ARD-Sonntagskrimi Der Schweizer "Tatort" im Schnellcheck

Schraube um Schraube, Zahn um Zahn: Ein Arbeitsloser fordert Genugtuung vom Konzernchef, der ihn wegrationalisierte. Der Schweizer "Tatort" als kapitalismuskritisches Tohuwabohu.

ARD/ Daniel Winkler

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Das Szenario:

Globalisierungskritik grotesk: Ein wegrationalisierter Arbeiter (Misel Maticevic) nimmt die Familie jenes CEOs in Geiselhaft, dessen Unternehmen gerade die Produktion nach Fernost verlegt hat. Schraube um Schraube, Zahn um Zahn: Der Malocher hat nachgerechnet und fordert vom Bonzen Kompensation für den verlorenen Job, nämlich genau 567.840 Euro. Mitten in die mit Knochenbrüchen, Schusswunden und Beleidigungen vorangetriebenen Verhandlungen platzen Reto Flückiger (Stefan Gubser) und Liz Ritschard (Delia Mayer), die in dem kapitalismuskritischen Tohuwabohu den Mord an einer Universitätsdozentin aufzuklären versuchen.

Der Clou:

Der Ausbeuter und der Ausgebeutete - im wahnwitzig entfesselten Geschacher, Gehacke und Geballer kommen sie sich ganz nah. So wünschen sich das wohl zumindest die Filmemacher, die den grobschlächtigen Feinmechaniker und den kunstvernarrten Einstecktuch-Fatzke mit ramponierten Visagen über Ehre und Familie sinnieren lassen. Regie führte Andreas Senn, das Buch stammt von Jan Cronauer und dem bereits 2016 verstorbenen Matthias Tuchmann.

Das Bild:

Die Milliardärsgattin rückt die großflächige moderne Kunst an der Wand gerade, und durch den Glasfußboden kann man sehen, wie die verzogene Tochter des Hauses ein Stockwerk tiefer im Swimmingpool im goldenen Bikini ihre Runden zieht. Ein Szenenbild, das wie eine Installation zum Thema Reichtum wirkt, überreizt und überzeichnet wie dieser "Tatort" insgesamt.

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Luzern-"Tatort": Kunst an den Wänden, Kälte im Herzen

Der Dialog:

Kommissar Flückiger hat es beim Chaos in den Panic-Room der Milliardärsfamilie verschlagen, hier telefoniert er mit dem Sicherheitsdienst:

Kommissar:" Hier ist Reto Flückiger, Kripo Luzern. Verbinden Sie mich sofort mit dem Polizeikommandanten."
Sicherheitsdienst: "Wir haben von Frau Seemarter die Anweisung erhalten, nicht mehr zu reagieren, weil es so viele Fehlalarme gegeben hat."
Kommissar: "Das hier ist kein Fehlalarm, hier drin ist ein bewaffneter Geiselnehmer." Sicherheitsdienst: "Dann bräuchte ich noch das Passwort bitte."

Der Song:

"Danny Boy" von Johnny Cash. Das getragene Traditional samt herzerweichender Orgelpfeifen erzählt vom Waffengang eines jungen Mannes und erklingt in diesem "Tatort", als die Gewalt eskaliert. Sentiment und Grausamkeit: die kontrapunktische Inszenierungsidee wirkt hier aber leider wie hingeworfen.

Die Bewertung:

3 von 10 Punkten. Nach der kunstvoll entfesselten Schweizer Folge aus dem Kultur- und Kongresszentrum Luzern am Anfang der aktuellen Krimi-Saison endet das "Tatort"-Jahr an diesem Sonntag mit sinnlos tösendem Stillstand.


"Tatort: Friss oder stirb", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD



insgesamt 38 Beiträge
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Seite 1
Todweber 30.12.2018
1. Schluss mit der Eintönigkeit
So langsam reicht es mit diesen sozialkritischen Tatorten in nur einer Richtung. Millionär sein? Um Gottes Willen, ein Verbrechen. Reich sein? Ganz schlimm, bestimmt auf Kosten anderer gelebt. Sexpartys mit Escort Girls der Superklasse (Tatort ARD/HR Der Turm) etwas furchtbares. Burschenschaften, lauter Schwerverbrecher usw. Man fühlt sich direkt versetzt in die Talk-Show der ARD mit Anne Will, als Merz gegrillt wurde von 3 Damen. Fällt diesen Machern nichts anderes ein? Aber eine Gebührenerhöhung verlangen, für was? Krieg und Frieden, die Alternative auf Arte in HD. Tatort, mir reicht es mit diesen linken Tatortmachern.
ed_knorke 30.12.2018
2. Bin gespannt
auf den Tatort. Heute morgen hat SWR 3 den Schweizer Tatort mit 5 von 5 Elchen bewertet. Er sei grandios und hätte das Zeug zum besten Tatort des Jahres. Schaue ich mir auf jeden Fall an.
egbert_sass 30.12.2018
3. Glück im Unglück
Auf diesem Foto http://www.spiegel.de/fotostrecke/tatort-friss-oder-stirb-bilder-fotostrecke-165886.html bedroht der Geiselnehmer seine Geisel mit einer gesicherten Waffe. Wozu dann der Finger am Abzug? Als unfreiwilliger Gebührenzahler würde ich Fachberatung für Darsteller erwarten: Wenn eine Beretta 92 entsichert ist, sieht man den roten Punkt. In gesichertem Zustand nicht. https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:M9-pistolet.jpg Hoffe, geholfen zu haben.
peter_rot 30.12.2018
4. Werde den Tatort nicht sehen
Hatte schon beim Durchlesen der Inhaltsangabe in der TV Zeitung überlegt diesen Tatort nicht zu sehen. Nach diesem Kommentar von SPON ist die Entscheidung gefallen den Fernseher aus zu lassen. Es ist schon sehr abstrus, was einige Drehbuchschreiber da abliefern.
peterw 30.12.2018
5. Bin gespannt!
Im Gegensatz zu Herrn Todweber reicht es mir nicht, und ich freue mich auf den Tatort! Um so mehr, als es vorab unterschiedliche Bewertungen gibt.
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