ARD-Sonntagskrimi Der Münster-"Tatort" im Schnellcheck

Wie wurde aus dem Nerd Karl-Friedrich der einsame Klugscheißer Boerne? Der Münster-"Tatort" erkundet die Kindheit des Rechtsmediziners - Drogentrips und Alkoholabstürze inklusive.

Willi Weber/ WDR

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Das Szenario:

Die Leiden des jungen Boerne: Nachdem jemand den Chef des Wochenmarkts mit Zyankali-versetztem Lakritz ermordet hat, wird der Rechtsmediziner (Jan Josef Liefers) beim Schnüffeln an dem schwarzen Naschwerk an die eigene Jugend erinnert. Einst war er verliebt in die Tochter eines Lakritzfabrikanten, die aber lieber mit einem älteren Rocker rummachte als mit dem kleinen Streber Karl-Friedrich. Während Kollege Thiel (Axel Prahl) alle Hände voll damit zu tun hat, seinen Vater vom Haschischverkauf im Altenheim abzuhalten, schwelgt Boerne vom Lakritzduft beflügelt in schönsten und scheußlichsten Momenten der Pubertät.

Der Clou:

Der "Tatort" als Bildungsroman. Bei allem drogeninduzierten Klamauk in dieser Münsteraner Folge gibt es doch ein paar anrührende Flashbacks in die Jugend des Rechtsmediziners, die uns erklären: So wurde aus dem kleinen, nerdigen, traurigen Karl-Friedrich der affige, einsame, snobistische Klugscheißer Boerne.

Das Bild:

Auf Krücken, in Elektromobilen und mit Lockenwicklern im Haar eilen die Senioren aus dem Altenheim - davor hat Thiels Vadder (Claus D. Clausnitzer) in seinem Taxi einen mobilen Basar mit Marihuana-Produkten eröffnet. Später wird im Heim gefeiert, als wäre 1969.

Fotostrecke

7  Bilder
"Tatort" mit Boerne und Thiel: Träume und Albträume der Pubertät

Der Dialog:

Staatsanwältin Klemm sitzt genussvoll rauchend auf einem Hüpfball, Kommissar Thiel stürmt mit Pulsmesser ins Büro. Klemm: "Es stimmt also tatsächlich." Thiel: "Was?" Klemm: "Dass sie auf dem Sporttrip sind." Thiel: "Na ja, ein bisschen Bewegung und gesunde Nahrung kann ja nicht schaden, ne?" Klemm: "Wer es braucht." Dann wippt und raucht sie genüsslich weiter.

Der Song:

"Nights in White Satin" von Moody Blues. Im Keller finden Boerne und Thiel eine alte Musikkassette, die der kleine Karl-Friedrich 40 Jahre zuvor für die Tochter des Lakritzfabrikanten aufgenommen hatte. Erst hört man die zarten Worte "Hallo Moni, hier ist der Karl-Friedrich", dann den schwülen Song.

Die Bewertung:

7 von 10 Punkten. Drogen-, lakritz- und jungenschweißverklebter Krimi-Klamauk über die Macht der Erinnerung.

Die Analyse:

Lesen Sie hier bitte weiter!


