Letzter "Tatort" vor der Sommerpause Der diskrete Schmarrn der Bourgeoisie

Ungezähmte Natur und optimierte Wohnlandschaften: Der "Tatort" erzählt von einem Schülermord am gutbürgerlichen Münchner Stadtrand - klug, subtil und grausam.
Nebel des Grauens: Leitmayr und Batic ermitteln am Münchner Stadtrand

Nebel des Grauens: Leitmayr und Batic ermitteln am Münchner Stadtrand

Foto: Hendrik Heiden/ Hendrik Heiden/ BR

Der Sohn der einen treibt tot in der Isar, der Sohn der anderen sitzt gut vergurtet in der Familienkutsche. Judith (Laura Tonke) hat gerade ihr einziges Kind verloren; es wurde mit einem stumpfen Gegenstand erschlagen und seine Leiche danach im Fluss entsorgt. Freundin Antonia (Victoria Mayer) bringt der Trauernden eine Tupperdose mit einem Stück Sahnetorte vorbei; Trost funktioniert manchmal ja schon in kleinen Rationen.

Erst schaut Judith an der Haustür ganz gerührt, dann geht der Blick zum Auto der anderen, in dem sich deren Sohn fläzt. Es handelt sich dabei um einen ganz normalen, missmutigen Teenager, der darauf wartet, mit seinem Handy spielen zu dürfen - der in den Augen der trauernden Judith aber vor allem eines ist: am Leben! Was für ein Missgeschick von der Freundin, die den Schmerz der anderen lindern wollte und ihn nun doch nur verstärkt hat.

Wenn es denn ein Missgeschick war. Denn dieser um zwei Kleinfamilien aus der Münchner Vorstadt kreisende "Tatort" ist voll von subtiler Grausamkeit, angetäuschtem Beistand und automatenhaft ausgeführter Zärtlichkeit.

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In der Familienhölle

Foto: Hendrik Heiden/ Hendrik Heiden/ BR

Die Kommissare Batic (Miroslav Nemec) und Leitmayr (Udo Wachtveitl) nehmen davon am Anfang wenig zur Kenntnis, denn der Fall des ermordeten Jungen hält sie ordentlich in Bewegung. Das Handy des Opfers wurde in der Nähe eines Parkplatzes am Waldrand gefunden, in dem sich Leute treffen, die sich übers Internet zu Sex verabreden. Bei der Recherche vor Ort schrecken die Polizisten die Nackerten auf, die dann mit heruntergelassener Hose Reißaus durch den nebligen Wald nehmen.

Frust, Kälte und Midlife-Kummer

Kam der Junge einem Pärchen beim anonymen Parkplatzsex in die Quere? Oder geht die Tat doch auf jemanden aus dessen Schulumfeld zurück? Batic fühlt sich beim Gang über die Flure des Gymnasiums an seine eigene Schulzeit erinnert und sagt mit bangem Blick: "Dieser Geruch, diese Mischung aus Angst, Schweiß und Liebeskummer!" Die Mischung aus Frust, Kälte und Midlife-Kummer, die den Ermittlern in dem Familienumfeld des toten Jungen entgegenschlägt, ist aber auch nicht ohne.

Die Verantwortlichen dieses exzellent komponierten und inszenierten "Tatort" (Buch: Stefan Hafner und Thomas Weingartner, Regie: Christopher Schier) arbeiten mit perfide genauen Bildern und perfide genauen Dialogen: Oft meinen Blicke, Gesten und Sprechakte hier das Gegenteil von dem, was scheinbar mit ihnen ausgedrückt werden soll. Der diskrete Schmarrn der Bourgeoisie.

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Kommissar-Karussell: Alle »Tatort«-Teams im Überblick

Foto: SWR/Daniel Dornhöfer

Da ist zum Beispiel diese Szene, in der die mit den Opfereltern befreundete Kleinfamilie am Abendbrottisch sitzt und die gerade aus dem Tenniscamp zurückgekehrte Tochter umsorgt: Nur durch Zufall erfährt das Mädchen, dass während ihrer Abwesenheit der Sohn der Freunde ermordet wurde. Als die Tochter darauf fassungslos den Vater (Hans Löw) anstarrt, sagt dieser nur: "Wir wollten dich erst mal in Ruhe ankommen lassen." Empathielosigkeit ummantelt von Fürsorgefloskeln.

Mehr als einmal fühlt man sich bei diesem "Tatort", in dem Impressionen von ungezähmter Natur mit denen von optimierten Wohnlandschaften wechseln, an die bürgerlichen Höllen in den Filmen Michael Hanekes ("Funny Games") erinnert. Die Figuren sind Gefangene einer Welt, die sie sich selbst erschaffen haben. Der Vater der einen Familie etwa baut exquisite Soundsysteme. Einmal sehen wir, wie er in sein Klangreich abtaucht. Es läuft Vivaldi, "die vier Jahreszeiten", das Sommer-Konzert.

Dieser "Tatort" ist der letzte vor der langen, bis in den August reichenden Pause. Und wenn man ihn als Omen für die nächsten Monate nehmen will, dann heißt das: Der Sommer wird frostig.

Bewertung: 9 von 10 Punkten

"Tatort: Lass den Mond am Himmel stehn", Sonntag, 20.15 Uhr, Das Erste

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