"Tatort"-Sequel zu "Tod im Häcksler" Rückkehr nach Pfälzisch-Sibirien

Bob Dylan singt, Ben Becker tanzt, Lena Odenthal kokst: 28 Jahre nach der Skandalfolge "Tod im Häcksler" trifft Ulrike Folkerts als TV-Kommissarin ihre alte Liebe wieder. Ein angenehm moralfreies Abenteuer.

Benoit Linder/ SWR

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Morgens halb zehn in Deutschland: Stefan Tries (Ben Becker) zerkleinert sich Schmerztabletten auf dem Dach seines Polizeiwagens und zieht das Pulver wie Koks durch die Nase. Kleiner Snack muss sein. Ein bekümmert dreinblickender Junge hält ihm derweil sein kaputtes Fahrrad hin, das der Polizist sogleich mit einem Lächeln repariert. Tries ist Kokser und Kümmerer.

An seiner breiten, etwas aus dem Leim gegangenen Brust findet jeder Platz, der nichts dagegen hat, wenn der Polizist mit ein paar krummen Geschäften der kleinen Gemeinschaft der westpfälzischen Gemeinde Zarten hilft. "Pfälzisch-Sibirien" hat er das Kaff mal genannt, weil die Gegend so karg, dunkel und rückständig ist. Dabei scheint bei Tries eigentlich immer die Sonne.

Mit seinen Kollegen lebt der Polizist Haus an Haus in einer Neubausiedlung an einer gerade fertig geteerten Straße, über deren Namen sie selber lachen müssen: "An der Bullenweide". Kleines Geschenk vom benachbarten hochmodernen Recycling-Unternehmen, das ordentlich Gewerbesteuer in die ansonsten eher strukturschwache Gegend spült. Tagsüber sitzen die Polizisten im Streifenwagen zusammen, abends kommen sie sich mit Nudelsalat besuchen, nachts wickeln sie für die Mafia im nahen Frankreich Drogengeschäfte ab, um die Kredite für die Eigenheime abzuzahlen.

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"Tatort" mit Ulrike Folkerts: Die Harten von Zarten

Nun ist ein ambitionierter junger Streifenpolizist erschossen worden, als er einen französischen Lastwagenfahrer wegen Geschwindigkeitsübertretung gestoppt hat. Auftritt Lena Odenthal (Ulrike Folkerts), die schon einmal vor vielen, vielen Jahren in Zarten war und mit dem schon damals unbürokratischen Provinzbeamten Tries eine Affäre hatte.

Zurück in die Heimat Helmut Kohls

"Tod im Häcksler" war der Titel der Folge aus dem Jahr 1991, es war die dritte mit Lena Odenthal, die inzwischen länger im Einsatz ist als alle anderen TV-Ermittler. Der spätere deutsche Großproduzent Nico Hofmann ("Unsere Mütter, unsere Väter") inszenierte damals den "Tatort" mit ihr über das (fiktive) westpfälzische Dorf Zarten in schönen schlackigen Braun- und ironischen Untertönen als etwas andere Hommage an die Heimat Helmut Kohls, Saumagen-Anspielungen inklusive.

Der Hofmann-"Tatort" war ein zugespitzter Stimmungsbericht aus dem tiefsten Westdeutschland, in dem sich ebenso wenige von Kohls "blühenden Landschaften" fanden wie in Ostdeutschland. Rückständigkeit und Tristesse zeichnete die "Tatort"-Pfalz aus, der Begriff "Pfälzisch-Sibirien", der in dem Krimi geäußert wurde, sorgte für einen Skandal, sogar die Politik schaltete sich ein. Von solchem Aktivierungspotenzial aus vor-ironischen Zeiten können "Tatort"-Verantwortliche trotz der immer noch stattlichen Quoten der Krimi-Reihe jetzt nur noch träumen.

Heute gibt es einen allgemeinen Ironie-Konsens, weshalb Folkerts als Odenthal nun zu einem verschmitztem Country-Blues in den tiefen pfälzischen Westen zurückreiten darf, um alte Liebe und alte Feindschaft aufzuwärmen. Drehbuchautor Stefan Dähnert, der auch schon "Tod im Häcksler" geschrieben hatte und zuletzt den Lindholm-"Tatort" aus Göttingen, baute den neuen "Tatort" rigoros als Sequel auf und arbeitet den Fortsetzungscharakter smart mit Zitaten hervor.

