"Tatort"-Experiment Eine TV-Institution macht sich locker

Lena Odenthal ermittelt jetzt ohne Drehbuch - in Ludwigshafen ist der erste improvisierte "Tatort" entstanden. Ein Besuch am Set.

DPA

Von


An diesem "Tatort" ist so vieles ungewöhnlich, dass auch nicht weiter irritiert, dass die Tatwaffe Mohn ist. Theaterdirektorin Sophie Fetter hat eine schwere Allergie gegen die Samen. Als in eines der Schokocroissants, die sie vor Premieren gern isst, heimlich Mohnmasse gespritzt wird, erleidet sie einen allergischen Schock und stirbt. Im Verhör auf dem Polizeipräsidium sagen dann plötzlich alle "das Mohn", Kommissarin Lena Odenthal genauso wie der Verdächtige.

Im Drehbuch steht der falsche Artikel nicht. Aber da steht auch nicht der richtige. Denn für die "Tatort"-Folge "Babbeldasch", die soeben in Ludwigshafen und Umgebung abgedreht worden ist, gibt es überhaupt kein Drehbuch. Der Krimi wurde komplett improvisiert, weshalb sich leicht falsche Artikel einschleichen können. "Und gleich noch mal!", ruft Regisseur Axel Ranisch.

Wohl kein anderer als er hätte diesen "Tatort" drehen können. Der 33-jährige Berliner gilt seit seinem Debütfilm "Dicke Mädchen" von 2011 als eines der außergewöhnlichsten Regietalente Deutschlands, denn er arbeitet immer ohne Drehbuch. Stattdessen schreibt er ein kurzes Treatment und erarbeitet auf dessen Grundlage gemeinsam mit den Schauspielern ihre Figuren, bis diese so vertraut mit ihren Charakteren sind, dass sie beim Dreh ohne größere Anweisungen improvisieren können.

"Wie auf der Schauspielschule"

Genau das passiert beim zweiten Take des Verhörs: Die Darsteller haben gemerkt, dass die Szene zu schwerfällig ist. Jetzt gesteht der Verdächtige schneller, und die Kommissarinnen decken zügiger die Hintergründe auf. Nur "das Mohn" sagen sie immer noch. "Und bitte noch mal!"

"Dieser Dreh ist anders als alles, was ich bisher erlebt habe", sagt Ulrike Folkerts am letzten Tag der Dreharbeiten in Baden-Baden, wo mit ihrer Figur Lena Odenthal die Szenen im Polizeipräsidium gedreht werden. Bereits die Workshops, mit denen Ranisch den Dreh vorbereitet hat, haben Folkerts irritiert - Übungen, bei denen man durch den Raum läuft und einander auf den Po klappst, gehörten zum Beispiel dazu.

"Da habe ich mich mitunter wie auf der Schauspielschule gefühlt." Nach 26 Jahren "Tatort" ist die dienstälteste Kommissarin der Reihe Routine gewöhnt. Besonders bei Szenen, die sie in einem Laientheater drehten, war die 55-Jährige skeptisch. "Da waren Sachen mit dabei, die mir richtig peinlich waren." Erst als ihr Ranisch einen Grobschnitt des gefilmten Materials zeigt, ist sie beruhigt. "Bei Axel weiß ich, dass er alles tut, um seine Figuren und damit auch uns Schauspieler zu schützen", sagt Folkerts.

Vier Spielfilme, zuletzt das Suchtdrama "Alki Alki", hat Ranisch inszeniert. Im Kino liefen sie trotz begeisterter Kritiken eher mäßig. Die meisten Menschen dürften das Multitalent deshalb als Darsteller kennen: In der ARD-Krimi-Reihe "Zorn" spielt Ranisch den Hauptkommissar Schröder. "Babbeldasch" ist nun sein erster Krimi als Regisseur und seine bei Weitem größte Produktion.

Beim SWR stieß der Impro-"Tatort" zunächst auf Skepsis

"Das war für uns ein gemeinsames erstes Mal", sagt Ranisch am Set in Baden-Baden. Normalerweise dreht er mit einer Riege von Stammschauspielern, doch von denen ist diesmal nur Peter Trabner dabei - und das auch nicht vor der Kamera, sondern als Schauspielcoach. In zehn Workshops, verteilt über ein Jahr, haben Trabner und Ranisch mit den Darstellern ihre Figuren erarbeitet. Der Aufwand ist auch für einen Ranisch-Film ungewöhnlich, denn zur Improvisation kam eine zweite Herausforderung: Das Ensemble besteht größtenteils aus Amateuren, nämlich den Mitgliedern des Ludwigshafener Laientheaters Hemshofschachtel.

Die Idee dazu hatte die Fernsehfilmchefin des zuständigen ARD-Senders SWR, Martina Zöllner. Die Pfälzerin kennt das volkstümliche Theater schon lang und weiß, was für eine Institution es in der Region ist. Ranisch, den "Tatort" und die Hemshofschachtel zusammenzubringen, ist für sie Teil einer größeren Modernisierungsstrategie. "Ich möchte in unseren Produktionen ein lebendigeres, authentischeres Sprechen etablieren", sagt Zöllner. "An Ranischs Filmen gefällt mir besonders, dass sie sehr poetisch, aber auch sehr realitätsnah und milieugetreu sind."

