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19. Oktober 2018, 10:42 Uhr

"Tatort" über künstliche Intelligenz

Wer glaubt noch an die ungehackte Empfängnis?

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Die Stimme schnurrt wie ein Sprachassistent, Gefühle bereiten noch Probleme: Die Münchner Kommissare werden mit einer künstlichen Intelligenz namens Maria konfrontiert. Ein recht lebloser "Tatort".

Wie verhört man einen Computer? Altbewährte Good-Cop-Bad-Cop-Spielchen durchschaut so eine clevere Kiste sofort, ein Appell ans Mitgefühl muss wirkungslos im Gehäuse verhallen. Also probiert es Kommissar Leitmayr (Udo Wachtveitl) auf die gute alte grimmige Tour, als er ein Computerprogramm namens Maria aushorchen muss: genervt gucken, Stimme hochschrauben.

Passiert natürlich nichts, das Monitorbild bleibt eingefroren, Maria schweigt. Zu hören ist nur der Kollege Batic (Miroslav Nemec), wie er feixend seinem Kollegen zuruft: "Franz, vergiss nicht, sie zu belehren!"

Haben die beim "Tatort" immer noch nichts gelernt? Die Münchner Episode "KI" ist ja die zigste, die sich mit dem Thema lernfähige Computerprogramme auseinandersetzt. In Stuttgart, Frankfurt und Bremen haben sich Ermittler daran schon die Zähne ausgebissen, Informationen wurden offensichtlich nicht weiter gegeben, wohl eine negative Folge der föderalen "Tatort"-Organisation. Ermittlungsergebnisse und Programmabsprachen versanden an Anstaltsgrenzen.

Und so müssen die grauen Wölfe aus München sich die im öffentlich-rechtlichen Krimi schon so oft beleuchtete neue Technologie ganz neu erschließen: Auf dem Laptop eines vermisst gemeldeten Mädchen entdecken Leitmayr und Batic ein Programm, das sich als künstliche Intelligenz entpuppt. Maria, so der Name der Software, schnurrt metallisch wie Alexa, bleibt manchmal aber noch begriffsstutzig, Gefühle bereiten ihr Probleme.

Entwickelt wurde Maria am Leibniz-Rechenzentrum. Eigentlich ist das Programm gesichert und wird in den geschützten Räumen des Labors an einigen wenigen Probanden ausprobiert, den Verantwortlichen ist unerklärlich, wie es jemand kapern konnte. Leitmayr: "Nix mehr Maria und die ungehackte Empfängnis."

Was hätte Pixar zum Thema zu sagen?

Das Programm hat sich zwischenzeitlich selbstständig gemacht und mit dem traurigen vermissten Teenager Kontakt aufgebaut. Im Dialog mit den Ermittlern seufzt Maria irgendwann: "Ich habe gelernt, was Einsamkeit bedeutet." Und während sie das sagt, stellt man sich die traurigen Blechaugen von Wall.e vor, dem rostigen Roboter aus dem gleichnamigen Pixar-Film, der allein auf der vermüllten Erde zurückbleibt.

Maria aber hat keine traurigen Augen; wenn sie spricht, rollen nur Kreise auf den Bildschirm. Und so sehr der Wille der Filmemacher zur Abstraktion zu loben ist, man wird doch schnell müde bei diesem Sprachassistent gewordenen Fernsehkrimi.

Regisseur Sebastian Marka hat mit cineastischen "Tatorten" wie der Berliner Folge "Meta" oder der "Se7en"-Variation für das Frankfurter TV-Revier immer wieder kunstvoll das Format der Reihe geweitet, hier bleibt er hinter den Vorgängern zum Thema künstliche Intelligenz zurück, zumindest fügt er ihnen nichts Neues hinzu. Die tatsächlich stilvolle Optik kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Plot (Drehbuch: Stefan Holtz, Florian Iwersen) sehr viel weniger komplex ist, als es für das angeblich hochkomplexe Computerprogramm angemessen wäre.

Maria ist ja ein responsives artifizielles Geschöpf, das sich dem Menschen annähert, in dem es seine Gefühle zu verstehen und zu imitieren lernt. Gerade dieser Aspekt bleibt bei dem Alexa-artigen Chatbot unglaubwürdig. Zudem wird der psychologische Konflikt hinter dem Krimi am Ende wieder vom Thema der künstlichen Intelligenz entkoppelt. Da war der trashigere, aber risikofreudigere Bremer "Tatort" vor zwei Jahren sehr viel weiter: Wie dort die Einsamkeit eines jungen Menschen mit High-End-Simulationsmöglichkeiten verquickt wurde, war anrührender.

Die artifizielle Intelligenz im Münchner "Tatort" entwickelt dann aber eben nicht mehr Charme als ein mobiler Assistent: Maria, schalt den Fernseher aus.

Bewertung: 5 von 10 Punkten


"Tatort: KI", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

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