ARD-Sonntagskrimi Der Schnellcheck zum Dortmund-»Tatort«

Ein Kuss für die Ewigkeit und ein Verbrechen, das nachwirkt: Faber und Bönisch ermitteln auf einem Friedhof. Der Dortmund-»Tatort« ist aufwühlend und fatalistisch wie nie zuvor. Einschalten!
Bönisch (Anna Schudt) und Faber (Jörg Hartmann): »Be careful what you wish for!«

Bönisch (Anna Schudt) und Faber (Jörg Hartmann): »Be careful what you wish for!«

Foto: Thomas Kost / WDR / Bavaria Fiction GmbH

Das Szenario:

Tanz der Toten. In einem Bestattungswald werden Leichen ausgegraben, die da nichts zu suchen haben. Die verwesten Körper gehören Frauen, die als vermisst galten – und zu Lebzeiten gespenstische Ähnlichkeit mit Martina Bönisch (Anna Schudt) aufwiesen. Die Kommissarin hat allerdings andere Probleme: Der Gerichtsmediziner, mit dem sie ein Verhältnis hatte, stellt ihr nach und droht ihr. Auch Kollegin Rosa Herzog (Stefanie Reinsperger) sieht sich verfolgt, und zwar von ihrer Mutter, einer untergetauchten Terroristin der letzten RAF-Generation. Ein problematisches Verhältnis zur Mutter hat wohl auch der gesuchte Frauenmörder; jedenfalls sieht man im Laufe dieses »Tatorts« immer wieder Szenen, in denen ein Psychopath Kindergeburtstags-Dekos bastelt und Pop-Hymnen an die Mama abspielt.

Der Clou:

Auf einmal fügt sich alles – aber nichts zum Guten. Dies ist schon der dritte Dortmund-»Tatort« in drei Monaten. Zuletzt flatterten die Erzählfäden arg lose durch die Fälle, hier werden sie zusammengebunden. Etwa der zur plötzlichen Sehnsucht nach Nähe des Zynikers Faber, die diesen in der November-Folge »Masken« befiel. Oder der zu Bönischs verhängnisvoller Affäre, die in »Gier und Angst« schon Thema war. Regie führte Torsten C. Fischer, der auch den eleganten letzten Köln-»Tatort« inszenierte; das Buch stammt von Jürgen Werner, der das Dortmunder TV-Revier vor zehn Jahren an den Start gebracht hat. So schließt sich der Kreis, so wird der Horror auf die Spitze getrieben. Dieser Fall erinnert in vielerlei Hinsicht an den letzten Rostocker »Polizeiruf«, bei dem sich nach zehn Jahren Charly Hübner mit einer letzten furiosen Vorstellung verabschiedet hat.

Das Bild:

Der Kuss, auf den wir zehn Jahre gewartet haben. Wie schon in so vielen Folgen zuvor fühlen sich Bönisch und Faber in den Mörder ein, und im Dialog über das Hassen und Sehnen des anderen lösen sich auf einmal ihre eigenen Gefühle. Weiches, warmes Licht und sanfte, tastende Annäherung – dann treffen sich die Lippen. Ein zarter Moment, den wir in Erinnerungen behalten. Schon deshalb, weil er sich im harten, fatalistischen Dortmunder Revier wohl nicht wiederholen wird.

Der Dialog:

Bönisch und Faber sitzen bei der Observierung eines Verdächtigen im Auto und reden über Bönischs Affäre zum Gerichtsmediziner.

Faber: »Ist nicht jeder so ein Arschloch wie Haller!«

Bönisch: »Ich lande meistens einen Volltreffer.«

Faber: »Ich bin ja auch noch da.«

Bönisch: »Be careful what you wish for!«

Herzog (Stefanie Reinsperger) und Pawlak (Rick Okon) mit Verdächtigem: Auf einmal fügt sich alles - aber nichts zum Guten.

Herzog (Stefanie Reinsperger) und Pawlak (Rick Okon) mit Verdächtigem: Auf einmal fügt sich alles - aber nichts zum Guten.

Foto: Thomas Kost / WDR / Bavaria Fiction GmbH

Der Song:

»A Song For Mama« von Boys II Men . Die Ode an die Mutter, von der Soul-Truppe 1997 mit viel Falsett und Gefühlswallungen eingesungen, erklingt in einer der Szenen, in der die geisterhafte Kindergeburtstagskulisse des Psychopathen zu sehen ist. Man verrät nicht zu viel, wenn man sagt: Hier hat jemand einen gigantischen Mutterkomplex.

Die Bewertung:

8 von 10 Punkten. Ein Kuss für die Ewigkeit und ein Verbrechen, das verheerend nachhallt, wenn der Abspann schon gelaufen ist: Dies ist der vorläufige Höhepunkt aus zehn Jahren Dortmund-»Tatort«.

»Tatort: Liebe Mich!«, Sonntag, 20.15 Uhr, Das Erste

Fotostrecke

Kommissar-Karussell: Alle »Tatort«-Teams im Überblick

Foto: Thomas Kost / WDR