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20. November 2016, 15:33 Uhr

ARD-Sonntagskrimi

Der neue Tukur-"Tatort" im Schnellcheck

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Wo endet Anteilnahme, wo beginnt Anmaßung? "Tatort"-Kommissar Murot kriegt es mit einem Killer zu tun, der sich als Humanist aufspielt. Ein gefährlich guter Psychothriller.

Das Szenario:

Der Mörder als Menschenfreund. Kommissar Felix Murot (Ulrich Tukur) wird mit einem Serienkiller (Jens Harzer) konfrontiert, der seine Bluttaten als großes humanistisches Projekt zu verkaufen versucht, weil seine Opfer angeblich sowieso sterben wollten. Im riskanten Dialog mit dem Mann sieht sich der Ermittler mit seinen eigenen Ängsten und Abgründen konfrontiert.

Der gesellschaftspolitische Auftrag:

Auf den ersten Blick nicht vorhanden. Doch bei genauerer Betrachtung reißt dieser schmerzhaft ambivalente Serienkiller-Thriller im "Se7en"-Look sehr viel effizienter ethische Fragen zur Sterbehilfe auf als all die braven öffentlich-rechtlichen Pro-und Contra-Dramen, die es zu dem Thema in den vergangenen Jahren gab. Der Tod als gute Tat: Wo endet die Anteilnahme, wo beginnt die Anmaßung?

Schönster Song:

"Fourth of July" von Sufjan Stevens. Der US-Songwriter haucht seine zarten Worte über Vergebung und Verlust, während der Killer eine junge Frau in der Badewanne ins Jenseits befördert. Stevens veröffentlichte den Song auf seinem letzten Album "Carrie & Lowell", einer Hommage an seine kurz zuvor gestorbene, alkoholkranke Mutter. Der Mörder im Film spielt diesen Song, während er Menschen in den Tod befördert, die angeblich an ihrem Leben und ihren Lieben leiden. Ein gutes Beispiel dafür, wie sehr dieser "Tatort" mit Referenzen aufs Kino, auf die Literatur und eben auf die Popmusik aufgeladen ist, ohne auch nur einmal überladen zu wirken.

Scheußlichstes Zitat:

"Keine Blutspritzer, keine Schreie, die die Nachbarn gestört haben. Immer lag die Kleidung ordentlich gefaltet auf einem Hocker." Der Mörder spricht über seine grausamen Taten und beschreibt sie als liebevollen Akt.

Der Plausibiltätsfaktor:

Obwohl der Film dem Genre gemäß mit allen erdenklichen irren Spins und Flashbacks arbeitet, ist er in sich komplett schlüssig. Das Heimtückische an diesem psychologisch klugen Thriller: Man ist versucht, der pervertierten Empathie des Mörders zu folgen.

Die Bewertung:

Zehn von zehn Punkten. Nach "Im Schmerz geboren" und "Wer bin ich?" der dritte bahnbrechende Tukur-Krimi in Reihe. Gute Nachrichten für all Fans: Ulrich Tukur, der extrem zurückhaltend ist mit seinem "Tatort"-Engagement, hat sich bereits für zwei weitere Murot-Folgen verpflichtet.

Die ausführliche Analyse:

Lesen Sie bitte hier weiter!


"Tatort: Es lebe der Tod", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

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