Die Hemshofschachtel heißt im Film "Babbeldasch" (in etwa Plappermaul), und die Ensemblemitglieder spielen größtenteils Variationen ihrer selbst - allen voran die resolute Theaterchefin Marie-Louise Mott, die ein Mordopfer gibt, das auch nach dem Tod nicht den Mund hält: Sie begegnet Kommissarin Odenthal im Traum und nimmt ihr das Versprechen ab, die Tat aufzuklären.

Vergleichsweise wenig Arbeitszeit

Im Sender stieß die Entscheidung, Ranisch einen "Tatort" drehen zu lassen, zunächst auf Skepsis. Die SWR-"Tatorte" sind Eigenproduktionen, das heißt, dass Posten wie Licht, Kamera oder Ton mit sendereigenen Fachkräften besetzt werden. Gerade bei diesen Gewerken arbeitet Ranisch jedoch mit einer Minimalbesetzung, um am Set möglichst flexibel agieren zu können. "Da musste ich im Sender erst einmal erklären, warum zwei Laster mit Beleuchtung nicht zu meiner Arbeitsweise passen", sagt er.

Mittlerweile hört man nur noch Positives aus dem SWR. Als man zum Beispiel mit der Pressefrau einen Termin für den Setbesuch vereinbaren will, rät diese, unbedingt morgens zu kommen. Ranisch arbeite so effizient, dass die Drehtage mitunter schon nachmittags zu Ende seien. 24 Drehtage zu je sechs Stunden sind für "Babbeldasch" angesetzt worden. Das ist vergleichsweise wenig Arbeitszeit pro Tag, damit nimmt man nicht zuletzt auch Rücksicht auf die Amateure, die reguläre Jobs haben und sich für den Dreh Urlaub nehmen müssen.

Auch für die Profis ist das Improvisieren anstrengender als konventionelles Drehen, denn es erfordert beständig Offenheit und Flexibilität. Als eine weitere Szene im Polizeipräsidium gedreht wird, fragt der zweite Kameramann, ob Ulrike Folkerts am Ende aus der Tür treten werde und er seine Kamera dorthin ausrichten soll. "Keine Ahnung", antwortet Ranisch. "Mal sehen, was mir Ulrike anbietet."

Zwischen Ranisch und Folkerts hat sich so schnell ein Vertrauensverhältnis aufgebaut, dass Folkerts schließlich sogar darauf verzichtete, vor Drehbeginn zu erfahren, wer der Mörder ist. "Weil Axel chronologisch dreht, fand ich es reizvoll, mich im Verlauf der Dreharbeiten den Verdächtigen und ihren Motiven zu nähern - also quasi live zu ermitteln." Mit Kollegin Lisa Bitter, die Kommissarin Johanna Stern spielt, hat sie deswegen abends umso aufgeregter telefoniert: Was weiß die bereits? Und müsste sie das nicht auch schon wissen? Am Ende hielt das Team dicht, und Folkerts erfuhr erst in der letzten Drehwoche, wer hinter dem Mohnmord steckt.

Jetzt ist sie auf das Endergebnis gespannt. Die Ausstrahlung ist für die ersten Monate 2017 geplant. Wessen Handschrift er tragen wird, weiß Folkerts schon: "Bei uns werden die Folgen immer 'Ein Lena-Odenthal-Tatort' genannt. Hier trifft es besser: 'Ein Axel-Ranisch-Film mit Lena Odenthal'."

Axel Ranisch im Interview (30.10.2013)


insgesamt 37 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
danido 24.07.2016
1. Ohne Drehbuch
Noch besser wäre der Tatort ohne Kamera ;)
klogschieter 24.07.2016
2. Nanu?
Wo sind sie denn alle? Urlaub?
davornestehtneampel 24.07.2016
3.
Na, da klatschen doch die Controller vor Freude in die Hände: Billige Nicht-Schauspieler, die in kürzerer Zeit ohne Equipment einen Tatort drehen. Nächste Idee: 90 Minuten Livestream der Kamera vom Banhofsvorplatz. Ist noch günstiger...
Verbier1936 24.07.2016
4. Ort ???
Ludwigsburg oder Ludwigshafen jetzt ?????
Vermeer79 24.07.2016
5. Über das Fernsehprogramm
lässt sich bekanntlich streiten. Nur soviel: Ein Tatort - solange er ohne Herr S. ist, egal ob mit oder ohne Drehbuch - ist MIR immer noch lieber, als das was RTL, Sat1 und & Co. senden und produzieren. Ich möchte mich jetzt nicht über die Produktionen der einzelnen Anstalten auslassen, dass würde den Rahmen sprengen und hätte vermutlich einen Haufen von "Beitrag-melden-Klicks" zur Folge.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.