Krimidrehs in Corona-Zeiten Der "Tatort" im Wettlauf mit dem Virus

Wird es nach der Sommerpause mit neuen "Tatorten" eng? Die Ermittler-Teams in Münster, Saarbrücken und Kiel nehmen die Dreharbeiten wieder auf - trotzdem könnte der Nachschub ausgehen.
Unklare Lage: Miroslav Nemec in einer alten "Tatort"-Folge aus München

Unklare Lage: Miroslav Nemec in einer alten "Tatort"-Folge aus München

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Hagen Keller/ Hagen Keller/ BR

Längerfristig planbar ist zurzeit aufgrund der Coronakrise gar nichts, alle gesellschaftlichen Institutionen fahren auf Sicht. Ein Datum ist für die ARD allerdings gesetzt und unumstößlich: Sonntag, der 29. November. Genau 50 Jahre zuvor wurde mit "Taxi nach Leipzig" der erste "Tatort" gezeigt, am Tag selbst soll eine spezielle Jubiläumsproduktion laufen. Die ist aber erst zur Hälfte abgedreht.

Bei dem Projekt handelt es sich um einen zweiteiligen Crossover-Krimi mit dem Dortmunder Team um die Ermittler Faber und Bönisch sowie dem Münchner um Batic und Leitmayr. Der Dortmunder Part war bis zu Beginn der Coronakrise weitgehend abgedreht, der Münchner muss noch gedreht werden. Als Produzent fungiert die Firma X-Filme, die zuvor die erzähltechnisch brillante Münchner Folge "Unklare Lage" verantwortet hat.

Auch der Anspruch an das Jubiläumsunterfangen ist groß: Man will keine Änderungen an dem ausgeklügelten Drehbuch vornehmen, momentan arbeiten die Verantwortlichen daran, wie man das ambitionierte Projekt mit den geltenden Hygieneregeln in Einklang bringen kann. Die Zeit drängt, die Fertigstellung des Zweiteilers bis Ende November dürfte ein eigener Krimi werden.

Bei anderen "Tatorten" geht man es schneller an. Nachdem Mitte März aufgrund der Coronakrise alle Drehs und alle Planungen zu den Filmen der ARD-Reihe gestoppt werden mussten, geht es jetzt in vielen TV-Revieren unter veränderten Vorzeichen weiter. Schon am Montag haben zum Beispiel die Arbeiten zu einem Münster-"Tatort" begonnen, der verantwortliche WDR spricht offenherzig von "ungewohnten und sicher auch erschwerten Drehbedingungen."

"Erschwerte Drehbedingungen": Axel Prahl (l.) und Jan Josef Liefers im Münster-"Tatort" (In der Folge "Väterchen Frost")

"Erschwerte Drehbedingungen": Axel Prahl (l.) und Jan Josef Liefers im Münster-"Tatort" (In der Folge "Väterchen Frost")

Foto: WDR/ Martin Valentin Menke

Und in der kommenden Woche startet der Dreh zum "Tatort" des neuen Saar-Teams um die Kommissare Hölzer und Schürk. Der Krimi spielt zu großen Teilen im Wald. Regisseur Christian Theede, der auch schon den starken Einstand der neuen Ermittler in Szene gesetzt hat, sagte der Nachrichtenagentur dpa über den Drehort: "In diesen Corona-Zeiten kommt uns das natürlich zupass." Hintergrund: Bei Außenaufnahmen lässt sich der Hygienekatalog samt Abstandsregeln leichter einhalten.

Sommerzeit ist Drehzeit

Das mag auch einer der Gründe sein, weshalb Sender und Produzenten darauf drängen, noch möglichst viele "Tatort"-Drehs in der Sommerzeit zu absolvieren, auch wenn das Schauspielern und Team unerprobte Arbeitsvorgänge abverlangt. Ebenfalls noch in diesem Monat sollen die Arbeiten zu einem Borowski- und zu einem Odenthal-Fall wieder aufgenommen werden; beide Drehs wurden im März unterbrochen.

