Vermurkster Aufreißer-»Tatort« Ich vögel, also bin ich

Mit 28 Frauen im Bett: Faber und Bönisch ermitteln den Mord an einem Kollegen, der zur Pick-up-Szene gehörte. Ein »Tatort«, der trotz Geschwitze und Geächze dramaturgisch nicht recht vom Fleck kommt.
Darsteller Hartmann und Schudt: Runter mit der Maske!

Darsteller Hartmann und Schudt: Runter mit der Maske!

Foto: Thomas Kost / WDR

Des einen Schäferstündchen sind des anderen Überstunden. Ein Streifenpolizist wurde beim Joggen ermordet, vor seinem Tod hatte er in einer extra angemieteten Wohnung intime Treffen mit wechselnden Partnerinnen, die er mit versteckter Kamera filmte. Nun müssen sich die Frauen und Männer vom Morddezernat bei etlichen Tassen Kaffee durchs aufgezeichnete Geschwitze und Geächze des sexuell ambitionierten Kollegen arbeiten.

Das Treiben des anderen wird akribisch gelistet: 28 verschiedene Frauen hatte der Polizist vor der Kamera, 17 von ihnen waren verheiratet, die meisten stammten aus dem Umfeld des Kollegiums.

Pick-up-Seminarleiter im »Tatort«: »Der Löwe frisst, wenn er Hunger hat«

Pick-up-Seminarleiter im »Tatort«: »Der Löwe frisst, wenn er Hunger hat«

Foto: Thomas Kost / WDR

Beim Morddezernat sind bald alle recht müde vom Sexfilmchenschauen, nur Faber (Jörg Hartmann) reibt sich erfreut die Augen, als er eine alte Bekannte auf dem Bildschirm erkennt: »Die sieht doch aus wie... Ja, das ist die Frau von dem Klaus! Klaus Wildner vom Betrugsdezernat.« Später setzt sich Faber in der Kantine zum Klaus und stochert fröhlich in dessen vermurkstem Eheleben, während sein Gegenüber missmutig im Gulasch rührt. Zum Abschied brummt der Klaus: »Halt ihn hoch!« Was Typen halt Lustiges sagen, wenn sie eigentlich heulen wollen.

Dieser »Tatort« (Buch: Arnd Mayer und Claudia Matschulla, Regie: Ayşe Polat) soll ein Krimi aus der Mitte des Polizeimilieus samt dessen sozialen Gepflogenheiten und sexuellen Gelegenheiten sein. Er soll aber noch sehr viel mehr sein – und hier wird es problematisch, weil er im Tonfall seine Treffsicherheit und in der Dramaturgie seine Zielsetzung verliert.

»Ich bin ein Mann!«

Der ermordete Polizist mit seinem Bumsbüdchen war Teil der örtlichen Pick-up-Szene, deren Mitglieder sich damit brüsten, möglichst viele Sexualkontakte zu absolvieren. Also geht Faber undercover in das Seminar eines dieser Aufrisskünstler, der dann Triebstau-Stanzen absondert wie diese: »Pack sie an der Muschi und lass sie nicht mehr los!« Oder: »Der Löwe frisst, wenn er Hunger hat. Ich bin ein Mann!«

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Foto: Christine Schroeder / NDR

Vielleicht kommt einem die Inszenierung des Dicke-Hose-Talks auch deshalb so ausgelutscht vor, weil man ihn bereits in dem Frauenhass-»Tatort« aus Kiel gehört hat, wo Borowski ebenfalls undercover unter gestörten Männern unterwegs war. Auf jeden Fall passt dieses »Ich vögel, also bin ich«-Gepose überhaupt nicht zu der dritten Ebene, die in dem Dortmunder Fall aufgemacht wird: Da geht es nämlich um eine wahnsinnig vertrackte Mutter-Tochter-Konstellation. Sowohl die Alte als auch die Junge arbeiten bei der Polizei, sind aber in einer nebulösen Mischung aus Hass und Anziehung gefangen, die man an dieser Stelle nicht aufschlüsseln kann, ohne die Auflösung zu verraten. »Masken« lautet der etwas aufdringliche Titel dieser »Tatort«-Folge.

Von der harten Milieustudie über die ätzende Testosteron-Stenz-Satire zum verrätselten Frauendrama – das sind einfach einige Genre-Hakenschläge zu viel, da bleibt die Neugier dann irgendwann doch auf der Strecke. Auch die Maskenanalogie – jeder versteckt sich, um seine wahren Gefühle zu verbergen – wirkt in der plakativen Ausführung am Ende nur noch ermüdend.

Was ein bisschen schade ist, weil der bekloppte Faber sich hier zum ersten Mal verguckt und eben die Maske des Zynikers fallenlässt, um ganz, ganz sanft um ein paar Streicheleinheiten zu buhlen. Am Ende steht er so ausgenutzt und benutzt da wie der Kollege aus dem Betrugsdezernat und die vielen Frauen, die ohne ihr Wissen im Bett gefilmt wurden. Hat der Faber auch nicht verdient.

Bewertung: 3 von 10 Punkten

»Tatort: Masken«, Sonntag, 20.15 Uhr, Das Erste

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