Neonazi-»Tatort« aus Ludwigshafen Rechte Gewalt als Geschmacksfrage

Fascho-Bubis und Nazi-Bräute: Der Odenthal-»Tatort« soll rechte Gewalt thematisieren, menschelt aber ins Leere. Und das auch noch kurz nach dem Urteil zum Mordfall Lübcke und vor dem Hanau-Gedenktag.
Odenthal (Ulrike Folkerts) mit Kollegin Stern (Lisa Bitter): »Wir leben in einem Rechtsstaat. Schon mal gehört?«

Odenthal (Ulrike Folkerts) mit Kollegin Stern (Lisa Bitter): »Wir leben in einem Rechtsstaat. Schon mal gehört?«

Foto: Jacqueline Krause-Burberg / SWR

Wie die jungen Leute in Deutschland so ihren Tag beginnen: Der Neonazi ruft eine hässliche Homepage namens »Hammerland« auf, die mit Debil-Slogans wie »Glück auf, Deutschland erwacht« wirbt und wo er sich zum Morden verabreden kann. Der linke Konzertveranstalter bittet seinen Sprachassistenten in seiner sonnigen, mit »Rock gegen Rechts«-Plakaten gepflasterten Küche »Spiele Indie-Musik!«, worauf dann Blurs Punk-Etüde »Song 2« loskracht.

Dies ist ein »Tatort« mit vielen Parallelmontagen. Und das ist ein bisschen sein Problem. Wie hier linke und rechte Jugendkultur nebeneinander gesetzt werden, als handele es sich dabei jeweils um einen Style oder ein Lebensgefühl und nicht um eine ideologische oder weltanschauliche Haltung, das bringt den Polit-Plot gefährlich ins Wanken. Ist rechte Gewalt vielleicht nur eine Frage des falschen, des schlechten Geschmacks?

»Tatort«-Fluchtszene: rechte Gewalt, handlich geschrumpft

»Tatort«-Fluchtszene: rechte Gewalt, handlich geschrumpft

Foto: Jacqueline Krause-Burberg / SWR

Der Nazi am Anfang des »Tatort«, der einer Truppe namens »Revenge 88« angehört, geht jedenfalls nach dem Besuch seines nicht nur ästhetisch fragwürdigen Asi-Netzwerks mit einer Pistole los, um den linken Veranstalter auf seiner Joggingtour einen Schreck einzujagen oder zu erschießen. So richtig sicher ist sich der nicht ganz so helle junge Mann in dieser Frage noch nicht. Doch als er den anderen findet, liegt dieser schon tot am Rheinufer, erschossen von einer Gestalt im schwarzen Hoodie, die die Flucht ergreift. Der Neonazi versucht nun selbst zu entkommen, gerät aber in eine Straßensperre, wo er eine Polizistin erschießt.

Auf der »Todesliste der Rechten«

Das zweite Tötungsdelikt in diesem »Tatort« geht also auf Rechnung des Nazis - aber auf wessen Rechnung geht das erste? Kommissarin Odenthal (Ulrike Folkerts) und Kollegin Stern (Lisa Bitter) müssen nun sowohl in rechten Kreisen ermitteln, wo politische Gründe entscheidend für die Tat wären, als auch in linken Kreisen, wo private Gründe ausschlaggebend wären.

Für welches Milieu ihr Herz schlägt, daraus macht Odenthal keinen Hehl. Mit dem ermordeten Veranstalter war sie schon länger gut bekannt, bei seinen »Rock gegen Rechts« -Events gab es immer, wie sie der Kollegin erzählt, »ein Gratiskontingent für Polizisten«. Sie habe auch gewusst, dass er auf der »Todesliste der Rechten« gestanden hätte; erfolglos kämpfte sie um Polizeischutz für ihn. Am liebsten hätte sie sich selbst vor seine Tür gestellt.

Odenthal als PGW-Lehrerin

Für den Nazi hat Odenthal bei der Vernehmung in der Zelle indes nur Verachtung übrig, im Ton einer frustrierten PGW-Lehrerin schnarrt sie ihn an: »Wir leben in einem Rechtsstaat. Schon mal gehört?«

Autor und Regisseur Thomas Bohn ist ein Veteran unter den »Tatort«-Schöpfern. Anfang der Neunzigerjahre brachte er bei einigen Odenthal-Fälle Action-Elemente in die Krimireihe, die damals modern wirkten. Zuletzt drehte er einige Folgen mit Ulrike Folkerts, die explizit politische Themen behandelten. Erst im Dezember lief eine Episode, die davon erzählte, wie die Polizei Sicherheitsaufgaben an private Unternehmen outsourcte. Ein komplexes Thema - das aber am Ende als plattes Law-and-order-Plädoyer daherkam.

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Kommissar-Karussell: Alle »Tatort«-Teams im Überblick

Foto: Martin Rottenkolber / WDR

Auch das Thema rechte Gewalt schrumpft Bohn nun auf allzu handliches Format herunter. Und das liegt eben an der dramaturgischen Parallelsetzung von rechter und linker Szene: So lässt er die Freundinnen des einsitzenden Nazis-Aggressors und die des toten linken Aktivisten durch Zufall nachts in einer Pommesbude aufeinandertreffen, ohne dass die eine über die politische Gesinnung der anderen Bescheid weiß.

Zwei einsame Seelen, die in der Not ein Hotelzimmer für die Nacht teilen, um sich dort näherzukommen: Die eine weint, weil ihr Freund tot ist. Die andere sieht im Traum die Polizistin, die ihr Freund erschossen hat.

Mit diesem tränenseligen Mädchenabend wird der Stoff endgültig entpolitisiert. Gleiches gilt für die Auflösung des ersten Mordfalles an dem Konzertveranstalter: Sehr, sehr schnell wird dem Publikum klar, dass dieser eben nicht Opfer eines rechten Anschlags geworden ist, sondern die Täterin oder der Täter außerhalb des rechten Milieus und im privaten Umfeld des Opfers zu suchen ist. Äußerst befremdlich auch, dass der Nazi-Krimi vollkommen frei von migrantisch geprägten Charakteren ist, obwohl sich die Gewalt der extremen Rechten doch auch und vor allem gegen diese richtet.

Die Dreharbeiten zu dem »Tatort« begannen im März 2020 und mussten wegen der Coronakrise dann bis zum Juni unterbrochen werden, was die Außenaufnahmen samt kahler und grünender Bäume extrem schwer machte. Dass der Krimi nun kurz nach der Urteilsverkündung im Fall Lübcke läuft und eine Woche vor dem Gedenktag an den rassistischen Anschlag in Hanau, ist der unglücklichste an den vielen unglücklichen Aspekten dieses Krimis.

Beide Ereignisse führen uns eindrücklich vor Augen, wie virulent und mörderisch die lange runtergespielte rechte Gewalt ist. Im »Tatort« aber erscheinen Fascho-Bubis und Nazi-Bräute nur als verirrte Schäfchen.

Bewertung: 2 von 10 Punkten.

»Tatort: Hetzjagd«, Sonntag, 20.15 Uhr, Das Erste

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