ARD-Sonntagskrimi Der Dresden-"Tatort" im Schnellcheck

Übertrieben kompliziert ausgestreute Hinweise, fahrlässige psychologische Spekulationen: Der Dresdner "Tatort" über einen Mord in der Gastroszene hakt an vielen Stellen.

Daniela Incor/ MDR

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Das Szenario:

Schnitzeljagd zwischen Schizophrenieverdacht und Schutzgelderpressung: Nach dem Mord an einem Dresdner Stargastronom werden den Ermittlerinnen Gorniak (Karin Hanczewski) und Winkler (Cornelia Gröschel) Hinweise hingeworfen, die den Verdacht mal auf die offenbar psychisch versehrte Ehefrau und mal auf osteuropäische Schutzgelderpresser lenken. So geht es hin und her, hin und her.

Der Clou:

Weil der Krimiplot so lange zwischen Krankenakte und Mafia-Komplott in der Schwebe gehalten werden soll, muss das Publikum unentwegt mit den Kommissarinnen den Ermittlungsfokus wechseln. Was eigentlich zur Wachsamkeit zwingen soll, ist irgendwann nur noch ermüdend, weil man sich auf kein Thema richtig konzentrieren kann. Ein unnötig kompliziert gebauter Krimi, der einem am Ende nicht wirklich fürs atemlose Hinweiseinsammeln belohnt.

Das Bild:

Der Sohn der psychisch kranken Mutter malt der Kommissarin im Bus ein Wort ans Fenster, das ihr helfen soll, den Fall zu lösen. Die Kommissarin haucht gegen das Fenster, fotografiert die Buchstaben mit dem Handy ab und legt das Bild im Revier den Kollegen zur Analyse vor. Was wohl eine sensible Annäherung an ein verstörtes Kind sein soll, ist einfach nur umständlich, langatmig und unglaubwürdig.

Fotostrecke

8  Bilder
"Tatort" aus Dresden: Ein bisschen Mafia, ein bisschen Psycho

Der Spruch:

Dezernatschef Schnabel (Martin Brambach) gibt angesichts des Kompetenzchaos ins seinem Haus mal wieder den Korrektheitsspießer: "Da weiß die eine Hand nicht, was die andere Hand macht. Deutschland ist in einem Zustand!" Er hat ja Recht; in diesem Krimi geht wirklich alles durcheinander.

Der Song:

"Schizophrenie" von Das Bierbeben. Die Allstarband aus Mitgliedern der Bands Pop Tarts, Gary und Tocotronic singt: "Wenn alle Schizophrenen zusammenstehen / Haben die Ingenieure keine Macht mehr über uns". Ein ominös geraunter Tresen-Techno-Track, der nicht im "Tatort" vorkommt, aber gut hineinpassen würde, weil dieser Krimi sich auch nur raunend spekulierend dem schwierigen Thema annähert, das er seriös zu behandeln vorgibt.

Die Bewertung:

4 von 10 Punkten. Ein Krimi aus der Gastroszene, das meint in diesem Fall: Mafia-Kompott mit Psycho-Spekulatius.

Die Analyse:

Lesen Sie bitte hier weiter!

