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"Tatort" mit Stefan Gubser: Familie fatal

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"Tatort" aus Luzern Väter, uns graut vor euch

Die Mutter wird ermordet, drei Kinder bleiben zurück. Sie haben verschiedene Väter - jeder von ihnen unzuverlässig. Ein grausamer "Tatort" über die Erkenntnis, dass die Glücksstrategien der Alten oft das Unglück der Jungen bedeuten.

Manchmal ist das Überleben fast so grausam wie das Sterben. So wie in dem "Tatort" aus Köln vor vier Wochen, in dem eine Mutter ihre drei bei einem Hausbrand gestorbenen Kinder beerdigt. Oder wie am Ostermontag in dem aktuellen "Tatort" aus der Schweiz, in dem nun wiederum drei hinterbliebende Kinder den Mord an ihrer Mutter verarbeiten müssen. Hier wie dort: Die Aufklärung des Falles wird zur Analyse einer fatalen familiären Notkonstruktion.

Die drei Kinder der erschlagen am Bahndamm gefundenen Donna Müller stammen von drei Vätern. Der erste, Mitglied einer nahezu militanten Väter-Selbsthilfegruppe, lag bislang in einem verheerenden Sorgerechtsstreit mit der Toten - auch zum Nachteil der doch so geliebten Tochter. Der zweite leitet im fernen südlichen Indien einen Ashram, wo er über der spirituellen Erleuchtung und dem betriebswirtschaftlichen Chaos den eigenen Sohn samt fälliger Alimente vergaß. Und der dritte, ein wohlhabender Unternehmer, zahlte immer brav für seine Tochter, leugnete die Kleine aber vor seiner neuen Frau.

Scheidungsterror und Vernachlässigung, Selbstbetrug und Verrat: Die Kinder waren immer auf sich selbst gestellt, entweder wurde an ihnen gezerrt, oder sie wurden ignoriert. Schwierig zu sagen, was schmerzhafter war. Die Mutter, so finden die Ermittler Ritschard (Delia Mayer) und Flückiger (Stefan Gubser) bald heraus, flüchtete sich immer wieder in die Esoterik. Zur Zeit ihrer Ermordung absolvierte sie gerade eine Ausbildung zur "spirituellen Heilerin".

Flückiger, der kinderlose Kauz

Wie schon in dem Kölner Trauerschocker vermeiden auch die Verantwortlichen des Schweizer "Tatort" (Buch: Eveline Stähelin und Josy Meier, Regie: Michael Schaerer) trotz der krassen Ausgangssituation allzu plakative Ausschmückungen. Die Väter sind bei allen Unzugänglichkeiten keine Monstren, da ist zuweilen sogar wahre Liebe im Spiel, und die tote Mutter erscheint rückblickend nicht als kriminell egozentrische Sinnsucherin. Doch keiner der Erwachsenen hat es geschafft, die eigenen Glücksstrategien in Einklang mit den Bedürfnissen der Kinder zu bringen.

So schlüsselt der "Tatort" nach und nach die fatale unübersichtliche Gemengelage auf; manchmal, zugegeben, verheddern sich die Autorinnen auch darin. Und die kinderlosen Ermittler werden persönlich immer tiefer in den Krieg um die Kinder gezogen: Ritschard, die einzige offen homosexuelle Ermittlerfigur im "Tatort"-Kosmos, wird von der verbohrten Vätertruppe beim Squash mit ihrer Lebensgefährtin fotografiert und danach im Netz als Kampflesbe desavouiert. Flückiger, der vergrübelter, gramer und unbehauster denn je daherkommt, zeigt sich im persönlichen Gespräch mit der Kollegin geknickt darüber, dass er keinen Nachwuchs hat. Einst, so verrät er, habe er sogar eine Liebschaft zur Abtreibung überredet. Das Kind wäre jetzt so alt wie der Junge des Mordopfers.

Flückiger ist auch so ein Verlorener, bei dem esoterische Heilsversprechen verfangen könnten. Bald sucht er Rat bei dem Guru, der Opfer Donna Müller zur "Heilerin" ausbilden wollte. Ihm wird die übersinnliche Fähigkeit zugeschrieben, mit den Toten sprechen zu können. So nimmt er Kontakt mit der Ermordeten auf - und macht den analytischen Cop mit den zutage geförderten Erkenntnissen ganz nervös.

Immer wieder springt Flückiger von dem Segelboot, auf dem er seine einsamen Nächte verbringt, in den kühlen Vierwaldstättersee. Der Kopf wird dabei nicht klarer, das Herz nicht reiner. Armer Flückiger, der kinder- und bindungslose Kauz braucht endlich ein Leben.


"Tatort: Zwischen zwei Welten", Ostermontag (!), 20.15 Uhr, ARD

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