Jubiläums-»Tatort« über Clankriminalität Liebesgrüße aus Kalabrien

In den Fängen der 'Ndrangheta: Zum »Tatort«-Jubiläum erzählt der Regisseur Dominik Graf von einer Pizzeria unter Mafia-Einfluss – in aufwühlenden Bildern, wie man sie im deutschen Fernsehen selten sieht.
Pippo Mauro (Emiliano de Martino) in der »Tatort«-Folge »In der Familie«

Pippo Mauro (Emiliano de Martino) in der »Tatort«-Folge »In der Familie«

Foto: Frank Dicks / WDR

Das kalabrische Bergdorf ist in glutrote Abendsonne getaucht. Wer in der Trattoria der deutsch-kalabrischen Kleinfamilie Modica speist, der sieht dieses Bergdorf in Form einer riesigen Fototapete. Um die Trattoria rum schaut es weniger malerisch aus, sie liegt am Stadtrand von Dortmund, zwischen Ausfallstraßen, die zu Autobahnen führen, auf denen man schnell in die Beneluxstaaten oder nach Berlin gelangt. Graue Ruhrpott-Peripherie. Kalabrien scheint fern.

Einmal im Monat bringt ein italienischer Laster Dosentomaten aus der Heimat, ein Teil der Ladung wird dann meist gleich umgeladen. Auch in Belgien und Berlin liebt man offenbar die kalabrischen Tomaten. Oder das, was in den Dosen noch so transportiert wird. Als die nächste Fuhre entladen wird, steigt hinter den Dosenpaletten ein Stenz mit Drachenfrisur heraus, der fortan bei den Modicas kochen soll. In der Heimat gab es wohl Ärger.

Der junge Kalabrier (Emiliano De Martino), entgegen seiner aufbrausenden Natur von allen nur verniedlichend »Pippo« genannt, bringt die kleine Welt der Gastronomenfamilie durcheinander. Den Mann (Beniamino Brogi) versucht er in Schutzgeldschäfte hineinzuziehen; die Frau (Antje Traue) treibt er in die Arme der Polizei, die ihr eine Kronzeugenregelung verspricht, wenn sie gegen die Freunde ihres Mannes aussagt.

Peter Faber (Jörg Hartmann) versucht Juliane Modica (Antje Traue) zum Sprechen zu bringen.

Peter Faber (Jörg Hartmann) versucht Juliane Modica (Antje Traue) zum Sprechen zu bringen.

Foto: Frank Dicks / WDR

Welche Familie ist mächtiger? Die kleine deutsch-italienische Mutter-Vater-Kind-Einheit oder der kalabrische Clan? Klar, eine rhetorische Frage. Die Lage eskaliert, Loyalitäten werden bis in letzte Konsequenzen ausverhandelt. Bald scheint die Fototapete mit dem blutroten Sonnenaufgang Feuer zu fangen. Kalabrien ist nah.

Dieser »Tatort« ist der erste Teil einer Doppelfolge aus Dortmund und München, mit der die ARD das fünfzigjährige Jubiläum der Reihe feiert. Es geht um die Umtriebe der 'Ndrangheta, der krakenartigen kalabrischen Mafia, in Deutschland. Das Drehbuch für beide Teile stammt von Bernd Lange (»Das Verschwinden«), diese wurden allerdings mit unterschiedlichen Tonalitäten und Perspektiven von zwei unterschiedlichen Regiekräften inszeniert (Lesen Sie hier bitte das große Doppel-Interview zum Jubiläums-»Tatort« ).

Teil der globalen 'Ndrangheta-Logistik

Der erste Teil von »In der Familie« stammt von Dominik Graf, der sich dem Stoff aus der Randzone des Verbrechens nähert: aus der rustikalen Trattoria der Modicas, die sich die Kleinfamilie mit ein bisschen finanzieller Unterstützung von den Onkeln aus Italien einrichten konnte und wo sie nun Spaghetti Carbonara für sechs Euro serviert. Unterster deutscher Mittelstand sozusagen – der aber wichtiger Teil der globalen Logistik der 'Ndrangheta ist.

Regisseur Graf, der mit »Im Angesicht des Verbrechens« vor zehn Jahren eine meisterhafte Serie zur Russenmafia in Berlin gedreht hat, verzichtet auf sämtliche Mafia-Überhöhung. Hier machen keine Paten Angebote, die man nicht ablehnen kann, hier wird niemandem die Hand geküsst; stattdessen wird ein eher gesichtsloses, archaisches Wirkungsfeld ins Bild gesetzt, in dem Mächte und Abhängigkeiten unterschwellig, aber nachhaltig zum Tragen kommen.

44 Milliarden Euro Jahresumsatz

Nichts an der Clankriminalität in diesem »Tatort« ist glamourös. Erst recht nicht die Polizisten, die sie bekämpfen. In einem abgerockten Campermobil haben sich die Ermittler postiert, um den Transaktionen hinter den Dosentomaten auf die Spur zu kommen. Bald tummelt sich auf drei, vier Quadratmetern das Team um die Dortmunder Kommissare Faber und Bönisch (Jörg Hartmann und Anna Schudt) mit dem der angereisten Münchner Kommissare Batic und Leitmayr (Miroslav Nemec und Udo Wachtveitl), die ebenfalls an der 'Ndrangheta dran sind.

Viel zu viel Aufwand für einen Kleinkriminellen wie Pippo, der bald nach seiner Ankunft mit dem Baseballschläger Liebesgrüße aus Kalabrien verteilt, um auf eigene Rechnung ein kleines Schutzgeldunternehmen aufzubauen? Eben nicht. Autor Lange und Regisseur Graf machen deutlich, wie die schäbigen Außenposten der 'Ndrangheta mit dessen internationalem Imperium zusammenhängen. Einmal ist die Rede von 44 Milliarden Euro Jahresumsatz, den die kalabrische Mafia macht.

Fotostrecke

Kommissar-Karussell: Alle »Tatort«-Teams im Überblick

Foto: Martin Rottenkolber / WDR

Der italienische Journalist Roberto Saviano hat ähnliche Zahlen in »Zero Zero Zero« zusammengetragen, einem Dossier über die weltweiten Gewinnketten und Vertriebswege des Kokains. Die Serienumsetzung des Buches, die zurzeit noch bei Sky zu sehen ist, zeichnete auch die neuen Lieferketten über die Subsahara nach, die den Narcokapitalismus trotz immer schärferer, weltweiter polizeilicher Kontrollmaßnahmen am Laufen halten.

Die Pizzeria der Modicas im »Tatort« ist als Knotenpunkt ein kleiner, aber wichtiger Teil dieses Systems. Wie schwierig es zu sprengen ist, zeigt sich in diesem etwas anderen Clan-Thriller vor allem an der unüberwindbaren Verschränkung von Familie und Geschäft. Um sie darzustellen, findet Graf so aufwühlende und grausame Bilder, wie man sie im Fernsehkrimi selten gesehen hat. Todesursache: Familie.

Bewertung: 9 von 10 Punkten

»Tatort: In der Familie (1)«, Sonntag, 20.15 Uhr, Das Erste. Teil zwei folgt am nächsten Sonntag.

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