"Tatort: Nemesis", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD



insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
signaturen 18.08.2019
1. Der Song von Bierbeben
ist nur gecovert. Das Original findet man auf dem Sampler "Soundtracks zum Untergang" I (1980) und ist von M.D. Blitz. Die kleine Reminiszenz sei gestattet. :)
Dramaturgen-Frau 18.08.2019
2. Sexismus und kein Ende
Warum, um Himmels Willen, muss im Jahr 2019 eine Frau, wenn sie eine Leiche entdeckt, hysterisch rumkreischen. Warum? Kreischt ein Mann rum, wenn er im deutschen Krimi eine Leiche entdeckt? Ein sexistisches Klischee aus den 1950er und 1960er Jahren, immer noch und immer wieder, Tag für Tag, in den Krimis der ARD kolportiert. Da nützt es dann auch nichts, wenn man gleich in der ersten Szene in Dresden eine Schwarze auftreten lässt ("alles ganz normal in Dresden, alles ganz normal..." hihi...). Vielleicht sollten sich Regisseure mal überlegen, was sie tun, wenn sie Frauen immer als unbeherrst hysterische Kreischtussen darstellen! Ist das zuviel verlangt, ARD?!
hfsfn 18.08.2019
3.
Zitat von Dramaturgen-FrauWarum, um Himmels Willen, muss im Jahr 2019 eine Frau, wenn sie eine Leiche entdeckt, hysterisch rumkreischen. Warum? Kreischt ein Mann rum, wenn er im deutschen Krimi eine Leiche entdeckt? Ein sexistisches Klischee aus den 1950er und 1960er Jahren, immer noch und immer wieder, Tag für Tag, in den Krimis der ARD kolportiert. Da nützt es dann auch nichts, wenn man gleich in der ersten Szene in Dresden eine Schwarze auftreten lässt ("alles ganz normal in Dresden, alles ganz normal..." hihi...). Vielleicht sollten sich Regisseure mal überlegen, was sie tun, wenn sie Frauen immer als unbeherrst hysterische Kreischtussen darstellen! Ist das zuviel verlangt, ARD?!
Die Frage ist doch: Kreischen viele Frauen in Wirklichkeit, wenn sie eine Leiche entdecken? Haben Sie da Statistiken - oder ist das einfach nur ausgeschlossen, weil nicht ins korrekte Frauenbild passend? Dass es ein altes Klischee stimmt aber natürlich. Nebenbei wird gleich noch ein neues aufgebaut. Der depperte männliche Vorgesetzte und die smarten abgebrühten Ermittlerinnen. Könnten Sie sich ernsthaft vorstellen, dass in der ARD eine dilettantische Tante zwei abgebrühte Männer rumkommandieren darf? Ich nicht. Auch hier wäre die Frage: Sind nur Männer in Wirklichkeit so dämlich (und korrupt)? Also bitte keinen Sexismus beim Klischeespotting. Davon abgesehen fand ich den Tatort ganz unterhaltsam, obwohl der Plot und insbesondere die Auflösung völlig hanebüchen sind. Schade.
stiller-denker 18.08.2019
4. Tatort mit Brambach wird kaputt geschrieben
Ganz schlechtes Drehbuch. Als gegen Ende versucht wurde, mit immer schnelleren Schnitten den Spannungsbogen zu halten, gab es immer mehr Continuity-Fehler, Inhaltsfehler, Lichtfehler etc. Bei Devid Striesow im Saarland gab es nach der ersten Folge (mit dem Roller beim Baumarkt, super Szene) auch immer schlechtere Drehbücher, echt schade. Martin Brambach hat in zig Tatort-Nebenrollen als Bösewicht gezeigt, was er bei der richtigen Rolle wirklich kann. Kein Wunder, wenn gute Schauspieler wie Alwara Hövels oder Nina Kunzendorf (Frankfurt, mit Joachim Kröl) aussteigen.
Deep Thought 19.08.2019
5. Dieser Krimi war gut !
Er war nicht völlig frei von unglaubwürdigen Aspekten, aber er war ein ausgezeichnetes Psychogramm auf gleich zwei Ebenen: 1) zeigte er realistisch die Gefahr auf, wie sich polizeiliche Aufklärung auch immer wieder einmal in die falsche Richtung bewegen kann und wie sie sich selber unter selbstkritischer Einsicht neu justieren muss. SEHR GUT, weil es auch in der Wirklichkeit keine übermenschlichen Supermännervund Superfrauen gibt, saondern fehlbare MENSCHEN. 2) zeigte er sehr realistisch auf, wie eine zunehmende schwere Psychose eines Menschen den Ehepartner (vergeblich) verzweifelt um Hilfe suchen lässt und ihn sogar zum Opfer werden lässt. Und er zeigt auch auf, daß es in der heutigen, eindimensionalen Sicht auf Männer und Frauen wichtig ist, Männer nicht immer a priori als Täter und Frauen nicht immer a priori als Opfer einzustufen. Die Rolle der psychopathischen Ehefrau und Mutter war sehr realitätsnah und brilliant gespielt. Daß der SPON Rezensent sich über "Komplexität" des Falls beschwert, nur, weil es nicht von Anfang an nur in eine Richtung geht, sagt wohl mehr über den Rezensenten aus als über diese Tatort-Folge. Wie immer: ein SPON Verriss eines Tatortes ist seit vielen Jahren die beste Empfehlung, ihn sich anzusvhauen. Dafür erneut ein großes Dankeschön an den rezensierenden Kontraindikator !
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