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14. März 2014, 09:45 Uhr

SM-"Tatort" aus Leipzig

Hokus Pokus Koitus

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"Fifty Shades of Grey" in Leipzig? Saalfeld und Keppler ermitteln im SM-Milieu. Was leicht zum Trendstück über die neue angebliche Lust an der Unterwerfung hätte werden können, ist ein grausamer Krimi über die Grauzonen der Erotik - und der erste starke MDR-"Tatort" seit Jahren.

Dieser "Tatort" tut sehr weh. Aber damit kein Missverständnis aufkommt: Er tut nicht weh, weil er von schmerzhaftem sadomasochistischen Sex erzählt. Recht wenig zu sehen ist hier von der Leder-Bondage-Peitschen-Trainingseinheit, die seit dem Bestsellererfolg der BDSM-Schmonzette "50 Shades of Grey" in jeder Frauenzeitschrift als prickelndes Abenteuer gefeiert wird, mit der sich der eheliche Trott aufpeppen lässt. Was wirklich schmerzt an diesem "Tatort", das sind die Dialoge.

Einmal kommt ein Dating-Trainer zu Wort, dessen Agentur anbietet, Männer in Sex-Anbahnungstechniken einzuführen. Sein Werbeslogan lautet "Hokus Pokus Koitus", der Trainer selbst praktiziert seine Techniken an nicht mehr ganz so jungen Frauen. Er sagt: "Die sehnen sich nach Komplimenten, gerade in der Zeit, in der sie kippen, zwischen 40 und 50." Und gerade, wenn man denkt, infamer kann es nicht werden, fällt aus einem anderen Mund dieser Satz: "Ab 50 ist es vorbei, da modert man von innen raus."

Das also ist die zynische männliche Sicht auf das Thema dieses "Tatorts": Es geht um eine Gruppe von drei attraktiven Frauen, die auf Ü-40-Partys Spaß und vor allem Bestätigung suchen. Und um die zwielichtigen Typen, auf die sie dabei gelegentlich reinfallen. Eine der drei Frauen wird am Ende einer Nacht nackt und tot am Straßenrand gefunden; die Leiche weist Spuren sexueller Gewalt auf, in ihrer Vagina steckt eine Fussfessel aus rosa Leder. Kommissar Keppler (Martin Wuttke) und Kollegin Saalfeld (Simone Thomalla) nehmen die Fakten zur Kenntnis, staunen - und schweigen.

Kein Platz für Voyeurismus

Die Leipziger "Tatort"-Episode "Für immer Frühstück" hätte leicht ein plakativer Film über den angeblichen Trend zum SM werden können. Ein Themenstück über die neue Sehnsucht der Frauen nach der Freiheit in der Unterwerfung, unterlegt mit flottem Lederquietschen, Fesselklirren und Peitschenknallen. Das ist es zum Glück aber nicht geworden.

Drehbuchautorin Katrin Bühlig hat zuvor einige psychologisch gewagte "Bella Block"-Folgen geschrieben und unlängst mit der Psychiatrie-Doku "Restrisiko" eine verstörend unaufgeregte Nahaufnahme männlicher Sexualstraftäter geliefert. Dafür wurde sie für den Grimme-Preis nominiert. Regisseurin Claudia Garde zeichnete einst mit dafür verantwortlich, dass die Borowski-"Tatorte" aus Kiel ohne Psycho-Geplapper tief ins gestörte Innenleben von Tätern und Täterinnen hinabsteigen konnten.

Nicht unerheblich für das Gelingen von Bühligs und Gardes riskantem MDR-"Tatort" ist auch die Arbeit der Kamerafrau Birgit Gudjonsdottir, die in wenigen präzisen Bildern BDSM-Settings zeigt, ohne in spekulative Perspektiven zu verfallen. Für Voyeurismus ist hier kein Platz.

100 Schattierungen von Grau

Brillant, wie die Themen Altern, Sehnsucht und Begehren vor dem SM-Hintergrund zu einem schmerzlich doppelbödigen Erotikkrimi verarbeitet werden, der tief in die Machtdynamiken zwischen Mann und Frau führt. Zentraler Verdächtiger in dem Mordfall ist bald ein graumelierter Schönheitschirurg (Filip Peeters), der in einem angemieteten Apartment seinen dominanten sexuellen Vorlieben nachgeht. Doch die Filmemacherinnen sind weniger an ihm interessiert als an jenen Frauen, die sich um ihn herum positionieren. Da ist die Ehefrau (Victoria Trauttmansdorff), die ihren Mann zu beherrschen glaubt, weil sie ihn mit seinen Gespielinnen gewähren lässt. Und da ist die Geliebte (Ursina Lardi), die meint, den sadistischen Mann in der Hand zu haben, weil doch nur sie allein seine ganz speziellen Phantasien befriedigen kann.

Ein Szenario, das die schwierigen unausgesprochenen Aspekte in ritualisierten Sexpraktiken ausleuchtet und das triviale Freiheit-durch-Unterwerfung-Konstrukt von "50 Shades of Grey" weit hinter sich lässt. 100 Schattierungen von Grau - ob der "Tatort"-Zuschauer dafür schon reif ist?

Wer hätte gedacht, dass ein komplexer Thriller über das Verdrängte in der gelebten Lust ausgerechnet aus Leipzig kommt, wo vor allem die Kommissarin sonst sämtliche Zwischentöne empört niederbrüllt. Martin Wuttke und Simone Thomalla waren noch nie so gut, weil so zurückhaltend. Zum Dank erhielten sie kurz nach dem Dreh im Oktober letzten Jahres die Kündigung. Zwei weitere Folgen werden 2014 noch mit ihnen gedreht, zeitgleich soll über eine Ausschreibung das Konzept für einen neuen MDR-"Tatort" ermittelt werden.

Dieses grausam genaue Krimistück über die Grauzonen der Lust sollte allen Produzenten, die sich daran beteiligen, als Orientierung dienen.


"Tatort: Frühstück für immer", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

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