Dresden-»Tatort« über QAnon und Co. Der militante Arm der Verschwörungsmystik

Narzissmus, Fake-News, Gewaltbereitschaft: Der »Tatort« nimmt einen Verschwörungsmystiker ins Visier. Hart inszeniert, sensibel gespielt. Warnung: Dieser Text kann Spuren von Spoilern enthalten.
Szene mit Martin Brambach (hinten) als Kommissar Schnabel: Vom Deep State bis zur Neuen Weltordnung

Szene mit Martin Brambach (hinten) als Kommissar Schnabel: Vom Deep State bis zur Neuen Weltordnung

Foto: Marcus Glahn / MDR

Pizzagate in Dresden? Im Zentrum dieses Gewalt-»Tatorts« steht ein Verschwörungsmystiker, der in seiner Verblendung bis zum Äußersten geht. Eine Journalistin wird vor laufender Webkamera niedergeschossen, einem Polizisten wird mit dem Hammer die Kniescheibe eingeschlagen, eine Frauenleiche starrt mit offenen Augen aus der Kühltruhe. Doch hinter den Schockelementen des konventionell gebauten Psychopathen-Thrillers tritt das grausam genaue Psychogramm eines Mannes hervor, der seine Verstrickungen in verschiedene Verschwörungsideologien militant ausdefiniert, weil er auf diese Weise sein Beleidigtsein der Welt gegenüber ausleben kann.

Um die Qualitäten des Krimis herauszuheben, kommen wir später in diesem Text nicht umhin, einige Plothinweise zu geben, die als Spoiler gelesen werden können.

Aber zuerst eine unverfängliche Inhaltsangabe: Die Journalistin eines Boulevardblattes wird nachts auf dem Nachhauseweg überwältigt, betäubt und entführt, um in einer spärlich beleuchteten Bude vor ihrem mit Mausmaske maskierten Peiniger aufzuwachen. Anschließend stellt die Mausmaske über das Netz ein Ultimatum an die Polizei: Wenn diese nicht binnen 24 Stunden 150 ungelöste Fälle von vermissten Kindern aufklärt, soll das Entführungsopfer erschossen werden.

Szene mit Christina Hecke und Hans Löw: Verschwörungsmythos als Krücke

Szene mit Christina Hecke und Hans Löw: Verschwörungsmythos als Krücke

Foto: Marcus Glahn / MDR

Der Entführer beruft sich auf ein angebliches Komplott von Politik und Presse, dem alle diese vermissten Kinder zum Opfer gefallen sein sollen. Vorbild für diese Mutmaßung ist das sogenannte Pizzagate, jener Verschwörungsplot, wonach unter Mitwirkung von unter anderem Hilary Clinton, Barack Obama und Lady Gaga aus dem Keller eines Restaurants in Washington, D.C., ein gigantisches Pädophilennetzwerk betrieben wird. Aber das ist nur eine von vielen gängigen Verschwörungserzählungen, die der Entführer abruft: Vom Deep State bis zur Neuen Weltordnung hat die Mausmaske offenbar alles verinnerlicht, was QAnon und »Querdenker« an Irrsinn in ihren Repertoires haben.

Halbwüchsiger als Verschwörungsguru

Lustige Szene in diesem ansonsten überhaupt nicht lustigen Krimi: Die Ermittlerinnen Karin Gorniak (Karin Hanczewski) und Leonie Winkler (Cornelia Gröschel) suchen einen Halbwüchsigen auf, der eine der wichtigsten Internetseiten betreibt, von der aus Verschwörungsideologien unter die labilen Teile der Menschheit gebracht werden. Grinsend sitzt der Teenager, der schon ein kleines Vermögen mit seiner Seite gemacht hat, vor einer Bildschirmwand in seinem Gamersessel und sagt: »Das Beste an Verschwörungstheorien ist ihre Unwiderlegbarkeit.«

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Kommissar-Karussell: Alle »Tatort«-Teams im Überblick

Foto: Martin Rottenkolber / WDR

Und – nun der mögliche Spoiler – einer der Menschen, die sich da so heillos in diese sogenannten Theorien verstrickt hat, ist ein Familienvater, dessen Tochter seit vielen Jahren als vermisst gilt. Der Ermittlungsplot führt recht schnell auf seine Spur. Hans Löw (»Tatort: Lass den Mond am Himmel stehen«) entblättert in einer weiteren grandiosen Episodenhauptrolle für den »Tatort« klug den kranken Kern des Charakters: Hier ist ein Mann, der mit mangelnder Impulskontrolle und massivem Narzissmus erst seine eigene Familie zerlegt hat, um dann in Fake-News die Erklärung für die selbst verursachte soziale Katastrophe zu finden. Der gekränkte Mann als militanter Arm der Verschwörungsmystik.

Es gibt in diesem Film einige Thriller-Twists und Zuspitzungen, die man so oder ähnlich schon in anderen Dresden-»Tatorten« gesehen hat (Buch: Stefanie Veith und Jan Cronauer, Regie: Gregory Kirchhoff). Aber zwischendrin finden sich etliche Passagen, die auch das eingeübte Thriller-Publikum verblüffen. In einer Szene trifft der Entführer unter Polizeiaufsicht auf seine Tochter, die doch noch am Leben ist. Voller Überzeugung sagt er: »Das ist nicht meine Tochter.« Dann schaut er der jungen Frau in die Augen, um kühl zu konstatieren: »Das ist eine Schauspielerin. Ein Vater erkennt seine Tochter unter Tausenden.«

Dieses Motiv hat man so konsequent erzählt im deutschen Fernsehen noch nicht gesehen: Der Verschwörungsmythos dient als Krücke, an der sich der Soziopath aus der von ihm selbst verbockten Realität schleppt.

Bewertung: 8 von 10 Punkten

»Tatort: Katz und Maus«, Sonntag, 20.15 Uhr, Das Erste

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