ARD-Sonntagskrimi Der Österreich-"Tatort" im Schnellcheck

Der totale moralische Kahlschlag: Eisner und Fellner ermitteln zum Mord am Sohn eines Sägewerksbesitzers, der sein Umfeld gepeinigt hat. "Tatort" vor archaischem Alpenglühen.

Helga Rader/ ORF

Das Szenario:

Fällen und gefällt werden. In einem abgelegenen Winkel Kärntens wird der Sohn eines Holzfabrikanten im Ofen des familieneigenen Sägewerks verbrannt. Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) und Bibi Fellner (Adele Neuhauser) ermitteln darauf zwischen Forstwirten, die von dem Verstorbenen drangsaliert wurden, und Frauen, die von ihm verführt wurden. Der Sägewerksbengel stand offenbar für den totalen moralischen Kahlschlag.

Der Clou:

Dieser Alpenkrimi schert sich nicht um Modernität. Macht nichts, der Österreich-"Tatort" ist ja oft sowieso am besten, wenn er klassisches Genrekino variiert, etwa in dem Retro-Politthriller "Wahre Lügen" von Anfang des Jahres. Hier nun wird das Heimatdrama mitsamt seiner ruchlosen Holzbarone und schutzlosen Bauersfrauen, samt seiner beglückend und bedrohlich rauschenden Wälder neu aufgelegt. Das Frauenbild ist dabei stellenweise dann aber doch auch ein wenig rückständig.

Das Bild:

Als die Ermittler zu den sterblichen Überresten des erst erschlagenen und dann verbrannten Opfers geführt werden, liegt da dessen künstliches Schultergelenk. Was vom Tyrann übrig bleibt: ein Stück Titan.

Fotostrecke

7  Bilder
"Tatort" mit Fellner und Eisner: Kärntner Kantholz

Der Satz:

"Der Hubert hat die Johanna gepudert, kein Wunder, dass dem Klaus die Sicherung durchbrennt." Dieser Satz ist ein schönes Beispiel dafür, in welch rustikaler Sprache die Kärntner Kantholz-Charaktere über Lust und Laster ihrer Nachbarn sprechen.

Der Song:

"You Cant Always Get What You Want" von den Rolling Stones. Dieser Song wird gemeinsam von Moritz und einem alten Kollegen angestimmt, den er in Kärnten nach vielen Jahren wiedertrifft. Auftakt für eine ganze Reihe von Stones-Klassikern, die von den beiden im grauenhaften Wilde-Zeiten-Selbstillusionierungs-Tremolo geknurrt, gehechelt und gehustet werden.

Die Bewertung:

Archaisches Alpenglühen: Kärnten von seiner kantigen Seite - die Charaktere hätten allerdings noch etwas mehr Schliff gut vertragen.

Die Analyse:

Lesen Sie bitte hier weiter!


"Tatort: Baum fällt", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD



insgesamt 13 Beiträge
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Seite 1
LapOfGods 24.11.2019
1. Ich finde "Ekelfaktor" sollte eine Rubrik im Schnellcheck werden.
Da könnte beurteilt werden, ob wieder die schönsten Wunden und Verstümmelung in Großaufnahme und Zeitlupe gezeigt werden, wie viele Maden dieses Mal vorkommen, wie der Verwesungsgrad der gezeigten Körperteile ist über die der Kommissar minutenlang am Seziertisch diskutieren und ähnlich appetitliche Dinge, die die letzten Tatorte nicht nur für Bestatter so sehenswert machten
Dramaturgen-Frau 24.11.2019
2. Erkenntnisreich
Die Jugend von heute hört also (Eingangsszene) beim Schäferstündchen "What a wonderful world" von Louis Armstrong. Das kann sich wirklich nur ein über 60-jähriger Regisseur ausdenken! Im Drehbuch der auch schon weit in den 50ern sich befindenden Autorin kam das sicher nicht vor. Warum man die Frau Altenberger, die jetzt die Nachfolge von Matthias Brandt in viel zu großen Schuhen angetreten ist, hier in einer Nebenrolle zeigen muss, lässt sich vielleicht nur damit erklären, dass dieser Film bereits vor langer Zeit abgedreht war, also, bevor sie in die viel zu großen Schuhe des Herrn Brandt getreten ist. Hier spielt sie gut, im P110 spielt sie schlecht. Sie sollte also weiter in dieserart Rollen eingesetzt werden, nicht in Hauptrollen als Kommissarin / Polizistin. Ich mag die grantelige Grundstimmung der Figur Eisner. Allerdings ist es heute ein bisschen arg. Vieleicht könnte man auch für dieses extreme Granteln einen Hauch von Motivation für den bundesdeutschen Zuschauer einbringen? Wäre das wohl möglich? - Ohne die Figur, wie es schon einige Male vorgekommen ist, zu weich zu spülen. Nun, dieser Ausflug in die Provinz hat's nicht wirklich rausgerissen. Da ist mir das Wiener Terroir mit Inkasso-Heinzi et al. dann doch um ein Vielfaches lieber. Bitte für's nächste Mal beachten, ORF! Danke sagt Clara Bosworth, die Frau eines Dramaturgen aus dem Frankfurter Speckgürtel bei ihrem viertel Glaserl Grüner Veltliner.
Lelas 24.11.2019
3.
Stones-Songs gab's einige, "Satisfaction" war nicht dabei. Guckt ein Kritiker den Film richtig oder nur im Schnelldurchlauf oder lässt er gucken?
die2lustigen3 24.11.2019
4. Rolling Stones...
Zwar reichlich, aber "I can't get no satisfaction" war nicht dabei. Mit Musik hat H. Buss es nicht so...
Barfüsser 24.11.2019
5. Der
Tatort hat auch einen realen Hintergrund: https://www.diepresse.com/5465739/vorwurfe-gegen-holzindustrie-schweighofer-in-rumanien-und-der-ukraine
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