25 Jahre "Tatort"-Kommissarin Odenthal Lost in Ludwigshafen

Keine Katze, kein Kopper, kein One-Night-Stand: Zu ihrem 25-jährigen Dienstjubiläum ist Lena Odenthal so allein und so ausgebrannt wie nie zuvor. Ein Grauen für die Kommissarin, ein Glücksfall für die Rolle.

ARD

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Eine Batterie Longdrinks trinkt die Polizistin im neuen "Tatort" einsam am Tresen, mehr haben die Drehbuchautoren ihr nicht zum Dienstjubiläum gegönnt. Seit 25 Jahren ist TV-Ermittlerin Lena Odenthal nun schon im Einsatz. Nach Feiern war offensichtlich niemandem zumute.

Als Odenthal ihr 20-Jähriges hatte, spendierte die SWR-Redaktion immerhin ein Candlelight-Dinner mit Meeresfrüchten und einem segeltourengebräunten Kerl. Okay, der entpuppte sich am Ende als der in dem Fall gesuchte Psychopath, aber für fünf Minuten hatte Odenthal noch einmal diesen hungrigen Glanz in den Augen. Der ist nun schon lange erloschen.

Warum eigentlich? In den frühen Neunzigerjahren war der Ludwigshafener "Tatort" um Odenthal eine Art Krimilabor, die Kommissarin ermittelte sogar einmal im Weltall. Der Sex war auch alles andere als Durchschnitt. Die von der offen lesbischen Darstellerin Ulrike Folkerts verkörperte Polizistin hatte eine Reihe fataler, aber doch aufregender Männerbekanntschaften, zwei kurze freundliche Flirts mit Frauen wurden ihr ebenfalls zugestanden. Am Ende blieben Odenthal allerdings nur Mitbewohner Kopper und ihre Katze.

Champagnerflasche im After

Schon zum 20-Jährigen gab die Kommissarin eine erschreckende Selbstcharakterisierung ab: "Lena O. Nicht mehr ganz jung. Beziehung: Katze. Freunde: meine Kollegen. Mehr nicht. Seit 20 Jahren wühle ich in Gewalt, Mord und Totschlag. Und ich find' nur selten irgendetwas Nettes darin. Ich bin einsam. Oft."

Zum 25-Jährigen wird die Selbstbeschreibung noch mal drastischer. Odenthal zu dem Barkeeper, der ihr die Longdrinks eingeschenkt hat und jetzt endlich schließen will: "Meine größte Angst ist, dass ich allein zu Hause sterbe und dass mich niemand findet, weil mich niemand vermisst, und dass meine Katze nach ein paar Tagen, wenn das Katzenfutter aufgebraucht ist, anfängt, mich aufzufressen."

Ach, wenigstens kommt der leidigen Katze, zuvor Symbol des Stillstands und der Langeweile im Ludwigshafener "Tatort", mal eine böse Rolle zu. Die Katze ist diesmal aber gar nicht zu sehen, und auch Mitbewohner Kopper (Andreas Hoppe) die meiste Zeit abwesend.

Es lenkt Odenthal also niemand von dem Fall ab, der diesmal besonders unappetitlich ist: In der Wohnung eines gerade fertiggestellten Hauses wird der Architekt tot aufgefunden - mit einer Champagnerflasche im After. Um den Fall herum gruppieret sich eine Reihe Frauen. Die Ehefrau des Toten, die offensichtlich systematisch betrogen wurde. Eine Studentin, die vom Architekten vor dessen Tod mit K.-o.-Tropfen bewusstlos gemacht wurde, um vergewaltigt zu werden. Die Freundin des Opfers, die selbst schon mal Opfer sexueller Übergriffe geworden ist.