Ob die Abenteuerlust der beauftragten Produzenten reicht, um so viele "Tatorte" herzustellen, dass das Kontingent für die Saison 2020/2021 mit rund 35 neuen Episoden aufgefüllt werden kann, bleibt fraglich. ARD-Sprecher Lars Jacob sagte dem SPIEGEL: "Grundsätzlich gilt: Die Planung für die Sonntagskrimi-Erstsendungen nach der Sommerpause wird ständig an die aktuellen Gegebenheiten angepasst. Im Augenblick ist noch nicht absehbar, ob es zu coronabedingten Ausfällen kommen wird und wie diese zu kompensieren wären."

Prinzipiell sind Drehs unter Corona-Bedingungen extrem schwierig. Das Arbeitsministerium hat bundesweit verbindliche Sars-CoV-2-Arbeitsschutzstandards erstellt, die Hygienekonzepte der Produzenten müssen aber von den örtlichen Gesundheitsämtern koordiniert werden - ein extrem bürokratischer Aufwand. Die Bedingungen sind von Land zu Land, manchmal sogar von Kommune zu Kommune unterschiedlich. Außerdem werden Film- und Fernsehprojekte nicht mehr im herkömmlichen Sinne versichert, das heißt, in der Regel trägt der Produzent das gesamte Risiko. Mit der Politik wird über einen staatlichen Solidaritätsfonds diskutiert, er ist aber noch in weiter Ferne.

Produzenten unter Druck

Eine heikle Situation. Zumal die Produktionen unter den Corona-Bedingungen teurer und zeitaufwendiger werden, weil zum Beispiel bei Umbauarbeiten zwischen den Szenen viel weniger Mitarbeiter gleichzeitig auf dem Set sein dürfen. Die Produzenten und Regisseure müssen die Filme aber in der Regel mit den gleichen Etats herstellen. ARD-Sprecher Jacob stellt klar, dass es in dem föderalen Senderverbund keine einheitliche Regelung bezüglich der Übernahme von Mehrkosten gibt. Allerdings können die Produzenten für die Drehausfälle und -verschiebungen individuell mit den einzelnen ARD-Sendern Kompensationsmaßnahmen verhandeln. Bis zu 50 Prozent der Mehrkosten können bei eindeutigem Nachweis von den Anstalten übernommen werden.

Der Druck auf die Produzenten bleibt trotzdem enorm, vor allem auf die Kleinen der Branche. Denn durch die desaströse Auftragslage der letzten Monate sind vor allem sie gezwungen, jeden Auftrag anzunehmen, um ihren Laden vor dem Bankrott zu retten. Flexible Erzähl- und Inszenierungskonzepte müssen her, um das Schlimmste zu verhindern.

Da kann es helfen, wenn der Regisseur zugleich der Drehbuchautor ist. So wie Niki Stein, der bahnbrechende "Tatorte" für den HR und den SWR inszeniert hat. Er hätte eigentlich schon im April mit den Dreharbeiten zu einer neuen Falke-Folge mit Wotan Wilke Möhring in Hamburg beginnen sollen, jetzt steht der Drehstart im Juli an. Produktionstechnisch wird noch viel auf Machbarkeit geprüft. Die Geschichte über eine russischstämmige Polizistin, die gegen ihre eigene Mafiafamilie ermitteln muss, hat Stein den Möglichkeiten angepasst - es geht jetzt mehr um Melancholie und Sehnsucht. Corona als Gefühlsverstärker.

Es wird interessant sein, wie wir im nächsten Sommer auf die "Tatort"-Saison 2020/2021 zurückschauen. Zu sehen, wie die Stimmungen und Zwänge der Pandemiezeit auf die neuen Folgen eingewirkt haben. Und zu sehen, wie viele neue Folgen überhaupt zustande gekommen sind.

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