Sonntags-Krimi Der Stuttgart-"Tatort" im Schnellcheck

Ketterauchen bis zum Exitus, Hochzeit feiern trotz Leiche im Haus: Der Stuttgart-"Tatort" erzählt aus dem Pflege-Milieu. Klug, vital, aufwühlend.

Maor Waisburd/ SWR

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Das Szenario:

Gibt es ein Leben mit dem Tod? Nach zwei nicht ganz eindeutigen Todesfällen bei einem ambulanten Pflegedienst nehmen Thorsten Lannert (Richy Müller) und Sebastian Bootz (Felix Klare) die Pflegerin Anne Werner (Katharina Marie Schubert) ins Visier, die sich bei aller Agonie, die sie umgibt, offenbar einen starken Lebenswillen erhalten hat. Die beiden Ermittler glauben, Werner könne ein Todesengel sein.

Der Clou:

Es gibt ein Leben mit dem Tod! Diesem "Tatort" gelingt es, rasant, geschmeidig und mit beißendem Witz fast alle Klischees aus dem Pflege-Milieu zu umgehen - und das Publikum dadurch am Ende sehr viel verstörender und aufwühlender mit dem schwierigen Thema zu konfrontieren.

Das Bild:

In einer Hand die brennende Kippe, in der anderen die Atemmaske. Einer der Pflegefälle, die Lannert und Bootz bei ihren Untersuchungen aufsuchen, versucht, sich gegen jeden ärztlichen Rat die Zeit des Wartens auf den Tod mit Rauchen zu vertreiben.

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8  Bilder
"Tatort" aus Stuttgart: Warten auf den Tod

Der Dialog:

Sohn eines verstorbenen Pflegefalles: "Warum stirbt der ausgerechnet heute?" Kommissar: "Das kann ich Ihnen nicht sagen." Sohn: "Um uns die Hochzeit zu verderben."

So geht der Dialog, als die Ermittler eine Familie aufsuchen, die trotz des frischen Ablebens des Opas eine rauschende Hochzeit feiern. Oben im Bett die Leiche, unten die tanzende Gesellschaft.

Der Song:

"Hawaiian Wedding" von Elvis: Der Schmachtfetzen läuft, während die Pflegerin den Genitalbereich eines Patienten wäscht und dieser sie verbal erniedrigt.

Die Bewertung:

10 von 10 Punkten. Dieser "Tatort" ist bis an die Schmerzgrenze ambivalent. Klug, vital, aufwühlend.

Die Analyse:

Lesen Sie bitte hier weiter!


"Tatort: Anne und der Tod", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD



insgesamt 10 Beiträge
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Seite 1
NoBrainNoPain 19.05.2019
1. Super Tatort
Tolle Story, wirklich gut gespielt. Aber was auch auffiel, abgesehen von der Ärztin, die man wirklich kaum verstehen konnte, endlich mal eine Produktion, die nicht von Unmengen Nebengeräuschen überlagert wurde.
pietschko 19.05.2019
2.
hat mir sehr gut gefallen, auch wenn ich mich nicht ganz sicher fühle in der interpretation des endes. hat sie sich zu sehr geschämt, als dass sie lieber mörderin sein will?
rauchendes_gnu 19.05.2019
3. So verstörend wie notwendig
Fast jeder von uns wird früher oder später mit Pflegediensten konfrontiert sein (müssen). Da ist es nur recht und billig, mal zumindest einen Teil der Bandbreite an Schwierigkeiten und Problemen darzustellen, mit denen diese Berufsgruppe praktisch ständig konfrontiert ist. Ich habe mich geschämt, als Papierschubse in der Verwaltung anderthalb mal so viel zu verdienen wie Menschen, die täglich mit diesem Elend, der Verzweiflung, der Hoffnungslosigkeit und allen vorstellbaren menschlichen Ausscheidungen konfrontiert sind. Verstörend fand ich vor allem, daß die Hauptdarstellerin in einer so bigotten Welt lebt (oder zu leben glaubt), daß sie sich eher als mordender "Todesengel" verurteilen läßt, denn vor sich und ihrem Umfeld dazu zu stehen, daß sie den Patienten auch Bedürfnisse erfüllt, die zu haben die Gesellschaft ihnen regelrecht abspricht. Der einzige Punkt, den ich nicht ganz nachvollziehen konnte, war das "Beweisfoto" auf ihrem Handy. Ich denke, das kann nur "der Fuchs" gemacht haben, um sie zu erpressen, nicht auszusteigen, schließlich sei das Leben kein Wunschkonzert. Die beiden anderen Patienten hat sie nicht umgebracht, aber das war m.E. auch gar nicht die zentrale Frage. Schon mit "Stau" hat mich Lannert extrem beeindruckt, auch Anne und der Tod wird mir lange im Gedächtnis bleiben, nicht zuletzt wegen seines ruhigen, undramatischen Ablaufs, der den Figuren und ihrem Innenleben genug Raum gab, sich uns einzuprägen. Danke für diesen verstörenden, aber notwendigen "Tatort".
Augustusrex 19.05.2019
4. Na ja,
in Deutschland darf ein Pfleger 100 Menschen ermorden ehe jemandem etwas auffällt. Hier sterben zwei alte Männer, die beide schon an die Tore des Todes klopften, auf weitestgehend unverdächtige Art und Weise, und die Stuttgarter Polizei hat nichts wichtigeres zu tun, als sich auf diese Vorgänge zu stürzen. Erscheint mir unrealistisch.Gespielt allerdings war es wirklich gut.
Eddy_Duane 19.05.2019
5.
Ausgezeichnetes "Kammerspiel", das man erst einmal sacken lassen muss. rauchendes_gnu hat eigentlich schon alles gesagt. Ich stehe nur noch vor dem Rätsel, warum sie auch den Treppensturz als Mord gesteht, der doch offensichtlich ein Unfall war. Vielleicht kann mir da ja jemand weiterhelfen.
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