Jedes Wort ein Hieb

Reichlich Gelegenheit, dass sich Odenthal geschmeidig in die Geschlechtsgenossinnen einfühlen könnte. Aber an dieser Art von Betroffenheitsgymnastik hat das Autorenduo Eva und Volker A. Zahn zum Glück kein Interesse. Die Drehbuchautoren haben zuvor das Mittelstandsdrama "Mobbing" geschrieben, in dem ein Angestellter unter dem Zermürbungstechniken seiner Arbeitgeberin zur leblosen Hülle verkommt. Hier wiederholt sich gleichsam der Mechanismus an Lena Odenthal.

Die Arbeit setzt ihr zu, sie verliert nach und nach ihre Empathie. Das Leiden der betrogenen Ehefrau lässt Single Lena kalt, fast sadistisch rattert sie die Affären ihres Mannes vor der Trauernden runter, die sich danach in der Badewanne die Pulsadern aufzuschlitzen versucht; vor den flehentlichen Annäherungen des Opfers nimmt Odenthal geradezu Reißaus. Das Einfühlungsvermögen ist weg, jedes ihrer Worte wirkt wie ein Hieb, und was wollen die anderen überhaupt immer von ihr? Lost in Ludwigshafen.

Hinzu kommt, dass der Ermittlerin in "Blackout" (Regie: Patrick Winczewski) eine junge patente Profilerin (Lisa Bitter als Johanna Stern) zur Seite gestellt wird, die Kinderorganisation, neueste Ermittlungstechniken und Einfühlungsvermögen unter einen Hut bekommt. Eine Zumutung für die Kommissarin, die ja kaum ihre Katze zu füttern schafft.

Odentahl, so egoman und ausgebrannt wie noch nie. Komisch, gerade jetzt würden wir sie gern noch ein Stückchen ihres Weges begleiten.

Zum Autor
Saima Altunkaya
Christian Buß ist Kulturredakteur bei SPIEGEL ONLINE mit Schwerpunkt Medien und Gesellschaft. Seine Kollegen denken, er hat eine Macke, weil er nicht nur gefeierte US-Serien schaut, sondern auch jeden "Tatort". Doch der TV-Krimi ist nun mal mehr als ein Täterrätsel - er öffnet ihm ein Fenster in die bundesrepublikanische Wirklichkeit.

E-Mail: Christian_Buss@spiegel.de

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insgesamt 18 Beiträge
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Seite 1
robin-masters 24.10.2014
1. Odenthal
bisher immer einer schwächeren Tatorte. Wobei eigentlich nur Köln, Münster und München gut sind.
thomas.mann1 24.10.2014
2.
Dazu gehört in Ludwigshafen nun wirklich nicht viel. Eine Industriestadt wo ab 22Uhr nichts mehr los ist und nicht mal ÖNV nach 24Uhr mehr nach Mannheim führt oder zurück. Ich bin gespannt... :-)
isolde.duschen 24.10.2014
3. Ein Grauen für die Zuseher!
Es gibt schlechte Tatorte, es gibt ganz schlechte Tatorte und es gibt Tatorte mit Frau Folkerts. Ich schlage vor, für die nächsten 25 Jahre 'Tatorte mit Lena Odenthal' Andreas Hoppe durch Claus Theo Gärtner zu ersetzen.
martinstuttgart 24.10.2014
4.
und es gibt Tatorte die man vielleicht nicht Sendet weil der Anlass einfach nicht passt.ist die Sponredaktion im All verschollen. Waere cool
fpwinter 24.10.2014
5. Sie ist eine so tolle Frau -
ein Jammer, daß die ARD hier die große Chance verpaßt hat, mittels eines authentischen lesbischen Charakters ein bischen mehr für Akzeptanz zu werben. Es wär toll, wenn man endlich mal einen "ganz normal schwulen, lesbischen oder bisexuellen" Charakter im Tatort hätte. Aber hier hat ja keiner Traute. In deutschen Serien gibt es derzeit keine/n einzige/n LesBiSchwule/n Ermittler/in; im ÖffRe hat das meines Wissens auch noch kein Sender gewagt. (Mir fallen nur SK Kölsch und Mit Herz und Handschellen ein.)
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