»Tatort« mit schlichten Frauenbildern Männerfresserin gegen Mauerblümchen

Die Vermessung der Frau 60 plus: Dieser »Tatort« mit Heike Makatsch gibt vor, weibliche Sehnsüchte zu zeigen – macht die Figuren aber zwischen SM-Sex und Schiller-Rezitationen zu Abziehbildern.
»Tatort«-Szene mit Ulrike Krumbiegel und Klaus Steinbacher: »Sie hat kräftig nachgeholfen: Implantate, Botox, Facelifting«

»Tatort«-Szene mit Ulrike Krumbiegel und Klaus Steinbacher: »Sie hat kräftig nachgeholfen: Implantate, Botox, Facelifting«

Foto: SWR/Peter Porst

Eine scheue Dame jenseits der 60, die mit ihrem halb so alten Liebhaber vor dem Einschlafen Schiller liest. Eine sadistische Dame jenseits der 60, die ihren halb so alten Liebhaber als Hündchen durch die Wohnung peitscht. Sagen wir mal so: Die Sympathie- und Mitleidswerte sind in diesem »Tatort« ziemlich eindeutig verteilt. Und das macht ihn recht langweilig.

Denn eigentlich war er wohl als raffiniertes, doppelbödiges Spiel mit verschiedenen Zeitebenen konzipiert, bei dem man während der Sprünge zwischen Vergangenheit und Gegenwart immer wieder den Blick neu justieren soll, um vorschnelle Einschätzungen zu revidieren. Doch die weiblichen Charaktere bleiben trotz des komplizierten Geflechts aus Vor- und Rückblenden denkbar eindimensional. Das Mauerblümchen bleibt Mauerblümchen, die Männerfresserin bleibt Männerfresserin.

Kommissarin Berlinger (Heike Makatsch) stellt einen Verdächtigen: »Ich habe es gesehen: Gerissenheit, Angst, Panik«

Kommissarin Berlinger (Heike Makatsch) stellt einen Verdächtigen: »Ich habe es gesehen: Gerissenheit, Angst, Panik«

Foto: SWR/Daniel Dornhöfer

Behandelt werden in diesem Krimi gleich drei Verbrechen unterschiedlicher Schwere: Zuerst sehen wir, wie ein Hund eingeäschert wird, den man zuvor vergiftet hat. Dann stirbt eine Diabetikerin an einem Insulinschock, bei dem wahrscheinlich Fremdeinwirkung im Spiel war. Schließlich wird die Tochter der Staatsanwältin entführt.

Der Mann als Sextoy

Ins Zentrum der Aufmerksamkeit von Kommissarin Ellen Berlinger (Heike Makatsch) gerät schnell ein jüngerer Mann: Hannes Petzold (Klaus Steinbacher) trägt auffällige Knast-Tattoos, saß sechs Jahre für unterschiedliche Gewaltverbrechen ein und schlägt sich nun als Bestatter auf dem Hundefriedhof durch. Er agierte, so legt das Vor-und-Rückblenden-Geflecht nahe, sowohl als sanfter romantischer Galan des Schiller-Mauerblümchens als auch als Sextoy für deren beste Freundin, die Sado-Männerfresserin.

Ermittlerin Berlinger hat inzwischen beide Töchter in die Obhut anderer Menschen gegeben und deshalb allerhand Zeit, um sich in die Aufklärung des undurchsichtigen Tods der Diabetikerin (und aller anderen Straftaten drumherum) zu schmeißen. Die Figur Berlinger ist ja über die schwierige Entwicklungsgeschichte des Makatsch-»Tatort« in den letzten sechs Jahren fast komplett aus jeder Art von sozialem Umfeld gefallen; der Kollege Martin Rascher (Sebastian Blomberg) ist da inzwischen eine Art Betreuer, der sie vor den schlimmsten Selbsthassattacken bewahren muss. Sie sei eine schlechte Mutter, aber eine gute Kommissarin, sagt Berlinger in der aktuellen Episode.

Vielleicht feiert sie deshalb fast schon manisch ihren kriminalistischen Instinkt. Schon bei der ersten Begegnung hält sie den Ex-Knacki für den Mörder: »Es war wie ein Blitz, eine Erkenntnis, ich habe es gesehen: Gerissenheit, Angst, Panik.« So verengt sich der Blick der Ermittlerin bei der Aufklärung des Verbrechens.

SM-Spiele in Lederhotpants

Autor Thomas Kirchner (Stammautor der »Spreewald«-Reihe im ZDF) und Regisseur Tim Trageser haben ihren verschachtelten Krimiplot handwerklich solide gebaut und inszeniert – aber im Grunde genommen teilen sie das Problem des verengten Blicks mit ihrer Ermittlungsheldin Berlinger. Mauerblümchen, Männerfresserin, Manikerin – die Frauenfiguren treten hier bei aller Komplexität der Story niemals aus ihrer zementierten Rollenbeschreibung heraus.

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Kommissar-Karussell: Alle »Tatort«-Teams im Überblick

Foto: Martin Rottenkolber / WDR

Manchmal wirken die zugewiesenen Attribute regelrecht perfide – etwa, wenn es um die Beschreibung jener Frau 60 plus geht, die an dem Insulinschock stirbt und zuvor bei SM-Spielchen ihren jungen, finanziell abhängigen Lover in Lederhotpants durchs Haus dirigierte, um ihm dann zur Belohnung eine wertvolle Krügerrand-Münze in den Mund zu stecken. Werden hier tatsächlich die Gelüste einer älteren Frau dargestellt – oder handelt es sich bei diesem verschwitzten Nachbau eines SM-Pornos eher um eine männliche Projektion der Filmemacher?

Nichts gegen Ledersex im Alter, aber dass man den Fetisch der Protagonistin nur deshalb ins Bild setzt, um sie weiter charakterlich zu desavouieren, verrät dann schon einen sehr altbackenen Blick auf die eher abseitigen Formen von Lustgewinnung.

Irgendwann nervt die tautologische Aneinanderreihung von Zuschreibungen, mit der diese Frau als eitle, egoistische, sadistische Bitch ins Bild gesetzt wird. In einer Szene liegt die Leiche der Frau auf dem Obduktionstisch. Die Kommissarin sagt: »Sie sieht verdammt gut aus für ihr Alter.« Die junge Gerichtsmedizinerin lächelt süffisant und erklärt: »Sie hat kräftig nachgeholfen: Implantate, Botox, Facelifting. Aber irgendwann hält das auch nicht mehr.«

Die Vermessung der Frau 60 plus – sie wird in diesem »Tatort« nachgerade zum obszönen Akt.

Bewertung: 3 von 10 Punkten

»Tatort: In seinen Augen«, Sonntag, 20.15 Uhr, Das Erste

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