Kerzen auf dem Adventskranz anzünden kann, aber nicht auf Erleuchtung hoffen sollte.

Bewertung: 6 von 10 Punkten


"Tatort: Einmal wirklich sterben", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

Zum Autor
Christian Buß ist Kulturredakteur bei SPIEGEL ONLINE mit Schwerpunkt Medien und Gesellschaft. Seine Kollegen denken, er hat eine Macke, weil er nicht nur gefeierte US-Serien schaut, sondern auch jeden "Tatort". Doch der TV-Krimi ist nun mal mehr als ein Täterrätsel - er öffnet ihm ein Fenster in die bundesrepublikanische Wirklichkeit.

E-Mail: Christian_Buss@spiegel.de

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troy_mcclure 04.12.2015
1. Schaun mer mal
Der Tatort aus München gehört meiner Meinung nach noch zu den besseren im Lande.
weem 04.12.2015
2. Mir schwant nichts Gutes..
"Es ensteht eine Leere, die der Zuschauer aushalten muß", und das bei einem Tatort. Da der Tatort mittlerweile schon größtenteils aus seeehr viel Leerlauf besteht, befürchte ich bei diesem kopfschüttelndes Einschlafpotential. Grund dafür, ein Tatort mit vielen Rückblenden hört sich für mich kompliziert, verkopft und eben sterbenslangweilig an. Werde ihn mir nicht ansehen aber lasse mich gerne nach der Ausstrahlung hier im Forum vom Gegenteil überzeugen (oder auch bestätigen).
Amarananab 04.12.2015
3. Was ist mit Schimanski?
Wann kommt ein neuer Schimanski Tatort heraus?
bilderbergbasher 04.12.2015
4. Lieber nicht
Leider gehört der Tatort aus München meiner Meinung nach noch zu den schlechtesten im Lande. Da gibt es bessere, fast alle anderen um ehrlich zu sein.
bilderbergbasher 04.12.2015
5. Lieber nicht
Leider gehört der Tatort aus München meiner Meinung nach noch zu den schlechtesten im Lande. Da gibt es bessere, fast alle anderen um ehrlich zu sein.
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