In einer der schönsten Sequenzen, weißes Pulver ist auch hier mit im Spiel, sehen wir die Kommissarin aus der Stadt und den Provinzbullen zu Bob Dylans "Lay Lady Lay" eng tanzen, um dann Flashbacks zum "Tatort"-Tête-à-Tête von vor 28 Jahren zu sehen. Regisseurin Brigitte Maria Bertele, die vor ein paar Jahren mit Melika Foroutan mal eine wirklich starke Krimi-Reihe mit einer alkoholkranken Ermittlerin zu etablieren versuchte, inszeniert gekonnt zwischen Rausch und Absturz, ohne das Odenthal-Abenteuer moralisch zu beschweren.

Leider fällt Folkerts im Vergleich zu Becker gegen Ende ziemlich ab. Der Spielpartner hat inzwischen die Statur des mittelalten Kohls und verkörpert seine Figur raumfüllend ambivalent; da bleibt wenig Platz für die staksige Verliebtheit von Folkerts einsamer Odenthal. So wie Beckers Provinzpolizist die in amtlichen Exzessen angesoffene und angefressene Plauze in den Emo-Permafrost der Pfalz hält, möchte man sich trotz all der zweifelhaften Taten an ihr wärmen.

Bewertung: 7 von 10 Punkten


"Tatort: Die Pfalz von oben", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

insgesamt 31 Beiträge
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Belle 15.11.2019
1. Palz
Jeder weiß woher der Name für den Landstrich kommt: der liebe Gott sagte zum Teufel: "ach, palz doch !"
1616 15.11.2019
2. Pfälzisch Sibirien
Kohls Heimat war das nicht, der kam aus Ludwigshafen, war Städter. Bei "Pfälzisch Sibirien" denke ich an das irgendwo zwischen Pirmasens und Zweibrücken, zwischen Landstuhl und Bitsch. Da gibt's auch so freie Höhen wie auf dem Bild im Artikel.
MetaMestik 16.11.2019
3. Jubiläum
Freue mich auf die Jubiläumsfolge! Leider enthielt der Artikel einige Längen und Informationen, die mir jetzt nicht wirklich viel über den Krimi gesagt haben. Aber es ist eh besser, sich ein eigenes Bild zu machen.
Dramaturgen-Frau 16.11.2019
4. Selbstreferentieller Tiefpunkt
Eines muss man der Agentur der Edelkomparsin, die die Kommissarin dieses Tatort mimt, sowie der Vernetzung der Dame (in Köln würde man Klüngel sagen) ja lassen: kurz vor dem selbstreferentiellen Höhepunkt wird die Dame nochmal durch die Talkshows gereicht, um sie in den Hirnen der Zwangsabgabezahler zu verankern (Drei nach Neun, Inas Nacht etc.). Doch wer ein wenig Ahnung hat, weiß, dass das Auftauchen von Ben Becker nur das Ende dieses auserzählten Tatorts sein kann. Becker ist der Claude-Oliver Rudolph der Gegenwart: ein nur noch mäßger Darsteller, der sich (vor allem körperlich) gehen lässt und meint, seine ostentativ zur Schau gestellte Alkoholstimme reiche dem Publikum. Tut es ja auch. Ich freue mich jedenfalls, an diesem Sonntagabend nun also meinen allmählich riesigen Bücherberg bei dem einen oder anderen Glaserl Grüner Veltliner zu verkleinern. Tatort an diesem Abend wäre Folter.
Little_Nemo 17.11.2019
5. Wiedersehen
Da werde ich mir wohl nach langer Zeit mal wieder einen neuen Odenthal-Tatort ansehen. Eigentlich mag ich die nicht so gern. Frau Volkerts halte ich für eine hoch sympathische Frau und exzellente Schauspielerin, die ich gern auch viel öfter in anderen Rollen gesehen hätte, aber die Ludwigshavener "Tatorte" haben mir nie so richtig gefallen. Ausnahme: "Tod im Häcksler", mit einer noch sehr jungen Ulrike Volkerts im unverkennbaren 80er-Look, einem ebenso jungen, knuddeligen Ben Becker und einem verschworenen Dorf-Mob. Ein Hauch von "Pfälzisch Chainsaw Massacre". Unvergesslich! Dankenswerterweise jüngst mal wieder in die Mediathek gestellt.
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