ARD-Sonntagskrimi Der Schweizer "Tatort" im Schnellcheck

Fuck the Media! Und die Wirtschaft und die Politik gleich mit. Zum Abschied von Stefan Gubser als Kommissar Flückiger holt der Schweizer "Tatort" zu einem wirren Rundumschlag aus. Ein Desaster.

Daniel Winkler/ SRF

Von


Das Szenario:

Demokratiedämmerung in Luzern. Rechte Waffenlobby, linke Fake-News-Verbreiter und gewissenlose Politiker sind hier alle miteinander verbandelt. Nach dem Anschlag während eines Gala-Dinners auf einem Ausflugsdampfer, bei dem sich die Elite der Stadt traf, ermitteln Reto Flückiger (Stefan Gubser) und Liz Ritschard (Delia Mayer) zwischen zwielichtigen Rüstungsunternehmen und noch zwielichtigeren News-Portalen. Hier ist auf niemanden mehr Verlass, am wenigsten auf die vierte Gewalt.

Der Clou:

Die Filmemacher versuchen in die immer unübersichtlichen Frontverläufe der Gegenwart einzutauchen. Dabei verlieren sie leider bald selbst den Überblick: Das verdächtige News-Portal wirkt wie eine Mischung der Enthüllungsplattform WikiLeaks und der rechtspopulistischen Propagandamaschine "Breitbart News".

Das Bild:

Still und stolz thronen die Schweizer Alpen hinter den Panoramafenstern in den oberen Etagen eines Konzerns namens Zentral-Schweizer Rüstungswerke. "Uns geht es um Transparenz", sagt der schmierige Kanonenbauer-Chef. Eigentlich eine gute Analogie auf eine Branche, die Offenheit vortäuscht, wo sie Verschleierung betreibt. Doch auch der Zuschauer wartet in diesem wirren Medien-Waffenlobby-Politik-Rundumschlag vergeblich auf den Durchblick.

Der Dialog:

In den dämmrigen Redaktionsräumen des Nachrichtenportals "Veritas News" kommt es zu einem Schlagabtausch zwischen Kommissar und Journalist:

Journalist: "Ich bin bestimmt nicht der Erste, der Ihnen sagt, wie Sie Ihren Job machen müssen."

Kommissar: "Sie sind auch nicht der Erste, der seine persönliche Meinung mit Fakten verwechselt."

Journalist: "Wenn die Mehrheit etwas richtig findet, ist das automatisch ein Fakt. Punkt."

Kommissar: "Ach ja? Sie standen doch mit dem Täter in Kontakt?"

Journalist: "Ist das jetzt eher eine Meinung oder ein Fakt? Aber die Meinungs- und Pressefreiheit ist doch das höchste Gut in der Demokratie."

Kommissar: "Da gebe ich ausnahmsweise recht. Aber zwischen freier Berichterstattung und frei erfundenen Geschichten gibt es einen großen Unterschied."

Der Song:

"Fuck the Media" von The Terrorists. Der düster bollernde Track des Hip-Hop-Duos aus Houston (wird im Film leider nicht gespielt) könnte der Slogan für diesen "Tatort" sein. Doch während die Rapper ihre Kritik krass und konkret auf den Punkt bringen, ist die Kritik an den neuen Medien im Krimi leider nur krass und konfus.

Die Bewertung:

1 von 10 Punkten. Dieser desaströs aus dem Ruder laufende "Tatort" treibt die Paranoia voran, die er zu analysieren vorgibt. Kommissar Flückiger hat einen würdigeren Abgang verdient.

Die Analyse:

Lesen Sie bitte hier weiter!


"Tatort: Der Elefant im Raum", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD



insgesamt 15 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
michael_a_ro 27.10.2019
1. Ich werde sehen
Nur ein Punkt, das wird interessant!
Bodenseeher 27.10.2019
2. Gefährlich?
Mein erster Gedanke war tatsächlich, dass ich so einen Plot und die (wohl) im Tatort getätigten Aussagen heutzutage für gefährlich halte, da das "Wasser auf die Mühlen" der Fake News Fraktion ist. Ich frage mich auch, ob das mit dem Auftrag der ARD zu vereinbaren ist. Es gibt, zumindest in Teilen der Gesellschaft, kein intaktes Verhältnis zu den Medien mehr. Ich selbst entwickle eine zunehmend größer werdende Skepsis gegenüber "den Medien", dabei informiere ich mich ausschließlich bei den öffentlichen rechtlichen (auf allen/vielen) Kanälen, dem Spiegel und der "Welt", plus Reportagen bei YouTube (vllt liegt da schon der Fehler?!). Der "Tatort" wird bei vielen zu einer "Siehste-Reaktion" führen und es besteht die Gefahr, dass sich einige (viele?) in ihrer Haltung bestätigt fühlen werden. Als vertrauensbildend Maßnahme scheint diese "Tatort" wohl eher ungeeignet. Aber (!) wäre es dann besser so einen "Tatort" nicht zu drehen oder zu senden? Ehrlich, ich weiß es nicht ...
fuerstchristian 27.10.2019
3. noch nie einen guten schweizer Tatort gesehen
Die schweizer TV-Produzenten haben es nach meiner erfahrung noch nie geschafft, auch nur einen sehenswerten Tatort herzustellen. Vielleicht liegt es auch an der nachträglichen Synchronisation vom Schweizerdeutschen ins Hochdeutsche. Dialoge sind meist stocksteif. s ist also kein Verlust, wenn es diesen Krimi nicht länger gibt.... Was die Fake-News angeht: Gegen Dummheit kämpfen Götter selbst vergebens!! Warum erwarten wir dann Wunder von einem Tatort??!!!
odenkirchener 27.10.2019
4. Potenzial
Schade. Einzwei gute Schweizer Tatorte gab es ja. Aber sonst? Hoffentlich machen sie's bei der neuen Mannschaft mit der Sprache besser
Schartin Mulz 27.10.2019
5. Aha
Weil die Rechten die Medien kritisieren, ist Kritik an den Medien tabu? Eine ebenso seltsame wie gefährliche Logik.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.