"Tatort" aus Münster Nichts geht über eine schöne Nahtoderfahrung

Im Stil großer Taschentuch-Dramen erwacht im Münster-"Tatort" bei Professor Boerne die Liebe zu seinen Mitmenschen. Und das fast ironiefrei.
Boerne nach dem Autocrash: Schon ein Geist oder noch am Leben?

Boerne nach dem Autocrash: Schon ein Geist oder noch am Leben?

Foto: Martin Valentin Menke / WDR

Die Mühlen des Jenseits mahlen langsam, denn teuflische Sachbearbeiter versperren den Weg zur Himmelspforte und zum Fegefeuer. Diese Erfahrung muss jedenfalls Professor Boerne (Jan Josef Liefers) machen, nachdem er durch einen Autounfall ins Koma gefallen ist. Im Reich zwischen Leben und Tod sieht sich Boerne gezwungen, in der Vorhölle Platz zu nehmen, wo eine diabolische Bürokratenversion seines Kollegen Thiel (Axel Prahl) Bearbeitungsnummern und Formulare verteilt. In der Lobby dröhnt ein Paternoster, der die bearbeiteten Fälle runter ins Feuer fährt.

Die Frage ist, ob Boerne aus dem bei den Katholiken Limbus genannten Höllenvorraum heraus etwas tun kann, um sein Leben zurückzugewinnen. Und so geistert er, während seine körperliche Hülle im Krankenhaus von den Maschinen am Atmen gehalten wird, als Untoter im Leben der Kollegen herum, die in der Sorge um ihn ihre Gefühle für ihn offenbaren. Eine neue Erkenntnis für den Großkotz Boerne: Ich werde gemocht. Mein Dasein berührt andere. Menschen vergießen Tränen für mich.

Assistentin Haller (ChrisTine Urspruch) mit dem neuen Aufschneiderkollegen Jens Jacoby (Hans Löw)

Assistentin Haller (ChrisTine Urspruch) mit dem neuen Aufschneiderkollegen Jens Jacoby (Hans Löw)

Foto: Martin Valentin Menke / WDR

Sagen wir mal so: Nichts geht über eine schöne Nahtoderfahrung. Sie lässt uns das Leben neu wertschätzen, und sie bringt unsere Freunde und manchmal sogar unsere Feinde dazu, um uns zu weinen. Dieser romantisch aufgeladene "Tatort" steht in einer langen Tradition von Filmen über das Zwischenreich – von "Ist das Leben nicht schön?" (1946), wo James Stewart als Suizidgefährdeter mit einem Engel auf eine Welt schaut, die ohne ihn selbst trostlos wäre, bis zu "Family Man" (2000) mit Nicolas Cage als Wall-Street-Arschloch, das erkennen muss, dass wegen seiner beruflichen Fixierung die Familie den Bach runtergegangen ist.

So geht Zuneigung, Herr Professor

Boerne kommt da als Koma-Karrierist zu ähnlichen Erkenntnissen. Wie wenig er doch oft auf die Menschen gegeben hat, die sein Leben bereicherten: Dass ausgerechnet die von ihm immer wieder gedemütigte Silke "Alberich" Haller (ChrisTine Urspruch) mit feuchten Augen eine Hymne auf ihn singt, zeigt dem Ego-Akademiker, wie wichtig die Anderen sind. So geht Zuneigung, Herr Professor.

Zwischenreichfilme sind immer Taschentuch-Filme, die unter Aufbietung aller Emotionalisierungstricks die Gemeinschaft feiern. Drehbuchautor Magnus Vattrodt, der neben einigen frühen Münster-"Tatorten" auch die aufwühlende Freiburger Folge "Für immer und dich" schrieb, hat den Plot des Weepies gar nicht so sehr ironisiert, wie man das für einen Münster-"Tatort" erwartet und geschickt ins Kriminalistische geweitet.

Beim Umherstreifen als Geist im eigenen Leben wird Boerne nicht nur Zeuge der unerwarteten Zuneigung seiner Kollegen, sondern auch Zeuge der Vertuschung des Verbrechens, durch das er ins Koma gefallen ist: Ein Betrüger (Hans Löw), das sahen wir schon ganz am Anfang des Filmes, hat ihm eine Substanz gespritzt und dadurch den Unfall verursacht, um Boernes Platz in der Gerichtsmedizin einzunehmen. Der Mann ist ein notorischer Lügner und sagt zur eigenen Rechtfertigung: "Arzt ist man mit dem Herzen, nicht auf dem Papier."

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Foto: Martin Rottenkolber / WDR

Boerne muss nun beobachten, wie der ihm nachgefolgte Aufschneider nicht nur die Aufklärung des Falles unterwandert, sondern auch noch seiner komatösen leiblichen Hülle auf der Intensivstation endgültig den Garaus zu machen versucht.

Von solchen wahnwitzigen Szenen gibt es einige in "Limbus". Der Krimi ist ebenso reich an Twists wie an Tragikomik. Aber keine Angst, bei diesem menschenfreundlichen Rührstück wird niemand überfordert. Regisseur Max Zähle, der zuvor das hoch melodische Trennungsdrama "Bist du glücklich?" inszeniert hat, findet einen guten, gediegenen Rhythmus für dieses Ineinander aus Spannung und Sentiment.

Besonders wehmütig wird es, als Friederike Kempter als Nadeshda Krusenstern noch einmal auftaucht. Die war eigentlich Anfang des Jahres mit dem Improvisations-"Tatort" vom WDR blutig aus dem Kommissarinnendarstellerindienst ausgeschieden; hier nun begegnet ihr Boerne im Vorraum zur Hölle wieder – wo ihr allerdings vom Sachbearbeiter korrekterweise beschieden wird, dass sie für das Himmelstor vorgesehen ist. Das ist einer der schönsten Abschiede, die man je in der Krimireihe gesehen hat. Der "Tatort" als Tränendrücker, muss auch mal sein.

Bewertung: 8 von 10 Punkten

"Tatort: Limbus", Sonntag, 20.15 Uhr, Das Erste

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