"Tatort: Lakritz", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD



insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
schehksbier 03.11.2019
1. Was ist denn da los?
Die Krimi-Komödien aus Münster werden doch üblicherweise von SPON mit sehr wenigen Pünktchen bewertet, und jetzt gleich sieben? Hat man tatsächlich erkannt, daß Thiele und Boerne keine Krimis sondern flockigen Klamauk (durchaus unterhaltsamen) bieten?
Indigo76 03.11.2019
2.
Normalerweise gilt die Regel: Je schlechter spon einen Münster-Tatort bewertet, desto besser ist er. Das lässt mich um meine heutige Abendunterhaltung fürchten. Spon hat nicht die geringste Ahnung von humorvollen Inhalten in nichthumorgeprägten Genres. Was nicht zusammengehört darf nicht zusammen sein. Nach diesem Motto bewerten sie Münster-Tatorte seit 17 Jahren - und lernen einfach nicht dazu.
Dramaturgen-Frau 03.11.2019
3. Nicht ganz
Zitat von Indigo76Normalerweise gilt die Regel: Je schlechter spon einen Münster-Tatort bewertet, desto besser ist er. Das lässt mich um meine heutige Abendunterhaltung fürchten. Spon hat nicht die geringste Ahnung von humorvollen Inhalten in nichthumorgeprägten Genres. Was nicht zusammengehört darf nicht zusammen sein. Nach diesem Motto bewerten sie Münster-Tatorte seit 17 Jahren - und lernen einfach nicht dazu.
Der Kritiker hat sich in den letzten Jahren peu à peu dem Publikumsgeschmack in punkto Münster angepasst. Bis auf wenige Ausnahmen redet er im Falle Münster den 15 Millionen zu erwartenden Zuschauern seit geraumer Zeit schon nach dem Mund. Normalerweise würde er das Fehlen von "Gegen rechts!"-Thematik, Genderthemen, Homosexualität und ähnlichen seiner Leibthemen monieren. Sicher trägt auch dazu bei, dass das Thema Inklusion hier bei jeder Folge in Form der Figur "Alberich" präsent ist. Ein Mainstreamthema also wird bedient. Überhaupt scheint beim Kritiker über Jahre eine Art Lernprozess eingesetzt zu haben: er erkennt, dass wir es nicht mit einem Krimi klassischer Prägung zu tun haben. Und dann ist da die erdrückende Macht des Zuspruchs. Den Begriff "Quote" lasse ich mal außen vor, denn beim Münster-Tatort geht es nicht (nur) um Quote, sondern um eine allgemeine Grundsympathie der Zuschauer den dargestellten Figuren gegenüber. Axel Prahl ist ein ausgemachter Publikumsliebling in allen Lagen. Dagegen kann sich nicht einmal der modische Kritiker wehren.
Little_Nemo 03.11.2019
4. Und jeden Sonntag grüßen die Murmeltiere
In den "Tatort" werde ich wohl auch mal reingucken, obwohl ich die Münsteraner eigentlich nicht so mag. Vorausgesetzt natürlich, dass mich die üblichen Kommentare hier im Forum, der Marke "Wenn's der Buß gut findet kann's ja nichts sein" und anderer Transusen, die dem "Tatort" notorisch vorwerfen, er würde ihnen versuchen Meinung aufzuzwingen, während sie selbst genau das hier und anderswo bei jeder sich bietenden Gelegenheit mehr oder weniger clever bis zum Erbrechen betreiben, nicht vorher eingeschläfert haben. Gott Leute, Ihr seid so langweilig. Naja, anyway, wenn der "Tatort" hier nicht hält was er verspricht, sehe ich mir "Tod im Hacksler" an. Der ist auch grad in der Mediathek. Klassiker!
mike siegel 03.11.2019
5. Sehr erfrischend
Der SPON Rezensent kategorisiert in DAS BILD, DER DIALOG, DER SONG... Na ja. Wer Film versteht, schaut anderswo hin. Etwa zur Regie, zur Kamera, zum Schnitt... Ein feiner Münsteraner war das. Ein bisserl "zu viel" des Guten zwar, aber im Vergleich zu den sonstigen Totorten ein Gewinner. Erstklassige Kamera (optisch mit das Beste, was ich je in diesem Format gesehen habe), eine straffe einfallsreiche Regie, einige sehr gute Lacher (wir sind in Münster), gute Drehbucheinfälle. Die Darsteller sind ja eh immer zuverlässig. Mir hat's sehr gefallen, so viel besser als das verunglückte John Carpenter - Remake neulich - mit dem ansonsten wunderbaren Ulrich Tukur....
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