Okkulter Krimi aus Stuttgart Weiche von unserem "Tatort", Satan!

Der eine entdeckt das Böse in sich, der andere flirtet mit einer Teufelsanbeterin: Die "Tatort"-Ermittler Lannert und Bootz zeigen sich erstaunlich leicht entzündbar für satanistischen Budenzauber.

Benoit Lindner/ SWR

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Zuckende Frauenleiber in Höllenfeuerbeleuchtung und geraunte Textvorträge aus obskuren Ziegenledereinbänden, tropfende Kerzen in Krypten und funzeliges Taschenlampenlicht in verstaubten Archiven: Die Verantwortlichen dieses "Tatort" arbeiten sich durch den gesamten Katalog an Lust- und Lichtelementen eines Okkultismusschockers - und versuchen das Ganze dann auch noch theologisch und anthropologisch aufzulösen. So viel sei schon mal verraten: Es gelingt ihnen nicht.

Trotzdem steigt man mit den Stuttgarter Ermittlern erst mal gerne ein Stückchen in den Höllenschlund hinab - auch weil die Beamten sich erstaunlich leicht vom satanistischen Budenzauber entzünden lassen. Nachdem auf einem Bergplateau die Leiche eines Studenten inmitten okkulter Requisiten gefunden wurde, müssen sie von einem Ritualmord ausgehen und landen in der Teufelsanbeterszene Baden-Württembergs, die sich offensichtlich größter Beliebtheit unter Studenten erfreut.

Bootz (Felix Klare) trifft auf eine Kommilitonin des Ermordeten (Saskia Rosendahl aus "Das Verschwinden") und fühlt sich von ihr, nun ja, magisch angezogen. Die junge Frau kann offenbar in ihn hineinschauen und Weltzweifel und Begehren in einem Maße bei ihm auslösen, das ihm bislang unbekannt war. So dient das Thema Satanismus als Spiegel unseres düsteren, verschlossenen Selbst - ein gängiger Genrekniff, den Hörner-Hokuspokus psychologisch aufzuwerten.

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Satanisten-"Tatort": Im Bann des Beelzebub

Kommissar Lannert (Richy Müller) wird auf andere Weise in die Welt der Teufelsanbeter reingezogen: Der Privatgelehrte Emil Luxinger (André M. Hennicke als württembergischer Aleister Crowley), der über eine gewaltige Bibliothek aus magischen Werken der vergangenen Jahrhunderte verfügt, zieht ihn durch Erzählungen in die Welt des 17. Jahrhunderts, in der angeblich die Motivation für den Mord in der Gegenwart zu suchen sei. Satanismus als großes, die Menschheit zusammenhaltendes Kontinuum - noch so ein gängiger Genrekniff, Beelzebubfantasien aufzuwerten.

Satanismus als andere Form von Sadismus

In der letzten Zeit gab es ja einige vielversprechende strategische Umbrüche beim SWR-"Tatort", das jüngste und schönste Resultat war das virtuos montierte Altenpflegerinnendrama mit Katharina Marie Schubert. Ein Satanisten-"Tatort" klingt da erst mal wie ein weiterer interessanter Bruch mit den Konventionen des Fernsehkrimis.

Nun gab es aber schon einige viel diskutierte sogenannte "Tatort"-Experimente mit dem Horrorgenre, etwa die betont B-Movie-artige Geisterhausepisode aus Frankfurt vor zwei Jahren, die sich komplett dem parapsychologischen Klimbim hingab und gerade dadurch im "Tatort"-Rahmen erfrischend wirkte. An ihr wurde damals eine Diskussion aufgehängt, wie viel Experiment die Krimireihe verträgt. Der neue Stuttgart-"Tatort" (Buch: Michael Glasauer, Regie: Piotr J. Lewandowski) bleibt dahinter zurück, weil er dann doch immer wieder der Entfesselung des Genres misstraut und in die Fernsehkrimiroutine zurückkehrt.

Etwa wenn Kommissar Bootz der Studentin psychologisch aufzuschlüsseln versucht, dass Satanismus eigentlich nur eine andere Form von Sadismus ist: "Ich kenne Menschen, die fühlen sich nur lebendig, wenn sie jemand verletzen oder sogar töten. Und jeder von denen, der hat sein eigenes Ritual, irgendeines, damit er sich näher bei ihrem Gott fühlt." Gleichzeitig darf Bootz dann auch mal ganz aus seiner Haut raus. Bei seinen Ermittlungen gerät er in eine Art Fight Club, in dem er sich mit einem Gegenspieler aufs Übelste malträtiert. Und während er austeilt, sehen wir gleichzeitig, wie er sich in eine Beischlaffantasie mit der Studentin stürzt. Eine Szene, die Eros und Antichrist hechelnd vereint.

Schwitzen, schlagen, stöhnen und ein bisschen die Welt erklären - das geht bei aller Sympathie für die sexuellen und spirituellen Selbsterkundungen der Kommissare am Ende dann doch nicht ganz auf.

