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"Tatort" aus Frankfurt: Zurück zum Dreck

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Kluger Retro-"Tatort" aus Frankfurt Eier zeigen? Lieber nicht

Machismo, kastriert: Im neuen "Tatort" geht Ermittler Brix auf Rachefeldzug im alten Frankfurter Rotlichtmilieu, die eigentliche Arbeit aber macht Kollegin Janneke. Ein hartes, ein smartes Spiel mit Cop-Klischees.

Das Frankfurter Bahnhofsviertel wird gentrifiziert? Aus Bordellen werden Fairtrade-Shops? Aus Rocker-Spelunken Milchschaumträume? Nicht in diesem "Tatort".

Kommissar Paul Brix (Wolfram Koch) - früher bei der Sitte, jetzt bei der Mordkommission und ganz aktuell aufgrund von Ermittlungspatzern eigentlich in den Innendienst versetzt - ist am Ende dieser Folge wieder im alten Revier unterwegs. Und das wirkt wie aus einer Zeit, die doch lange vorbei ist.

Brix hat noch eine Rechnung offen. Erst kauft er sich in einer Biker-Kneipe ein Päckchen Speed, später geht es weiter in den Puff um die Ecke. Gruß an die Stripperin an der Stange, dann runter in den Kellergang mit den Séparées, wo am Ende der vergilbte Geschäftsführer mit 100-Jahre-Rothändle-Stimme vor ebenso vergilbten Überwachungsbildschirmen sitzt und den Cop über neueste Entwicklungen in der alten Heimat informiert.

Eier zeigen! Das hatte Brix gleich am Anfang dieses "Tatort" von seiner Kollegin Anna Janneke (Margarita Broich) gefordert. Dann schrie er noch mit erhobener Faust und allzu deutsch klingendem Spanisch "Cojones". Das wirkte ziemlich sonderbar, weil er selbst gerade seinen Revolver abgegeben hatte, nun Akten durchs Büro schieben und sich dem Spott seiner breitbeinigen Kollegen aussetzen musste. Mit dem Eierzeigen war es also erst einmal nichts.

Das ist das Tolle an diesem Hardboiled-Thriller im antik versifften Ambiente: So sehr die Männer auf alte Schule der Gewaltausübung machen - die alte Macht ist irgendwie dahin. Machismo, kastriert.

Paul Brix wird zu Travis Bickle

In diesem "Tatort" geht es um Mord im Rotlichtmilieu, um Machenschaften der Russenmafia, um Drogengeschäfte im Polizeiapparat. Ein guter, alter, scheinbar testosterongetriebener Cop-Krimi-Plot also. Wirklich vorangetrieben aber wird er von der von allen Cop-Klischees freien Berufsumsteigerin Janneke, die herausfinden muss, ob ihr neuer Kollege Brix eventuell doch Dreck am Stecken hat. Vieles deutet darauf hin, und der Bulle gibt sich übertrieben verschlossen.

So wie der "Polizeiruf" aus Rostock und der "Tatort" aus Dortmund wird auch der neue Krimi aus Frankfurt horizontal erzählt, eine Folge baut auf die andere auf. Drehbuchautor Erol Yesilkaya und Sebastian Marka hatten zuvor schon den furiosen "Tatort"-Abschied von Joachim Król gedreht, wo sie Zitate aus klassischem Genre-Kino mit den Errungenschaften modernster Fernsehkunst kombinierten. In "Hinter dem Spiegel" setzen sie diesen Kurs nun fort.

Der retrofuturistische Achtziger-Synthiesoundtrack, die launigen Siebziger-Zooms und der lustvoll in Szene gesetzte Retrorotlichtkosmos, das alles verweist auf eine längst untergegangene Welt. Die jungen Wilden Yesilkaya und Marka bauen sie einerseits mit heiligem Ernst wieder auf, brechen sie andererseits im rechten Moment ironisch. Etwa, wenn Brix und Janneke im Laufe ihrer Ermittlungen beim Paten der Russenmafia vorsprechen müssen - der sich dann als Patin erweist. Eine Entdeckung, die Ermittler Brix fast aus der Bahn wirft.

Ist der Kommissar also noch Herr über sein Handeln? So wie einst Robert De Niro in der Rächermeditation "Taxi Driver" steht Wolfram Koch in dieser Rächerhalluzination irgendwann daheim vor dem Spiegel. Stockbesoffen und im Unterhemd imitiert er mit den Händen die Pistole, die ihm sein Chef längst abgenommen hat. Aus der Stereoanlage tönt dazu in höllischer Lautstärke Elton Johns "Rocket Man". Hart geht anders, zum Glück.

Wertung: 8 von 10 Punkten


"Tatort: Hinter dem Spiegel", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

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