Bewertung: 5 von 10 Punkten


"Tatort: Hüter der Schwelle", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

insgesamt 22 Beiträge
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sanibel123 27.09.2019
1. Der klasssiche Tatort..
ist leider Vergangenheit. Zuviel Zeitgeist ist keine Garantie für gute Unterhaltung. Im Gegenteil ! Bleibt zu hoffen, dass wenigstens die Münchner und Kölner Kommissare ihr Handwerk in gewohnter Weise ausüben dürfen.
CKadri 27.09.2019
2. Ist das ein Zeichen, dass ich alt werde?
Ich vermisse die Kommissare, die ohne schwerwiegende psychische Maken auskommen, Buddys, die nicht gleichzeitig das Personal für's Cabaret stellen könnten und Drehbücher, die nicht verkrampft experimentell sein wollen. Übrig geblieben sind in der Tat nur noch die Münchener und Kölner (Münster läuft außer Konkurrenz).
neue Legislaturperiode 28.09.2019
3. Interessant.
Wahrscheinlich mindestens unterhaltsam. Vielleicht sogar fesselnd. Die Vorausschau des Herrn Buß macht neugierig.
Dramaturgen-Frau 28.09.2019
4. Die "Übriggebliebenen"
#1 und #2 sprechen von den übriggebliebenen Tatorten und führen Köln und München ins Feld. Ja, bei Dick & Doof aus Köln würde auch ich von "Übriggebliebenen" reden, von den letzten Dinosauriern, sozusagen: ohne größere Schauspielkunst bieten sie uns das sonntägliche Sedativum, um in den dringend benötigten Schlaf zu finden, da der Montag wieder unsere volle Arbeitsleistung fordert. München hingegen ist immer noch amüsant. Ich würde aber eher Zuschauer wie die eingangs Erwähnten als Übriggebliebene bezeichnen: die Welt ändert sich, viele 70+ Zuschauer bleiben allein zurück. Anders ist es nicht zu erklären, dass hier im Forum jeden zweiten Sonntag der Name Haferkamp auftaucht - eine Tatsache, die an sentimentaler Rückwärtsgewandtheit kaum zu übertreffen ist. Der Stuttgarter Tatort gehört zu den besseren im Reigen. Daher muss nach der Aversion gefragt werden, die dem Kritiker Buß hier aus jeder Zeile quillt. Es hat wohl mit seinem Ekel vor dem Heterosexuellen zu tun, das wir in diesem Tatort zelebriert finde. Ich persönlich mag Tatorte und P110, in denen sich der Kommissar in irgendjemanden verguckt. Beste Erinnerungen habe ich da an Hanns von Meuffels, der sich in die Gefängnisdirektiorin verliebt, oder an Franz Leitmayr, der sich in die Kunstfälscherin verliebt. Auch Lannert, der Gefühle für seine studentische Nachbarin hegte, war schön anzusehen. Insofern wage ich diesmal, trotz des ARD-obligatorischen Hokuspokus und den schon wieder immergleichen Tatortgesichtern (hier z.B. wieder André M. Hennicke, Victoria Trauttmansdorff et al.) die Prognose, dass wir ganz gut unterhalten werden.
Neustädter_02 29.09.2019
5. Schauspielkunst...
Zitat von Dramaturgen-Frau#1 und #2 sprechen von den übriggebliebenen Tatorten und führen Köln und München ins Feld. Ja, bei Dick & Doof aus Köln würde auch ich von "Übriggebliebenen" reden, von den letzten Dinosauriern, sozusagen: ohne größere Schauspielkunst bieten sie uns das sonntägliche Sedativum, um in den dringend benötigten Schlaf zu finden, da der Montag wieder unsere volle Arbeitsleistung fordert. München hingegen ist immer noch amüsant. Ich würde aber eher Zuschauer wie die eingangs Erwähnten als Übriggebliebene bezeichnen: die Welt ändert sich, viele 70+ Zuschauer bleiben allein zurück. Anders ist es nicht zu erklären, dass hier im Forum jeden zweiten Sonntag der Name Haferkamp auftaucht - eine Tatsache, die an sentimentaler Rückwärtsgewandtheit kaum zu übertreffen ist. Der Stuttgarter Tatort gehört zu den besseren im Reigen. Daher muss nach der Aversion gefragt werden, die dem Kritiker Buß hier aus jeder Zeile quillt. Es hat wohl mit seinem Ekel vor dem Heterosexuellen zu tun, das wir in diesem Tatort zelebriert finde. Ich persönlich mag Tatorte und P110, in denen sich der Kommissar in irgendjemanden verguckt. Beste Erinnerungen habe ich da an Hanns von Meuffels, der sich in die Gefängnisdirektiorin verliebt, oder an Franz Leitmayr, der sich in die Kunstfälscherin verliebt. Auch Lannert, der Gefühle für seine studentische Nachbarin hegte, war schön anzusehen. Insofern wage ich diesmal, trotz des ARD-obligatorischen Hokuspokus und den schon wieder immergleichen Tatortgesichtern (hier z.B. wieder André M. Hennicke, Victoria Trauttmansdorff et al.) die Prognose, dass wir ganz gut unterhalten werden.
Ich habe ein Hörbuch, auf dem "der Dicke" aus Köln den Leopold Bloom aus dem Ulysses spricht. Das macht er ganz famos, sodass ich Ihre Behauptungen über seine schauspielerische Minderbegabung nicht so ganz nachvollziehen kann. Zumindest die Sprechkultur im Kölner Tatort ist hervorragend. Ich kann mich nicht erinnern, da mal rein akustisch etwas nicht verstanden zu haben. In anderen Tatorten ist das nicht immer so. Im übrigen machen Ballauf und Schenk oft "klassische" Ermittlungsarbeit, d.h. sie lesen Akten, befragen Zeugen, lassen sich Laborergebnisse erklären, werten Spuren aus u.u.u. Ich fand die Kölner eigentlich meistens recht gut erträglich. Die Krimis aus den Siebzigern sind heute nur noch langweilig. Selbst der berühmte Tatort mit Nastassja Kinski entwickelt sich so langsam für heutige Sehverhältnisse, dass der geneigte Zuschauer entweder einschläft oder sich beim Nebenbei-Surfen verliert. Nicht alles, was die Erinnerung als großartig darstellt, hält auch Jahrzehnte später noch, was es verspricht. Bei Haferkamp würden die Leute heute in Scharen den Sender wechseln...
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